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Aufführung ohne Publikum in der Semperoper

Dresdens Staatskapelle spielt mit 100 Mann auf der Bühne der Oper - aber nur fürs Radio.

Daniel Harding jüngst in der Semperoper beim „Entschlüsseln“ von Musik.
Daniel Harding jüngst in der Semperoper beim „Entschlüsseln“ von Musik. © Copyright by Matthias Creutziger

Von Karsten Blüthgen

Bevor sein Stab zu tanzen beginnt, spricht der Dirigent: „Guten Abend, wir fangen mit dem fünften Satz an.“ Was daraufhin erklingt, ist zwar für die Öffentlichkeit bestimmt, aber so beginnt natürlich kein Konzert. Daniel Harding und die Sächsische Staatskapelle Dresden trafen sich jüngst in Alltagskleidung auf der Bühne der Semperoper, um Mahlers „Fünfte“ zu musizieren, besser: sich durchzuarbeiten. Vor leeren Rängen, allein fürs Radio. Eine Aufnahme folgt anderen Gesetzen als die Dramaturgie einer Sinfonie. Erst recht in Zeiten von Corona, Eile und Abstand.

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Dieses Rondo-Finale ist der freudigste Satz, phasenweise sogar ein euphorisch jubelnder. Dorthin strebt alles. Ihn interpretatorisch auf den Punkt zu bringen kostet weniger Energie als die sperrigen, zehrenden ersten Sätze, weiß Daniel Harding, einer der weltweit gefragtesten Mahlerdeuter. Und sortiert deswegen um. Sein Gespür ist nicht nur für die Partitur, sondern auch für die verfügbaren Ressourcen phänomenal. Drei Stunden sind anberaumt, um gut eine Stunde Musik aufzunehmen. Der Dirigent schenkt dem Orchester die letzten fünf Minuten. Nicht mehr und nicht weniger. Ganze 48 Stunden durfte der Brite an der Elbe weilen, um danach nicht in Quarantäne zu müssen. Da wird die Aufzeichnung zur letzten Probe gemacht. Von Probenatmosphäre wird der Radiohörer freilich nichts bemerken.

Bis wenige Minuten vor Beginn sitzt der 45-Jährige zugewandt plaudernd beim Interview im Gastdirigentenzimmer. Zum Fragen bleibt kaum Luft. Er bemerkt es und lacht. „Entschuldigung, ich rede zu viel!“ Seine Gedanken purzeln in alle Richtungen, als wollten sie dem Durcheinander dieser Zeit folgen. Eine Säule sei die „starke Spielkultur und Klangkultur“ der Staatskapelle, wo er 2002 debütierte. Das Geben und Nehmen hier inspiriert ihn: „Man kommt mit einem Verständnis und einer Vorstellung von Mahlers Musik und bekommt was anderes“. Für die Sinfonie des Österreichers füllen fast 100 Kapellmusiker das Konzertzimmer der Semperoper. Ein spezielles Regelwerk der Branche, verbunden mit kurzen Corona-Testintervallen, erlaubt, dass die Kollegen enger zusammenrücken und sogar die Maske ablegen dürfen. Glücklich ist Harding mit der Situation dennoch nicht. Das Orchester ist sehr tief gestaffelt – kein Optimum in Bezug auf gegenseitiges Hören. Vor allem aber fehlen das Publikum und damit „die Idee vom Moment“, so Harding. Live „spielt man durch und gibt alles und es ist vorbei“. Gerade die Staatskapelle zeichne dies aus: „Sie ist ein Aufführungstier.“

Hardings sehr gutes Deutsch hat einen österreichischen Akzent. Wenn er später auf dem Podium das Orchester mit den Worten „Wenn Mahler es so gewollt hätte, hätte er es so geschrieben“ unterbricht, dann klingt diese charmante Rüge fast patriotisch.

Der Komponist verfluchte einst seine Fünfte. Er habe das Werk „durchgeknetet“, bis es niemand mehr verstehe, befürchtete er. Auch Hardings Arbeit ließe sich als Durchkneten bezeichnen, das nun das Verständnis fördert: Er macht Entwicklungen nachvollziehbar und logisch, gestaltet Gesten klarer, natürlicher. „Die Musik entschlüsselt sich langsam, wie alle große Musik“, sagt Harding.

Den Moment treffen, Aufführungstier sein konnte die Dresdner Staatskapelle zur Generalprobe am Vormittag. Da wurde das populäre Adagietto dieser Sinfonie in einem Durchgang aufgenommen. Hier traten die Künstler im Frack auf, Kameras liefen. Dieser sehr langsame Satz, aus dem Liebe und Trauer zugleich zu sprechen scheinen, wurde zugleich für Social Media und die Mediathek des Orchesters produziert. Im Gedenken an den einstigen Chefdirigenten Giuseppe Sinopoli, der vor 20 Jahren starb. Und in Gedenken an die Opfer der gegenwärtigen Pandemie. „Mehr Licht und Wärme“ als üblich wollte Harding in das Adagietto bringen. Beides ist derzeit besonders gut zu gebrauchen.

MDR Kultur und MDR Klassik übertragen die Aufzeichnung am 23. April ab 20 Uhr.

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