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„Wie ich mich als schwarze Frau fühle?“

Unser Film der Woche „The United States vs. Billie Holiday“ erzählt, wie die weltberühmte Jazzsängerin ins Visier des FBI geriet.

Für ihre Darstellung der schwarzen Gesangs-Ikone bekam Andra Day den Golden Globe als beste Darstellerin.
Für ihre Darstellung der schwarzen Gesangs-Ikone bekam Andra Day den Golden Globe als beste Darstellerin. © Takashi Seida/Paramount

Von Andreas Körner

Worte, die von Unheil künden: „Seltsame Früchte hängen in den Bäumen im Süden. Blut an den Blättern, Blut an der Wurzel. Schwarze Körper baumeln in südlicher Brise, seltsame Früchte hängen an den Pappeln.“Diese Zeilen entstammen einem Lied, das keineswegs den Texter und Komponist bekannt gemacht hat, sondern die wichtigste Interpretin. Nicht Abel Meeropol also, sondern Billie Holiday. Um „Strange Fruit“ von 1937 baut sich jetzt ein ganzer Film und natürlich geht es um die Jazzsängerin. Sie ist bis heute populär. Abel Meeropol war „nur“ ein jüdisch-russischstämmiger Lehrer aus der Bronx, Kommunist und sehr bescheiden.

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Die echte Billie Holiday verzauberte durch eine völlig neue Gesangskunst im Jazz der Swing-Ära. Ihre Schönheit, ihr Charme und ihr Charisma wirkten überwältigend auf ihr Publikum und ließen nicht mal ahnen, welche Tragödien sich in ihrem jungen Leben scho
Die echte Billie Holiday verzauberte durch eine völlig neue Gesangskunst im Jazz der Swing-Ära. Ihre Schönheit, ihr Charme und ihr Charisma wirkten überwältigend auf ihr Publikum und ließen nicht mal ahnen, welche Tragödien sich in ihrem jungen Leben scho © Capitol Records

Eine Zeit lang kam Billie Holiday in ihrer Heimat eher selten dazu, „Strange Fruit“ komplett zu singen. 1939 hatte sie es im New Yorker Café Society zum ersten Mal getan. Danach stimmte sie das Stück oft nur an, bis die Polizei den Vortrag unterbrach. Deutlicher konnte eine Anklage nicht sein, prägnanter nicht das Symbol. Schwarze Fans von Lady Day verlangten „Strange Fruit“ regelrecht von ihr, riefen den Wunsch lautstark in Richtung Bühne. Es brachte Billie H. zunehmend in die Bredouille. Das FBI war längst dabei.

Als Mädchen von den Eltern zur Prostitution gezwungen

Deutlich ist im Filmtitel zu erkennen, dass sich Regisseur Lee Daniels etwas absetzen will vom üblichen „Der Vorname genügt“-Trend für Künstlerbiografien. „The United States vs. Billie Holiday“ könnte zugleich auf den Kern der Handlung verweisen, jedoch wagt Lee Daniels eher ein munteres wie heikles Hüpfen durch Zeiten, Orte, Fiktion und Fakt.

Zwei Schrifttafeln, am Beginn und Ende der reichlich zwei Stunden gesetzt, untermauern die Idee des Projekts. 1937, heißt es in der ersten, hätte sich der US-Senat mit dem massenhaften Lynchen von Afroamerikanern beschäftigt, um dem Morden per Gesetz ein Ende zu bereiten. Es wurde nicht verabschiedet. Im Februar 2020, ist kurz vor dem Abspann zu lesen, wurde der bislang letzte Gesetzentwurf diskutiert. Auch er ist noch nicht durch.24 Lebensjahre zählte Billie Holiday, geborene Eleanora Harris, als sie im Café Society auftrat. Das zumindest ist verbrieft. Ansonsten ranken sich vor allem widersprüchliche Angaben um diese neben Ma Rainey, Ella Fitzgerald und Mahalia Jackson größte US-Sängerin, wenn man Blues, Jazz und Gospel als gemeinsamen Pool schwarzen Kulturgutes betrachtet.

Schneller Sex und zehrende Zärtlichkeit

Vielleicht hatte Regisseur Daniels deshalb Scheu, die große Klammer zu wagen. Vergewaltigung und von den Eltern beauftragte Prostitution als kleines Mädchen streifen das Kaleidoskop von „The United States vs. Billie Holiday“ nur marginal. Ihr wirklicher Einfluss auf eine stärkere US-Bürgerrechtsbewegung bleibt ebenso vage. So elegant manch optischer Kunstgriff sein mag, speziell mit pfiffigen Blenden aus archivierten Zeitdokumenten in die Filmhandlung hinein, so verliert sich mit zunehmender Lauflänge der essenzielle Zugriff aufs Politische.

Billie Holiday wird als kesse, offen aufmüpfige Frau gezeigt, die trinkt, Mittelchen spritzt, Männer liebt wie hasst, an extreme Exemplare gerät und auf der Playlist der Gefühle von schnellem Sex und zehrender Zärtlichkeit bis Verrat und Betrug so gut wie alles erwischt. Dem Rassismus in der Gesellschaft stellt sie sich mit kernigen Sätzen („Wie ich mich als schwarze Frau fühle? Würden Sie das die weiße Doris Day auch fragen?“) und benutzt trotzdem den ihr zugewiesenen Lastenaufzug, anstatt den Fahrstuhl im Hotel. Zeitig ist sie nur noch eine Getriebene, denn der Staat setzt sich mit Gewalt auf ihre Spur.

Drogenfahnder heften sich an ihre Fersen

Wie also „The United States vs. Billie Holiday“ nehmen? Am besten dürfte es gelingen, wenn man die nächste Begegnung mit einer bislang unbekannten Hauptdarstellerin genießt, ein Grundmaß Begeisterung für Jazz und tragische Schicksale vorausgesetzt. Andra Day, bürgerlich Cassandra Monique Batie, schafft es als praktizierende Soulsängerin perfekt, die auch von ihr bewunderte Ikone Holiday in Phrasierungen zu treffen und sich gleichzeitig von ihr zu entfernen und die eigene Note hinter das Original zu bringen.

Eine Oscar-Nominierung 2021 gab es, weil sie sich die Figur als Schauspieldebütantin nuancenreich und vehement greift, im Fallen und Fallenlassen überzeugt, im Schweben und Schwärmen, eloquenten Schwatz wie barschen Ton den Drogenfahndern und Beamten gegenüber, die sogar auf Tour an Billie Holiday klebten, um sie hinter Schloss und Riegel zu bekommen. „Strange Fruit“ also. Das Singen eines einzigen Liedes war zu wenig, um Bürgerin Holiday aus dem Verkehr zu ziehen. So bizarr es ist: Erst sie selbst hat entscheidend dazu beigetragen. Mit 44 fiel ihr Vorhang für immer.

Der Film ist bei Capelight streambar und erscheint dort am 14. Mai auf Blu-ray/DVD.

Außerdem neu im Heimkino:

Shtisel, Staffel 3: Wäre die Alltagsserie über ultraorthodoxe Juden in Jerusalem kein Erfolg geworden, hätte man sich die Verlängerung geschenkt. So aber gibt es weitere neun Episoden und wieder sind sie witzig, nie banal, respektvoll und sehr authentisch. Ori Elon und Yehonathan Indursky wissen eben, worüber sie Drehbücher schreiben (streambar auf Netflix).

Once A Week: Der chilenische Regisseur Matíaz Bize ist ein junger Meister der Reduktion. „Sábado“ war ein Echtzeithochzeitsvideo, „En le cama“ ein Zweipersonenstück mit Hotelbett. Letzterer heißt jetzt „Once A Week“ und wurde von Bize selbst adaptiert. Sinnlich, wortlastig, wieder im Dilemma zwischen Affäre und Beziehung (DVD/Blu-ray bei Busch).

Orlando: Sally Potters großes Tilda-Swinton-Solo aus dem Jahr 1992 ist eine Virginia-Woolf-Verfilmung über einen jungen englischen Dichter. Der zieht galant durch die Jahrhunderte – als Frau. Experimentell, prächtig, ironisch (Blu-ray bei Studiocanal).

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