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Feuilleton

Anne Weber erhält Deutschen Buchpreis

Der Roman "Annette, ein Heldinnenepos" ist der beste deutschsprachige Roman des Jahres. Ihre Heldin hat Autorin Anne Weber persönlich kennengelernt.

Die Autorin Anne Weber ist mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden.
Die Autorin Anne Weber ist mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. © dpa
Die Bücher von Anne Weber.
Die Bücher von Anne Weber. © dpa

Von Karin Großmann

Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie. So wird eine Frau namens Annette Beaumanoir vorgestellt. Sie ist Mitglied der kommunistischen Résistance und rettet in Paris jüdische Kinder vor den Nazis, ist Professorin für Neurologie, Ehefrau, Mutter. Heute lebt sie hoch betagt in der Bretagne – und nun ist sie eine Figur der Literaturgeschichte. Die Autorin Anne Weber erhielt am Montagabend für „Annette, ein Heldinnenepos“ in Frankfurt am Main den Deutschen Buchpreis. Er ist mit 25.000 Euro dotiert. Jeweils 2.500 Euro gehen an die fünf anderen Kandidaten. Die Shortlist fiel in diesem Jahrgang durch besondere Originalität auf. Da gibt es ein furioses Erzählstück über das Missverstehen zwischen zwei Wissenschaftlern, einen Roman über die Anfänge der Augsburger Puppenkiste, eine Reise durch die Hirne von Millionären und Mystikern. Viel Historisches, das auf die Gegenwart zielt und trifft.

Die Kür von Anne Webers Buch als „bester Roman des Jahres“ ist kühn. Abgesehen davon, dass dieses Etikett sowieso nie zutrifft: Das Wort Epos ist ernst gemeint. Die Sprache folgt einem eigenen schwingenden Rhythmus. Es sind reimlose Verse voll Überraschungen. Epen gehören nicht eben zu den gängigen Gattungen der Literatur, sie lassen an hehre Ideale und hohen Ton denken, an höfisches Mittelalter, an wagemutige Heldentaten. Anne Weber gelingt die Verwandlung der alten Erzählform in etwas Neues. Und tatsächlich erzählt sie von einer Heldin – ohne sie auf den Sockel zu heben. Denn zu diesem Leben in Untergrund, Flucht und Widerstand gehört auch die Frage, wie viel Böses erlaubt sei, um das Gute durchzusetzen. Hätte dieser Kampf auch ohne Gewalt sein Ziel erreicht? Wer zahlt den Preis? 

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Anne Weber, geboren 1964 in Offenbach, lebt seit 1983 in Paris und lernte Annette Beaumanoir durch einen Zufall kennen. Ohne diese Begegnung, sagt die Autorin, sei der Erfolg dieses Buches nicht denkbar. Und es sei ihr unmöglich erschienen, Dialoge für diese Frau zu erfinden oder ihr Worte in den Mund zu legen wie bei einem klassischen Roman. Anne Weber umkreist die Französin aus der Distanz. Sie forscht den Motiven nach für Andersdenken und Andershandeln. Sie folgt den Lebenswegen dieser ungewöhnlichen Frau in den Fünfzigerjahren bis auf eine Orangenfarm in Algerien. „Zu unserer Erleichterung stellen wir fest: Ferien und Sommer kann sie auch.“ Doch bald gehen die Bomben hoch, und die Kellner schenken französischen Gästen Tee aus, als sei es Gift. Die Armee verweigert dem Parlament den Gehorsam und foltert. Anne Weber malt Kriegsszenen aus und die Wut von Annette Beaumanoir, die sich fragt: Wie kann man das ohne Protest geschehen lassen? „Wir sind eine riesige Nation der Unterdrückten, und eine andere benötigen wir nicht.“ Und weil die kleine, schmale Frau allen ein freies und gerechtes Leben bescheren will, zwängt sie sich „klappmesserartig“ in den Kofferraum eines Autos und kämpft den nächsten Kampf. 

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