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Berg wie Himmel

Die Iranerin Mona Pourebrahim malt einsame Landschaften. Für die Qualität ihrer Kunst erhält sie den Robert-Sterl-Preis.

Mona Pourebrahim beim Aufbau ihrer Ausstellung im Robert-Sterl-Haus.
Mona Pourebrahim beim Aufbau ihrer Ausstellung im Robert-Sterl-Haus. © Matthias Rietschel

Von Uwe Salzbrenner

Mona Pourebrahim verfremdet die Natur. Dem Felsabbruch vom Tafelberg hat sie die gleiche Farbe verliehen wie dem Wolkenschimmer, dem Stein den gleichen Ton wie der reflektierenden Feuchtigkeit in der Luft. „Siena gebrannt“, nach dieser Farbe heißt das Bild. Derselbe Bergstock spiegelt sich in einem zweiten Gemälde in einem See, der im ersten wie eine blau verschattete Senke erschienen ist, jetzt jedoch grauviolett von einem türkisfarbenen Himmel absticht. Ein dritter Felsen hätte sich einst in See oder Salz spiegeln sollen, verlängert jedoch nun seine Linien tief in den durchscheinenden Grund. In diesen Landschaften herrscht Weite, knackende Stille, zuweilen reaktionsfreudige Chemie. Die Veränderung, auf die man zu warten scheint, ist indessen längst vollzogen und rein malerisch: Pourebrahim hat Farben und Formen aufeinander neu abgestimmt. Wegen der Qualität dieser Malerei erhält die 35-Jährige den diesjährigen Robert-Sterl-Preis für Meisterschüler der Hochschule für Bildende Künste Dresden.

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Der Weg dahin war weit – geografisch und künstlerisch. In ihrer Heimat, der iranischen Hauptstadt Teheran, erhält sie schon als Schülerin Privatunterricht im Malen. Bei ihrem Studium an der Universität Teheran, an der Fakultät für Bildende Kunst und Architektur, wird sie Ausbildungsmodul für Ausbildungsmodul in einer Vielzahl von Stilen und Techniken angeleitet. Das lässt leider wenig Raum für Eigenes. Pourebrahim schließt 2009 als Bachelor ab, will aber weiter studieren. Von der persischen Malerei bleibt ihr, dass ein Bild weder Perspektive noch Maßhaltigkeit benötigt, um plausibel zu sein.

Inspiration durch Fotos

Nach Deutschland zieht sie um, weil sie schon länger die deutsche Malerei schätzt, von den Romantikern bis zu Baselitz und Neo Rauch. Auch deutsche Literatur hat sie – in Übersetzungen – gelesen. Den Ausschlag gibt das System der Fachklassen, das deutsche Kunsthochschulen auszeichnet. Vor dem Malereistudium in Münster lernt sie in Paderborn ein Jahr die deutsche Sprache. Dass sie noch mal wechselt, 2015 an die Hochschule für Bildende Künste Dresden, liegt vor allem daran, dass Ralf Kerbach hier als Professor ostdeutsche Malereitradition vertritt. Und ein wenig fehlt die Großstadt. „Ich mag große Städte. Die gehören keinem“, sagt sie. „Ich mag auch das Paradoxe, Hässlichkeit, Armut.“ Heute lebt Pourebrahim in Berlin.

Mit Kerbach hat sie offenkundig den Lehrer gefunden, der sie zu der malerischen Qualität führt, die sie anstrebt. Pourebrahim lässt sich von Fotos inspirieren, arbeitet ohne Bildtiefe, praktisch mit zweieinhalb Dimensionen. Da darf die Farbe nicht flach wirken. Sie wischt viel wieder aus, modelliert auch mit dem Lappen, mit der Handfläche. Einige ihrer Landschaftsgemälde greifen in ihren Metamorphosen der Natur auf politische Themen zurück. Für ihr Diplom hat Mona Pourebrahim 2018 „Gestalt der Finsternis“ gemalt, brennende Ölquellen nach Fotos aus dem Golfkrieg. Im gleichen Jahr entwirft sie „Das Zurückgelassene“, eine Einsamkeitsfigur, die die mentale Situation von Geflüchteten meint. Zuvor hat Pourebrahim Terrassen des Reisanbaus gemalt, Symbol menschlicher Sorgfalt wie gewaltiger Naturumwandlung. Wichtig ist für sie, dass das Thema, das ihr nahe geht, der Kunst eine Aufgabe stellt. Die Verteilung des Qualms, Licht und Schatten. „Das muss abstrakter werden, damit es glaubwürdig erscheint.“

Vom steilen Zahn inspiriert

Diese Arbeit wird gewürdigt. Pourebrahim hat das Deutschlandstipendium ihrer Hochschule erhalten, ein Stipendium im Künstlerbahnhof Ebernburg, jetzt den Robert-Sterl-Preis, den die Sammelstiftungen des Bezirkes Dresden und die HfBK Dresden seit 1997 jährlich an Meisterschüler der der HfBK vergeben.

Bis Januar arbeitet sie als Stipendiatin in Altena im Sauerland. Manchmal hat sie so Atelier und Wohnung frei, manchmal gibt es im Monat ein paar hundert Euro dazu. „Kunst ist halt so“, sagt sie. „Man hat nicht so feste Einkommen. Kann sein, ein Jahr läuft es gut und nächstes Jahr nicht.“

In der Ausstellung zum Sterl-Preis zeigt Mona Pourebrahim einige der oben beschriebenen Landschaftsgemälde, raumbedingt die kleinen Formate. Dabei ist eins, das vom steilen Zahn des Rheingrafensteins nahe Ebernburg inspiriert ist. Hinzukommen Fotografien von Bühnen, die sie gebaut und bemalt hat. Sie stellt Dinge hinein, nimmt sie wieder fort, projiziert Bilder an die Rückwand. Auch hier geht es ihr vor allem um Komposition und Farbgebung – darum, spielerisch die Möglichkeiten ihrer Kunst zu erweitern.

Bis 31. Oktober im Robert-Sterl-Haus in Struppen OT Naundorf (S-Bahnhof Stadt Wehlen), geöffnet Do – So 9.30 –17 Uhr.

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