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Erregung denken

Die natürlichste Sache der Welt? Von wegen! Die Philosophin Bettina Stangneth sorgt sich um unsere „Sexkultur“.

Lady Gaga Pressebilder 2009. Foto: Universal Music
Foto: Universal Music
Lady Gaga Pressebilder 2009. Foto: Universal Music Foto: Universal Music © Universal Music

Von Jörg-Peter Löblein

Schöne Stellen finden sich auch hier. Einmal empfiehlt die Autorin der geneigten Leserschaft zum Beispiel, sich ganz spezielle Bücherregale herbeizufantasieren: „Man stelle sich einmal alles, was je ein lustvoller Gedanke war, als wertvoll gebundenes Buch vor. Wie umfangreich ist Ihre Bibliothek?“, fragt die Hamburger Philosophin Bettina Stangneth aufmunternd. Schließlich könne sich jeder Mensch als „Autor“ seiner sexuellen Fantasien begreifen, und natürlich dürfe auch jedwede Absonderlich- und Abgründigkeit Aufnahme in die Sammlung solch eigener Werke finden. „Man sollte im Erröten nur nicht vergessen, dass Bibliotheken seit je als Symbol von Kultur gelten“, hält Stangneth all jenen entgegen, die lieber von „schmutzigen Gedanken“ oder „krankem Kopfkino“ reden. Die Ausgangsthese ihres ebenso schlicht wie vielsagend „Sexkultur“ betitelten Buches ist ein wenig steil, gewinnt aber an Plausibilität, je weiter man in der Lektüre vordringt: Obwohl wir in einer vermeintlich tabulosen Zeit leben, obwohl unsere Alltagswelt sexualisiert ist wie noch nie, finde doch kaum ein angemessenes Reden über Sex statt, meint Stangneth. Denn Sex sei meist nur der Anlass, um verschiedenste Dinge – letztlich vor allem Defizite – zu verhandeln. Das aber führt sehr zuverlässig weg von der (grundlegend philosophischen) Frage, was das denn überhaupt für eine Erfahrung sei, die man da mit sich und anderen mache. „Sex ist auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts nichts, worüber man spricht, es sei denn, man befindet sich auf dem Kriegspfad“, spitzt Stangneth den Befund zu. Und gibt als Minimal-Ziel aus: „Wenn dieses Buch aber nur dazu verhilft, dass man sich beim Sprechen über Sex nicht mehr so fühlt wie mit fünfzehn und ohne erledigte Hausaufgaben, wär’s auch schon nicht schlecht.“

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Der Mensch als lustfähiger Geist

Allein schon, dass das Sexuelle gerne als „natürlichste Sache der Welt“ bezeichnet wird, steht laut Stangneth einer angemessenen Reflexion im Weg. Denn das „Tierische“, die „Triebnatur“ sind wiederum kulturelle Konstruktionen, die der Mensch sich aus vielerlei Gründen auszudenken pflegt. Deshalb gibt es jede Menge Naturbegriffe. Verklemmte Kleinbürger zum Beispiel finden Homosexualität „unnatürlich“. Wenn Lady Gaga wiederum singt, sie sei nun mal so geboren („Born this Way“), dann steckt hinter ihrem emanzipatorischen Gestus natürlich auch die naive Annahme, dass Diskriminierung aufhören müsste, sobald sich nachweisen ließe, dass auch von der Norm abweichende Begierden „natürlich“ seien. Als endete damit aller Erklärungsbedarf. Hat sich die Menschheit auf sämtlichen Gebieten weiterentwickelt seit der Steinzeit, nur nicht auf dem einen? Die Art und Weise, wie wir mit unserer Körperlichkeit, unserer Lust umgehen, sei immer eine Kulturleistung, sagt Stangneth, also etwas, worauf wir Einfluss nehmen, was wir erlernen müssen. Sexkultur eben.

„Aufklärung, die es ernst meint, sollte auch zum Mut auffordern, sich seiner eigenen Sinnlichkeit ohne die Leitung eines anderen zu bedienen.“ So variiert Stangneth einmal Immanuel Kants berühmte Definition vom „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. „Kritik der erotischen Vernunft“ nennt die promovierte Kantianerin ihr Werk aber dann doch nicht. Vielleicht auch weil sie hier ohnehin weit über den nicht unbedingt als großen Erotiker verrufenen Königsberger Philosophen hinausgeht. Etwa wenn sie in der sexuellen Erregung das Denken und die Körperlichkeit so dicht beieinander sieht wie auf keinem anderen Feld: der Mensch als vernunftfähiger Körper, als lustfähiger Geist.

Nicht mit Angst, sondern Ehrfurcht begegnen

Aber keine Angst, man braucht kein Philosophie-Studium, um diesem ohne viele Fachbegriffe auskommenden Text zu folgen. Wohl aber geistige Wachheit. Dann stimulieren Stangneths elegant gebaute Sätze auf angenehm gleichmäßigem Niveau. Und einen schönen Körper hat dies Büchlein obendrein. Das orangene Lesebändchen leuchtet zwischen blütenweißen Seiten und nimmt den Farbton des Jugendstil-Feuervogels auf dem Umschlagbild auf, in dem auch ein kleiner Sehtest steckt. Vor den Kapiteln stehen Fotografien erotischer Kunstwerke aus Fernost, die zusammen mit Zitaten aus Literatur und Theorie den Bedeutungsraum erweitern. Sie stammen aus Stangneths eigener Sammlung. Einmal amüsiert sie sich, dass westliche Betrachter dieser „sexologischen Artefakte“ immer sofort zu wissen glaubten, dass es bei diesen ja eigentlich gar nicht um Sex gehe, sondern um Spirituelles. Anstatt dass man sich einfach erstmal ansehe, was da sei.

Wenn andere Kulturen Abbildungen kopulierender Paare ganz selbstverständlich in ihren Heiligtümern platzieren, dann hätten sie offenbar weniger Schwierigkeiten als wir Monotheisten, dem Sexuellen nicht mit Angst zu begegnen, sondern mit Ehrfurcht. Entsprechend verteidigt Stangneth grundlegend den Eigenwert der sogar von offenherzigsten Sexualrevoluzzern noch gering geschätzten „Autoerotik“ als Selbstgespräch, das letztlich Selbsterkenntnis sei und eben nicht bloße „Selbstbefriedigung“.

Wenn ein Paar zusammenfindet, dann trifft folglich ein Selbstgespräch aufs andere. Stangneth beschreibt die Situation sowohl als „erkenntnistheoretischen Extremfall“ wie auch als „Tanz zweier Götter“. Und driftet dabei weder ins allzu Mystische noch ins allzu Sachliche ab.Was sie zu promiskuitiven „Bildungsreisen“ und SM, Pornografie und Diversität, Tinder und Tod zu sagen hat, dürfte jeden Leser schwanken lassen zwischen tiefstem Sich-Wiederfinden und verwundertem Kopfschütteln – und zwar vermutlich an jeweils völlig verschiedenen Stellen. „Es gibt kein Sprechen über das sexuelle Erleben, das nicht immer auch das eigene offenbart“, schreibt Stangneth einmal. Für die Lektüre dieses Buches gilt das nicht minder. Es bekommt einen schönen Platz in unserer Bibliothek.

Bettina Stangneth: Sexkultur. Rowohlt, 288 Seiten, 22 Euro.

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