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Eine jugendliche Abrechnung mit dem Lockdown

Die Bürgerbühne spielt Büchners Klassiker "Leonce und Lena" am Kleinen Haus in Dresden. Der Theater-Nachwuchs lässt es politisch krachen.

Jugendliche spielen Büchner an der Bürgerbühne
Jugendliche spielen Büchner an der Bürgerbühne © Sebastian Hoppe

Von Sebastian Thiele

Alles klar. Der Startschuss für die neue Spielzeit soll politisch krachen. „Leonce und Lena“, Büchners spöttischer Bühnenklassiker der Staatsmüdigkeit, eröffnet kurz vor der Bundestagswahl die Saison 2021/22 am Staatsschauspiel Dresden. Sicher zieht man da Parallelen zu vorgegaukelten Trendwenden oder zum aussichtsarmen „Weiter so“. Doch weit gefehlt. Regisseurin Joanna Praml hat mit ihren zehn jugendlichen Darstellerinnen und Darstellern der Dresdner Bürgerbühne anderes im Sinn. Am vergangenen Freitag und Sonnabend feierten sie mit zwei Premieren im Kleinen Haus eine „büchnerisch“ durchwalkte Abrechnung mit der Lockdown-Tristesse.

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Langeweile, Zeit totschlagen, einfach vor sich hinleben. Wie fühlt sich das an, sich den ersten Kuss nur vorzustellen, das Lieben nie zu lernen und die Jugend zu verpassen? Was bleibt übrig, wenn Schüleraustauschträume nach Arizona platzen oder Schulabbruch zur Realität wird? Als Königskinder bezeichnet sich das 14- bis 19-jährige Ensemble der Bürgerbühne. Nur hocken sie in keinem Palast, sondern allein in ihren Zimmern. Frustriert von privaten wie schulischen Videokonferenzen. Selbst das ersehnte Theaterspielen auf einer realen Bühne steht infrage.

Wir wollen doch nur raus! Von verpassten Auslandsjahren und Schulabbrüchen berichten die Spielerinnen und Spieler der Bürgerbühne
Wir wollen doch nur raus! Von verpassten Auslandsjahren und Schulabbrüchen berichten die Spielerinnen und Spieler der Bürgerbühne © Sebastian Hoppe

Was bleibt, ist Müdigkeit. Ihnen geht es wie Leonce und Lena: Sie sind gelangweilt vom Leben, von den festgefahrenen Verhältnissen und angeödet von der Aussichtslosigkeit. Nur in ihrer Wut unterscheiden sie sich. Gelten doch die Interessen der gegenwärtigen Jugend nicht als systemrelevant. Entdeckungs- und Eroberungslust glimmen ebenso auf Sparflamme wie die Umsetzung notwendiger Maßnahmen gegen den Klimawandel. Hier auf der Bühne schreien sie es dem Publikum entgegen.

Das Leitungsteam entwickelte eine eigene Textfassung. Erfahrungen, Gedanken und Wünsche sind die Bausteine. „Die Lücke“, das Symbol für die Pandemie, ist dabei das Zentrum. Nur als grobes Gerüst dient der Klassiker von 1836. Geeignete Zitate wie „Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal“ dürfen in dieser Textcollage natürlich nicht fehlen. Erfüllt die Inszenierung für die Spielerinnen und Spieler therapeutischen Zweck, bekommt das Publikum einen emotionalen Einblick in die zwiespältige Gefühlswelt junger Menschen, denen jeglicher jugendlicher Optimismus abhandenkam.Auf plakative Kulissen oder Requisitenschlacht wird verzichtet. Inga Timm hat ein simples Baugerüst konzipiert, das rasch gleichförmige Kinderzimmer-Zellen behaupten kann und später in schwebenden und rollenden Segmenten auseinanderdriftet. Beeindruckend, was die Jugendlichen musikalisch zeigen. Ob melancholische Songs von Radiohead oder den Pixies, die Arrangements von Hajo Wiesemann spielen sie professionell selbst am Klavier oder Cello sowie auf Geige und Trompete. Das sind die stärksten Momente eines Abends, der anfangs etwas schleppend in Gang kommt.

Voneinander abgeschnitten: Jugendliche in der Coronazeit.
Voneinander abgeschnitten: Jugendliche in der Coronazeit. © Sebastian Hoppe

Sicher, diese jungen Leute fühlen sich verloren und befürchten eine Ähnlichkeit mit den „Automaten“ Leonce und Lena, doch allein schon ihr Potenzial müsste ihnen Mut machen. Auch wenn „die Lücke“ bleiben wird, dieses energetische, urkomische und sensible Ensemble hat beste Chancen, nicht als programmierbare Automaten zu enden, um eine „Weiter-so-Gesellschaft“ zu stützen. Diese Spielzeiteröffnung ist stark und gesellschaftsrelevant.

„Leonce und Lena“, wieder am: 23.9., Kleines Haus, Kartentelefon: 0351 4913555

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