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Das Buch der Bachmann-Preisträgerin

Die ostdeutsche Autorin Helga Schubert gewann den Preis im letzten Jahr, nun erscheint ihr Erzählband.

Helga Schubert Foto: ORF
Helga Schubert Foto: ORF © ORF

Das Beste kommt zum Schluss. Das ist jene Geschichte, für die Helga Schubert im vorigen Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis bekam. Der Text hält den Augenblick zwischen Aufwachen und Aufstehen fest. Eine Achtzigjährige genießt den Lavendelduft ihrer Bettwäsche, schaut voraus in den Tag mit ihrem pflegebedürftigen Liebsten und zurück in die Kindheit. Der Vater war als Soldat an der Wolga gestorben. Die Mutter verbreitete Stolz und Härte und rühmte sich dreier Heldentaten: Dass sie die Tochter nicht abgetrieben hatte. Dass sie die Tochter bei der Flucht aus Hinterpommern in einem dreirädrigen Kinderwagen bis Greifswald geschoben hatte. Dass sie sich bei Ankunft der Russen nicht erschossen oder vergiftet hatte, wie es ihr Vater verlangte; denn vorher hätte sie die Tochter töten müssen. „Da habe ich dich am Leben gelassen.“ Die Erzählerin nimmt das als Liebesbeweis. Einen anderen gab ihr die Mutter nie. Doch sie schreibt keine Anklage. Sie versucht zu verstehen und zu verzeihen.

29 kurze und längere Geschichten

Beim Wiederlesen verliert dieser Text nichts an Wirkung, im Gegenteil. Er erscheint noch stärker in seiner Klarheit und Lakonie. Helga Schubert kann Gefühle erzeugen, ohne sie zu beschreiben. Sie reduziert jeden Satz aufs Notwendigste. Der Titel der Geschichte „Vom Aufstehen“ lässt sich auf doppelte Weise lesen: als Verlassen des Bettes am Morgen und als Widerstehen. Der Widerstand richtet sich gegen die Mutterkälte und gegen die Zumutungen des privaten und des politischen Alltags. Die Kraft dazu kommt von der Großmutter. Mit Streuselkuchen und Muckefuck schenkt sie jeden endlosen Sommer lang den Vorrat an Gutem, den Kinder brauchen. Mit Leseferien in der Hängematte zwischen zwei Apfelbäumen beginnt der autobiografisch gefärbte Band.

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Es sind 29 kurze und längere Geschichten, tröstliche, grimmige, tragikomische Episoden aus einem schönschwierigen Leben. Manche sind einige Jahre alt. Viele enden überraschend. Für Pointen hat Helga Schubert ein tolles Gespür. Sie gibt selbst die Antwort, als sich die Ich-Erzählerin fragt, wie vom Tag des Mauerfalls zu schreiben sei: „Vor allem ohne Pathos. Nichts Eindeutiges, Belehrendes, Aufklärerisches.“ Dadurch fiel schon ihr Debütband. „Lauter Leben“ erschien 1975 im Ostberliner Aufbau Verlag, ein Kultbuch wie „Guten Morgen, du Schöne“ von Maxie Wander oder „Nachdenken über Christa T.“ von Christa Wolf.

Schärfer als andere Schriftstellerinnen setzt sich Helga Schubert mit der DDR auseinander
Schärfer als andere Schriftstellerinnen setzt sich Helga Schubert mit der DDR auseinander © Robert Michael

Schärfer als andere Schriftstellerinnen setzt sich Helga Schubert mit der DDR auseinander, mit dem „Zwergenland“, das Reise- und Meinungsfreiheit beschnitt. Obwohl sie ein Visum besaß und damit über die Grenze durfte, empfand sie schon das Dürfen als Zumutung, als „Privileg, das verdächtig machte“. 1989/90 engagierte sie sich als Pressesprecherin des zentralen Runden Tisches in Berlin. Sie fühlte sich „lebendig eingemauert“ mit ihrem „zerstörerischen Fernweh“, heißt es in einem ihrer Texte.

Sie erzählt auch, wie ihr die DDR 1980 die Ausreise nach Klagenfurt zum Ingeborg-Bachmann-Wettstreit verweigerte. Den Grund las sie später in ihrer Stasi-Akte: Dort solle nur das Weiterbestehen einer einheitlichen deutschsprachigen Literatur hochgespielt werden. Dass sie im Vorjahr als älteste je eingeladene Autorin den Bachmann-Preis bekam, war eine späte Genugtuung für sie. Die Lesungen und Debatten der Jury fanden nur virtuell statt, doch das nannte sie eine schutzengelmäßige Fügung. Die Achtzigjährige hätte nicht reisen können, da sie ihren Mann pflegt.

Das Gute am Altern: „Ich muss gar nichts.“

Helga Schubert lebt mit dem Maler und Schriftsteller Johannes Helm seit 2008 in Neu Meteln in Nordwestmecklenburg. In dem Dorf spielen einige der stärksten Geschichten des Buches, das am Donnerstag erschien. Da geht der alte Bauer von nebenan am Sonnabend zur Hochzeit der Enkelin und am Sonntag wie immer zum Frühschoppen. Auf dem Rückweg verabschiedet er sich von jedem im Ort, fragt, ob noch etwas zu klären sei, dann hängt er sich auf. Jetzt bindet die Enkelin die Kränze und Blumengestecke für sein Grab. Der Landarzt sagt: Hier hängen sich alle auf, wenn sie genug haben. Und dass er gerufen wird, um sie abzuschneiden. In solchen Szenen zeigt sich der unbestechliche Realitätssinn der Autorin. Mit leiser Ironie rettet sie sich aus der Bitterkeit. Dann erzählt sie von West-Touristen, die nach dem Mauerfall die Gegend erkunden und die freundlichen Ureinwohner bestaunen. Ein Pärchen wechselt per Rad zwischen West und Ost hin und her und will das Land an der Grenze wieder zusammennähen. Übernachtet wird aber im Westen. Die andere Seite ist doch zu fremd. Die ehemaligen Grenzsoldaten vermieten jetzt Ferienwohnungen und verkaufen in ihren Imbissbuden Bockwürste aus Anklam.

„Vielleicht befragen uns bald unsere Enkel kritisch, verurteilen unseren Pragmatismus, bringen eine neue gefährliche besserwisserische Utopie hervor“, so die Autorin. Einstweilen gehen sie ins Grenzmuseum. „Denn immer müssen sich die Jungen in Deutschland den Irrsinn ihrer Eltern und Großeltern in Museen und Gedenkstätten ansehen und sollen daraus für sich etwas lernen …“ Das ist geschrieben aus der Distanz des Alters. Das Altern geht immer schneller, stellt Helga Schubert fest. Das Gute daran: „Ich muss gar nichts.“ Sie notiert die Bemerkung eines Notarztes, der bei Patienten eines bestimmten Alters langsamer arbeitet: „Na, mal muss doch gestorben werden.“

Für die Autorin heißt Altsein, bewusst Abschied zu nehmen von all dem, wozu Kraft und Zeit nicht mehr reichen werden. Ihr Trost: ein Schatz an Liebe, Wärme, Erinnerung. Davon gibt sie in ihren Geschichten etwas ab. So ist ein intensives, lebensweises Buch entstanden über das Aufstehen nach jedem Scheitern und das Widerstehen. In der letzten, der preisgekrönten Geschichte steht das Vermächtnis der Schriftstellerin Helga Schubert, der Sinn jeder Literatur: „Etwas erzählen, was nur ich weiß. Und wenn es jemand liest, weiß es noch jemand. Für die wenigen Minuten, in denen er die Geschichte liest, in der unendlichen, eisigen Welt.“


Helga Schubert: Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten. dtv, 221 Seiten, 22 Euro

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