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ARD-Orchester: Liegt da zu viel Musike drin?

Wer braucht noch all die Rundfunkorchester, -chöre und -bigbands? Sie sind teuer, teils abgehoben und überholt, heißt es. Stimmt das?

Längst abgewickelt: Das Rundfunk-Tanzorchester Leipzig in der TV-Unterhaltungssendung "Da liegt Musike drin" 1981 im "Haus der heiteren Muse" Leipzig.
Längst abgewickelt: Das Rundfunk-Tanzorchester Leipzig in der TV-Unterhaltungssendung "Da liegt Musike drin" 1981 im "Haus der heiteren Muse" Leipzig. © dpa PA/Klaus Winkler

Das war jüngst eine Schlagzeile. Simon Rattle, einer der teuersten und renommiertesten Dirigenten der Welt, übernimmt ein deutsches Orchester. Der Ex-Chef der Berliner Philharmoniker, derzeit in London Maestro, will so den Brexit-Ärger umgehen und näher bei seiner in Deutschland lebenden Familie sein. Ab der Saison 2023/24 leitet es das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dessen Chor dazu. Mit seinem populären Namen, so Beobachter, will das Orchester seinen Stand sichern. Denn die Sender müssen sparen. Warum nicht bei den Klangkörpern? Der Legitimationsdruck der durch Gebühren finanzierten Ensembles führt seit Jahren zu einem Wettstreit um Künstler, auf die das Publikum erpicht ist.

Warum und seit wann gibt es Rundfunkorchester und -bands?

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Mit der Einführung des Rundfunks in Deutschland in den 20er-Jahren entstand ein gewaltiger Bedarf an Musik – ob zunächst live oder später per Aufnahmen eingespielt. Zu den ältesten Rundfunkorchestern gehört das Leipziger Sinfonie-Orchester (1923, Vorgänger des heutigen vom MDR). Auch Chöre entstanden. Der Älteste ist der vom MDR, gegründet 1934. Zu einer flächendeckenden Verbreitung kam es nach 1945 durch die Gründung der öffentlich-rechtlichen Anstalten, die ihren Kultur-, Bildungs- und Unterhaltungsauftrag wahrzunehmen hatten. In manchen Sendegebieten existierten mehrere Klangkörper – etwa beim NDR in Hamburg und Hannover – sowie Bigbands und Tanzorchester. Nach Fusionen und Auflösungen vor allem nach der Wende gibt es heute elf Rundfunkorchester und vier Bigbands. Zwei Orchester und Chöre in einer gGmbH-Trägerschaft produzieren vor allem für das Deutschlandradio und den RBB.

Die Archive sind voll von Aufnahmen. Braucht es also die Klangköper noch?

Nicht mehr in der Vielzahl unter dem Aspekt, dass faktisch jedes Werk zigfach als Aufnahme vorliegt. Zumal die Sender auch gern Konzerte von den Sinfonieorchestern ihrer Region senden und aufzeichnen. So macht es etwa der MDR mit vielen Konzerten der Sächsischen Staatskapelle. Anders ist die Frage, wenn es um neue Musik geht. Darauf sind viele Rundfunkorchester aus ihrem Gründungsauftrag heraus spezialisiert. Mag die zeitgenössische Musik auch nur eine kleine Hörerschaft haben, sie ist wichtig und braucht nichtkommerziell ausgerichtete Interpreten.

Wie groß und teuer sind diese Rundfunkklangkörper?

Es gibt die an klassischen Sinfonieorchestern orientierten Klangkörper mit etwa 110 Mitgliedern, die kleineren als Radiophilharmonie haben eher 50 Musiker. Beispiele: Das MDR-Sinfonieorchester hat derzeit 115 Beschäftigte, der MDR-Rundfunkchor 73. Im gesamten Klangkörperbereich, der seit Mitte 2020 Kompetenzzentrum heißt und zu dem unter anderem auch die Mitarbeiter des MDR-Musiksommers gehören, gibt es insgesamt 235 Planstellen – bei 2.063 festen MDR-Mitarbeitern in Funk/Fernsehen/Digitales. Finanziert werden die Ensembles durch Anteile vom Rundfunkbeitrag und Einnahmen etwa aus Konzerten. Von den 17,50 Euro, die jeder Haushalt monatlich als Rundfunkbeitrag zu zahlen hat, bekommt der MDR für Aufgaben in Mitteldeutschland 8,86 Euro. Die Musikensembles erhalten davon 0,48 Euro – gut fünf Prozent des MDR-Gesamtetats.

Wie gut sind diese Ensembles?

Die Güte der Ensembles ist unterschiedlich. Da gibt es Spitzenklangkörper, die es mit jedem Konzertorchester aufnehmen. Die Bigbands sind fast die Einzigen ihrer Art, die diesen Sound noch pflegen – weil er anders nicht mehr finanzierbar ist. Und die Chöre wie der vom MDR und der Rias-Kammerchor haben mit ihrer Homogenität und Durchschlagskraft internationale Strahlwirkung. Teils prekär ist die Lage immer, wenn in der Qualität sehr unterschiedliche Ensembles fusionieren, weil gemäß den Verträgen die schlechten Instrumentalisten nicht gekündigt und neue Leistungsträger nicht eingestellt werden können. So erging es auch dem MDR. 1992 wurden das starke Sinfonieorchester mit der leistungsschwächeren Radio Philharmonie verschmolzen: 174 Musiker auf einen Schlag. Der Personalabbau und -wechsel wird sich noch bis 2031 hinziehen. Je nach Besetzung gab es jahrelang entsprechend sehr gute bis schlechte Konzerte.

Warum löst man aus Kostengründen nicht Rundfunkensembles auf?

Vor dieser politischen Entscheidung – wie bei vielen Vorschlägen zur Kostenreduzierung, die Veränderungen bedeuten würden – schrecken die Verantwortlichen in den Sendern, Rundfunkräten oder Staatskanzleien zurück. Kulturabbau würde Widerstand provozieren. Kein aufgeklärter Intendant, Politiker oder Minister mag als Kulturvernichter dastehen! Dabei gibt es teils absurde Situationen, wenn in Städten wie Berlin und Hamburg mehrere vom Steuer- und Gebührenzahler finanzierte Sinfonie-, Rundfunk- und Theaterorchester um Mittel und Publikum konkurrieren.

Birgt das älteste Rundfunkorchester und den ältesten Rundfunkchor Deutschlands: der MDR.
Birgt das älteste Rundfunkorchester und den ältesten Rundfunkchor Deutschlands: der MDR. © Hendrik Schmidt/dpa

Wodurch sollten sich Rundfunkorchester von Konzertorchestern der Städte und Länder unterscheiden?

Die Bandbreite des Repertoires sollte größer sein, also nicht nur schwerpunktmäßig Sinfonik und Klassik bedienen. Es sollten ebenso Oper und Operette gestaltet werden, geistliche und spirituell inspirierte moderne Musik sowie musikpädagogische, experimentelle und ungewöhnliche Formate wie Afterwork-Klassik, Crossover-Projekte und Filmmusik.

Wie kommt es, dass Rundfunk- die Konzertorchester übertrumpfen?

Das Anliegen ist absurd, weil die Spezialisierung andere Qualitäten hervorbringt. Die Rundfunkorchester sind durch ihre Modern-Erfahrung für neue Werke und Uraufführungen erste Wahl. Die Konzertorchester erreichen durch ihre Konzentration auf bestimmte Epochen etwa im klassisch-romantischen Fach ihre Klanggüte. Und doch gibt es Ausnahmen. Das NDR-, WDR- und BR-Orchester versuchen oder spielen in der ersten Musikliga mit. Das hängt mit der finanziellen Ausstattung der Sender und mit prägenden Dirigenten zusammen. Der Nachteil: Diese Orchester touren teils mehr im Ausland, als ihren Aufgaben im Heimatbundesland nachzukommen. Auch die MDR-Ensembles reisen ab und zu, national und international, und erfolgreich. Aber ihre Hauptarbeit sind um die 65 Konzerte im Sendegebiet laut Eigenwerbung von „Altenburg bis Zeulenroda“.

Womit rechtfertigt der MDR den Unterhalt seiner Klangkörper?

Ganz klar: mit dem Kultur- und Bildungsauftrag. „Unsere Klangkörper müssen vor allem im Tagesprogramm der Radios präsenter als bisher werden“, sagt Annette Josef, Chefin des neuen MDR-Kompetenzzentrums: „Viel stärker aber noch wollen wir als Musikvermittler und Motor für musikpädagogische Angebote tätig werden, wollen Probenbesuche, Schulkonzerte und thematische Workshops für Kinder ausbauen.“ Natürlich müssten die Ensembles die Sinfonik pflegen, aber genauso Uraufführungen als festen Teil des Programmes bieten. „Zudem müssen wir mehr nach Raritäten schauen, nach einem Repertoire, das keine Lobby hat, und speziell nach Werken mitteldeutscher Komponistinnen und Komponisten.“ Immerhin: In normalen Jahren gestalten die MDR-Künstler um die 150 Probenbesuche, Schulkonzerte und Workshops über das Jugend-Musik-Netzwerk „Clara“. Der Anteil zeitgenössischer Musik liegt bei 35 Prozent. Und in den vergangenen drei Jahren wurden 14 Auftragskompositionen vergeben sowie 30 Mikro-Kompositionen für Radio.

Wenn die MDR-Ensembles überall im Sendegebiet agieren, braucht es ja die Orchester vor Ort nicht mehr, oder?

Doch, die braucht es, so sie noch existieren und nicht der Abwicklungswelle nach der Wende zum Opfer gefallen sind. Speziell im Thüringischen verschwanden viele Orchester und wurden zigfach bis zur Unkenntlichkeit fusioniert und immer weiter verkleinert. So gehört Suhl zu den wichtigen Konzertorten der MDR-Ensembles, ebenso Städte wie Erfurt und Magdeburg, ergänzend zu den Offerten der dortigen Theaterorchester. Als Rundfunkorchester mit Sitz in Leipzig tritt es auch in der Messestadt in Erscheinung, pflegt aber seine Präsenz gerade außerhalb der musikalischen Ballungszentren Mitteldeutschlands. „Wir können medial mehr machen, müssen aber auch schauen, was im Sendegebiet passiert. Wer kann was leisten? Was können wir ergänzend dazu anbieten? Was erwartet man von uns“, sagt Annette Josef.

Warum hat es so lange gedauert, bis der MDR seine Klangkörper derart zukunftsorientiert profiliert?

Die Zeiten, als der MDR in den Metropolen wie Dresden permanent Flagge zeigte, sind lange vorbei. Profiländerungen wurden wenig demonstrativ vorgenommen, sondern eher still und kontinuierlich. Doch der „Druck steigt, flexibel zu bleiben“. Daher auch die Neugründung des Bereiches als Kompetenzzentrum Klassik. „Dessen Ziel ist es, das Wissen und Können der nun bei uns vereinten Bereiche Redaktion und Klangkörper zu bündeln“, sagt dessen Chefin: „Um mit diesem neuen Informationsfluss und den Ausspielmöglichkeiten in Radio, Fernsehen und Netz, den vielfältigen Angeboten der MDR-Chöre und des -Orchesters mehr Wahrnehmung zu verschaffen. Damit klar wird, warum man uns braucht!“ Dazu sei man mit der ganzen Szene im Gespräch, verstärke auch die Zusammenarbeit mit den Hochschulen.

Und buhlt der MDR auch um prestigebringende Stars? „Ich halte nichts von Namedropping“, so Annette Josef: „Wir suchen Solistinnen und Solisten, die vielleicht nicht so bekannt sind, die aber zu unseren Ideen und unserem Profil passen.“

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