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Auf dünnem Eis in Hoppes Hoftheater

In der Komödie von Eric Assous zerstreitet sich ein Paar über den Film „Brücken am Fluss“.

Josephine Hoppe und Carsten Linke in der Komödie "Auf dünnem Eis" in Hoppes Hoftheater Dresden. Premiere am 22. Oktober 2020.
Josephine Hoppe und Carsten Linke in der Komödie "Auf dünnem Eis" in Hoppes Hoftheater Dresden. Premiere am 22. Oktober 2020. © R. Mosmann

Von Christian Ruf


Als Clint Eastwood 1995 in dem romantischen Film „Bridges of Madison County“ (Die Brücken am Fluss) als Fotograf Robert Kincaid den Oberkörper freimachte, erntete er einen sehnsuchtsvollen Blick von Meryl Streep, die eine eher nicht wirklich glücklich verheiratete Farmersfrau spielt. Zwar war Eastwood da schon Mitte sechzig, aber die Fitness und das Aussehen, das mit ihr kommt, hatte er sich erhalten. Aber auch sonst ist die von Farmersfrau höchst entzückt, entdeckt sie durch ihn doch ihre eigenen, verloren geglaubten Sehnsüchte wieder. Aber sie verlässt ihren Mann letztlich doch nicht.

In der ein halbes Dutzend Szenen einer Ehe vor Augen führenden Komödie „Auf dünnem Eis“, die am Donnerstag im Hoftheater in Dresden-Weißig Premiere hatte, ist es nun eben jener Film, der dafür sorgt, dass der gemeinsame Fernsehabend für ein Paar nicht so gemütlich endet, wie es sich beide vorgestellt hatten. Karine (Josephine Hoppe) wischt sich nämlich beim Abspann die Tränen aus den feuchten Augen, ihr Gatte Didier (Carsten Linke) ringt sich mit müden Augen ein „Kann man sich anschauen“ ab und lässt seine bessere Hälfte lapidar wissen, dass die Schönheit des „Traummannes“ auf der Leinwand das Resultat von geschickt eingesetzter Schminke und Beleuchtung ist. Umgehend gibt Karine ihm Kontra. Ihre erste vorwurfsvolle Frage „Weißt Du, was das ist, Leidenschaft?“ kann er noch halbwegs mit der witzig gemeinten Floskel „Ich nix verstehn!“ abwehren. Als sie ihn jedoch  ultimativ zwingt, ihr auf die Frage „Bist du glücklich?“ gefälligst eine Antwort zu geben, läuft er ins offene Messer. Frauen wie Männern im  lauthals lachenden Publikum ist klar, dass Didier nicht den Hauch einer Chance hat, Karines Frage auf eine Weise zu beantworten, die sie zufriedenstellen würde. Überhaupt hat man als Zuschauer diverse Déjà-vus. Da muss man nicht mal lange verheiratet sein.

Ende vom Lied: Erst schlafen Karine und Didier getrennt voneinander. Nach einem auch nicht gerade harmonisch verlaufenden Frühstück voller missglückter Versöhnungsversuche trennen sie sich sogar. Allerdings nicht wirklich. Zum einen wohnt man weiterhin unterm selben Dach, zum anderen brauchen sich Karine wie Didier gegenseitig, um vor dem anderen von der neuen Freiheit und Unabhängigkeit zu schwärmen. Die ganzen heißen Beziehungen, die Schmetterlinge im Bauch, lügen sie sich gegenseitig vor. Als dann beide tatsächlich in derselben Nacht mit einem/einer anderen im Bett landen, ist die Sache ziemlich ernüchternd. Zart deutet sich am Ende des Stücks an, dass es Karine und Didier noch einmal miteinander versuchen werden. Zumal sie mittlerweile „Brücken am Fluss“ nochmal gesehen hat, dieses Mal „mit anderen Augen“.

Es ist ein ungemein apartes Kammerspiel, dass der Franzose Eric Assous 2013 verfasst hat. Mögen auch männlich-weibliche Stereotype im Spiel sein, aus der Luft gegriffen sind sie nicht. Die Dialoge sind definitiv stimmig wie witzig, manchmal auch nur im Abgang, etwa wenn Karine dem Satz „Wir waren in einem Restaurant!“  mit Enttäuschung in der Stimme die entlarvende Präzisierung „Pizzahut“ hinterherschiebt. Mal abgesehen von der glaubwürdigen Handlung mitsamt all ihren unbestreitbaren Wiedererkennungsmomenten ist es nicht zuletzt das Spiel der Akteure auf der Bühne, das in der vortrefflichen Inszenierung von Anke Salzmann in Bann zieht. Da stimmen in Gestik wie Mimik die Nuancen, ob nun Josephine Hoppe in einer bestimmten Situation alle Register weiblicher Verführungskunst zieht, um Didier zu bezirzen, oder ob Carsten Linke erst mit leerem Blick bei einem Bier auf dem Tisch sitzt, dann aber im nächsten Moment Karine versichert, die „tollste Nacht“ seines Lebens erlebt zu haben. Beide bewegen sich lange auf dünnem Eis. Zusammen schaffen sie es, nicht  einzubrechen.

Nächste Vorstellungen: 24.10., 14.11. 2020 & 22.1.1.2021, jeweils 20 Uhr, 14.11. auch 16 Uhr, 31.12., 22 Uhr

Karten unter: (0351) 25 06 150

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