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Auf der Jagd nach Menschenknochen

Amalie Dietrich fasziniert auch 200 Jahre nach ihrer Geburt als mutige Forschungsreisende. Aber könnte sie Morde an Ureinwohnern veranlasst haben?

Bewundert, aber umstritten: Amalie Dietrich (1821 - 1891) war Botanikern und Forschungsreisende. Die Herkunft der von ihr in Australien gesammelten Menschenknochen ist jedoch ungeklärt.
Bewundert, aber umstritten: Amalie Dietrich (1821 - 1891) war Botanikern und Forschungsreisende. Die Herkunft der von ihr in Australien gesammelten Menschenknochen ist jedoch ungeklärt. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Kein Fläschchen mit Riechsalz, nirgends. Dafür Kisten zum Fangen von Schlangen, Schießpulver, Gift, Spiritus, Unmengen von Verpackungsmaterial, englische Lehrbücher und Pflanzenbestimmungsbücher. Derart ausgestattet, betritt Frau Amalie Dietrich aus Siebenlehn in Sachsen, Tochter einer Kräuterfrau und eines Handwerkers, kurz vor ihrem 42. Geburtstag im Mai 1863 in Hamburg ein Schiff nach Australien.

Das Ziel der Botanikerin und Sammlerin: Queensland, der Nordosten des Kontinents. Zehn Jahre lang soll sie dort im Auftrag eines Hamburger Handelshauses Pflanzen, Tiere und völkerkundliche Objekte sammeln. Es ist ein extrem rauer Landstrich, in dem die Sächsin leben wird. Bedeckt noch von artenreichem Urwald und menschenarm. Erst seit wenigen Jahren wird er besiedelt durch Europäer. Immer wieder kommt es zu Kämpfen mit den australischen Ureinwohnern, den Aborigines, um Land und Wasser. Und zu Morden und Massakern an den Aborigines.

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Eine Frau im 19. Jahrhundert, die den Aufstieg aus einfachen Verhältnissen zur Forschungsreisenden schafft: Amalie Dietrichs Leben bewegt auch 200 Jahre nach ihrer Geburt am 26. Mai 1821 noch immer. Auch Matthias Lütkemeier. Der 48-jährige Wirtschaftsingenieur ist Vorsitzender des Schulfördervereins Siebenlehn, der sich um die kleine Dietrich-Gedenkstätte im einstigen Siebenlehner Rathaus am Markt kümmert. Bis der gebürtige Brandenburger in Siebenlehn sesshaft wurde und eine Familie gründete, hatte er nie von Amalie Dietrich gehört. In Siebenlehn aber begegnet man ihr noch: Als Namenspatronin des Kindergartens, auf Gedenktafeln oder auf einem ihr gewidmeten Aussichtspunkt. Lütkemeier begann, viel zu lesen über sie. Inzwischen ist er mit jeglicher Fachliteratur vertraut und hat Kontakt zu nahezu allen Forscherinnen und Forschern, die sich mit Amalie Dietrich befasst haben.

„Sie fasziniert mich, weil sie den Mut hatte, ihr Leben so in die Hand zu nehmen, wie sie es für richtig hielt. Sie war bezogen auf die Sache, das Sammeln, nicht auf den Schein, nicht auf die Karriere“, sagt er. Vier Jahre nur war „Malchen“ zur Schule gegangen. Danach half sie in der Lederwerkstatt des Vaters und begleitete ihn auf Verkaufsreisen. Wann immer es ging, las sie und bildete sich autodidaktisch, lebenslang. So wurde sie zur Botanikerin und Biologin, die mit ihren australischen Fundstücken eine gewaltige Sammlung zusammentrug. Sie ist Bestandteil des ökologischen Gedächtnisses der Welt, denn der Urwald wurde ersetzt durch Zuckerplantagen. Viele von Amalie Dietrich entdeckte Pflanzen und Tiere sind heute ausgestorben.

Fasziniert von Amalie Dietrich, aber dennoch kritisch: Matthias Lütkemeier vom Schulförderverein Siebenlehn. Der Verein betreut die Amalie-Dietrich-Gedenkstätte am Markt, die derzeit coronabedingt noch geschlossen ist.
Fasziniert von Amalie Dietrich, aber dennoch kritisch: Matthias Lütkemeier vom Schulförderverein Siebenlehn. Der Verein betreut die Amalie-Dietrich-Gedenkstätte am Markt, die derzeit coronabedingt noch geschlossen ist. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Überregional ist es in diesen Tagen zum 200. Geburtstag dennoch recht ruhig um die sächsische Sammlerin geblieben. Vor einigen Jahren war das noch anders. In den 1990er-Jahren gab es eine große Diskussion um sie in Australien, gut zwanzig Jahre später dann auch in Deutschland. Ihr Konterfei prangte sogar auf dem Titelblatt einer Zeitschrift. In mehreren Berichten wurde sie als „Todesengel“ bezeichnet. Grundlage dafür bildeten Erzählungen über die Sammlerin: Amalie Dietrich soll nach Leuten gesucht haben, die ihr einen Ureinwohner schießen würden.

Dietrich war von ihrem Arbeitgeber, dem Kaufmann Johan Cesar Godeffroy, wiederholt aufgefordert worden, auch Schädel und Skelette der Ureinwohner zu beschaffen. Godeffroy war befreundet mit dem Berliner Gelehrten Rudolf Virchow. Der sammelte menschliche Knochen, um sie wissenschaftlich zu untersuchen. Der Einzige war er nicht. Charles Darwin sorgte gerade mit seinen Theorien für Furore. Viele Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts wollten dem Ursprung der Menschheit auf die Spur kommen und dem vermuteten Bindeglied zwischen Tier und Mensch. Die australischen Ureinwohner galten damals als eine der primitivsten Stufen in der Menschheitsentwicklung. Hier versprach man sich Erkenntnisse, wie sich der Übergang vom Affen zum Menschen vollzogen haben könnte.

Nach den Berichten über die angebliche Menschenjägerin, die durch eine Reportage in der ZDF-Serie Terra X ausgelöst wurden, benannte eine Stadt im Süden Deutschlands ihre Amalie-Dietrich-Straße um. Der Amalie-Dietrich-Platz im Dresdner Stadtteil Gorbitz blieb, und auch der Wilthener Likör „Amalies Heimatkräuter“ wird weiterhin hergestellt. Es wurde wieder ruhig um die Dietrich. Aber Schatten liegen seither auf ihrem Namen.

Es ist das Verdienst des Schulfördervereins in Siebenlehn, dass es mit der Gedenkstätte, die wohl bald wieder öffnen kann, einen Ort gibt und digitale Möglichkeiten, sich ausgewogen mit Amalie Dietrich zu befassen. Ihr Interesse an der Botanik wurde gefördert und gefestigt durch ihren Mann, den Apotheker und Botaniker Wilhelm Dietrich. Mit ihm gründete sie nach der Hochzeit 1846 ein Unternehmen: Die beiden sammelten und pressten Pflanzen, klebten sie auf Bögen, beschrifteten sie gemäß der Klassifizierung Carl von Linnés und versendeten sie. Die Botanik war schick damals, ein Sammelfieber hatte die bürgerlichen Milieus in Europa ergriffen. Viele hatten ein Herbarium und kauften auch Pflanzen für ihre Sammlung.

Auch vom Schreibtisch aus auf Knochenjagd: Der Berliner Forscher Rudolf Virchow (1821 - 1902) in seinem Labor.
Auch vom Schreibtisch aus auf Knochenjagd: Der Berliner Forscher Rudolf Virchow (1821 - 1902) in seinem Labor. © imago images

Für die beiden Siebenlehner Jungunternehmer war der Handel ein hartes Brot. Sie reisten wochen- und monatelang umher. Die 1848 geborene Tochter Charitas wurde zunächst von Amalies Mutter betreut. Diese starb jedoch, als Charitas vier war. Fortan wurde das Mädchen in Pflegefamilien gegeben und musste dort zum Teil arbeiten als Dienstmädchen. Als Wilhelm aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr reisen konnte, bewältigte Amalie ihre Sammel- und Verkaufstouren durch Sachsen, Deutschland und Europa meist allein mit einem Karren, den Schäferhund Hektor zog.

Bei einer Reise an die Nordsee erkrankte sie schwer. Als sie zurückkehrte, fand sie ihren Mann nicht mehr in Siebenlehn vor. Sondern in Herzogswalde, wo er eine Stelle als Hauslehrer angetreten hatte und mit seiner Geliebten zusammenlebte, der ehemaligen Haushaltshilfe der Familie. Die Tochter hatte er in Nossen untergebracht. Sein Interesse an Charitas war von Geburt an wohl gering. Amalie legte den Ehering auf den Tisch und ging.

Die Konstante in ihrem Leben, das sie einmal als das eines „Lasttieres“ bezeichnete, war die Botanik. Amalie Dietrich setzte allen Ehrgeiz daran, sorgfältig zu arbeiten. Zu ihren Kunden gehörten viele Wissenschaftler. Einige wie der Tharandter Botanik-Professor Moritz Willkomm ermöglichten es durch ihre Empfehlungen, die Stelle in Hamburg als Forschungsreisende zu ergattern. In Vorbereitung auf Australien lernte sie Schießen, Englisch und alle Arbeiten, die nötig sind, um Tiere zu konservieren. Manches wurde in Salz gepökelt, anderes in Spiritus eingelegt wie etwa der Taipan, Australiens giftigste Schlange.

Amalie Dietrich schickte Zehntausende getrocknete Pflanzen nach Europa, eine Fülle an präparierten Tieren, Hölzer. Sogar eine Schmetterlingsfarm unterhielt sie und zog zwei Adler groß, die sie bei ihrer Rückreise mitbrachte. Ein Exemplar ihrer Sammlerstücke war für das Museum Godeffroys bestimmt, die Dubletten wurden zum Verkauf angeboten. Hinzu kamen die völkerkundlichen Objekte: Waffen, ein Kanu, Werkzeug, Bumerangs, Fotos von Ureinwohnern. Außerdem acht Skelette und vermutlich zwei Schädel.

„Der Umgang mit der Tochter hat Amalie Dietrich wiederholt den Vorwurf der Rabenmutter eingetragen, bis heute“, sagt Matthias Lütkemeier. Von ihrem Lohn für ihre Arbeit in Australien jedoch habe sie zwei Drittel in die Ausbildung von Charitas investiert. Sie selbst lebte bescheiden. Als sie 1873 zurückkam, waren sich Mutter und Tochter wohl fremd. Die Mutter war gealtert und schlicht gewandet. Charitas, verlobt mit einem Geistlichen, plante ihr bürgerliches Leben und zeigte kein Interesse, bei der Aufarbeitung der Sammlung zu helfen. Dennoch schrieb sie später ein Buch über die Mutter, das 1909 erschien und recht erfolgreich wurde. Es gilt als Biografie, ist aber ein Roman, der sich verschiedener Quellen bediente. In den zitierten Briefen der Mutter finden sich Passagen aus „Unter Menschenfressern“, des Forschers Carl Sophus Lumholtz von 1887. Die Originalbriefe sind offenbar nicht erhalten. Überhaupt gibt es nur wenig authentisches schriftliches Material von Amalie Dietrich. Es ist also bei ihrer Biografie schwer, Fakten und Fiktion zu trennen.

Amalie Dietrich kehrte 1873 nach zehnjährigem Forschungsaufenthalt zurück nach Deutschland. Irgendwann in dieser Zeit entstand diese Zeichnung.
Amalie Dietrich kehrte 1873 nach zehnjährigem Forschungsaufenthalt zurück nach Deutschland. Irgendwann in dieser Zeit entstand diese Zeichnung. © J. Loesel, loesel-photographie.d

1879 war das Handelshaus Godeffroy pleite. Godeffroys Museum, in dem Amalie Dietrich nach ihrer Rückkehr gearbeitet hatte, wurde aufgelöst. Amalie zog in ein Altersheim und verdingte sich als Naturheilerin. Sie starb 1891 bei einem Besuch der Tochter in Rendsburg. Die Pflanzen gelangten ins Hamburger Herbarium. Die völkerkundlichen Objekte und die Gebeine wurden nach Leipzig verkauft. Die Knochen verschwanden in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Die völkerkundlichen Gegenstände befinden sich heute im Grassi Museum. Einige ihrer australischen Stücke hat die Sammlerin bei einem Besuch in Siebenlehn der Stadt geschenkt. Dort sind sie in der Gedenkstätte ausgestellt.

Der Verein hat für das Gedenkjahr zahlreiche Veranstaltungen organisiert, die bisher online stattfinden mussten und auf Youtube zu sehen sind. Zum runden Geburtstag gab es Grußworte durch den sächsischen Ministerpräsidenten, vom australischen Botschafter und Beiträge von Wissenschaftlern, die sich wünschen, dass Amalie Dietrich stärker gewürdigt wird. Gleichzeitig wurde deutlich: Noch immer existiert keine Klarheit, wie die Siebenlehnerin an die Knochen gelangt ist. Es müsste dringend weiter geforscht werden, meint die australische Geografie-Professorin Ray Sumner. In zeitgenössischen Zeitungen etwa oder nach originalen Dokumenten von Amalie Dietrich. „Aber das ist sehr aufwendig, dafür hat scheinbar niemand Geld und niemand Zeit“, sagt Sumner.

Die Australierin hat sich kritisch mit Amalie Dietrich auseinandergesetzt, aber den Ausdruck „Todesengel“ findet sie unerträglich. Nichts davon sei beweisbar. Ihr stelle sich inzwischen die Frage, warum ausgerechnet eine der ganz wenigen weiblichen Naturforscher zum unheimlichen Mörder stilisiert wird, obwohl zahlreiche Zeitgenossen von Amalie Dietrich Jagd auf Aborigines machten oder Knochen aus Begräbnisstätten stahlen. Und warum der Drang zur Dramatisierung in der Öffentlichkeit oft stärker sei als das Bedürfnis nach Differenzierung.

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Auch Matthias Glaubrecht, Direktor des Centrums für Naturkunde der Uni Hamburg, wünscht sich einen ausgewogeneren Umgang mit Amalie Dietrich. „Man muss sie im Zusammenhang mit ihrer Zeit sehen. Sie steht im Kontext von unendlichen Massen an Skeletten und Schädeln, die nach Europa geschickt wurden. Sie steht im Kontext mit dem Wissenschaftsverständnis ihrer Zeit und Forschern wie Virchow als Schreibtischtäter.“ Die Spurensuche, so Glaubrecht, müsse auf jeden Fall weitergehen. Amalie Dietrichs Geschichte sei Teil des kolonialen Erbes Europas, dessen Ergründung in Wissenschaft und Kunst gerade erst in Gang gekommen sei.

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