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Als Chick Corea in Dresden gefeiert wurde

Zum Tod des legendären Pianisten, der den Jazz und Jazzrock über Jahrzehnte geprägt hat. Ein Nachruf von Jens-Uwe Sommerschuh.

Chick Corea bei seinem Auftritt 2017 im gerade neu eröffneten Kulturpalast in Dresden.
Chick Corea bei seinem Auftritt 2017 im gerade neu eröffneten Kulturpalast in Dresden. © Andreas Weihs

Chick Corea hat auch in Sachsen eine riesige Fangemeinde. Sein Gastspiel zuletzt im November 2017, mit dem im neuen Saal des Dresdner Kulturpalastes die Jazztage eröffnet wurden, erwies sich als eine Messe der Spielfreude. Als das Publikum damals auf einer Wolke der Begeisterung heimschwebte, wäre niemand darauf gekommen, diesen grandiosen Jazzpianisten nie wieder zu erleben. Die Eleganz und Frische seiner Improvisationen, sein verschmitztes Lächeln – ihm haftete trotz der knittrigen Falten so etwas wie ewige Jugend an.

Am Dienstag ist Armando Anthony „Chick“ Corea, wie jetzt bekannt wurde, in Florida an den Folgen einer erst kürzlich diagnostizierten Krebserkrankung gestorben.

Im Sommer wäre er achtzig geworden, und er hatte noch jede Menge vor. Mit seiner erst 2018 gegründeten Spanish Heart Band hatte er sich forciert dem Flamenco Jazz zugewandt, und das Album „Antidote“ war voriges Jahr mit einem Grammy dotiert worden, dem 23. in Chicks abwechslungsreicher Laufbahn.

Nominiert war er sage und schreibe 67 Mal. Seine Wiege stand 1941 in Chelsea, einer Kleinstadt bei Boston. Sein Vater, der eine Band leitete, brachte ihm, als er vier war, Klavierspielen bei, Mozart zunächst und andere Klassiker, keine schlechte Basis, um dann beim Jazz zu landen.

In der Bostoner Szene war er rasch als quirliger Tastenfuchs auf der Bühne und bei Plattensessions beliebt. Seine erste Solo-Scheibe, „Tones For Joan’s Bones“, nahm er mit 25 auf. Schon mit dem Nachfolger, „Now He Sings, Now He Sobs“ – zu Deutsch „Jetzt singt er, jetzt schluchzt er“ – stieg er in die Champions League des Jazz auf.

1968 heuerte er bei Miles Davis an. Unter den Fünf-Sterne-Alben jener Zeit ist „Bitches Brew“, auf der sie „Luderbräu“ als Zaubertrank zischen und einen Pharao hüpfen lassen – eines der ersten Alben des Jazzrock, an dessen Entwicklung Chick großen Anteil haben sollte.

Ob mit seiner Band Return To Forever, die den Fusion-Stil der 70er prägte, oder mit Soloprojekten wie den berühmten Delphi-Improvisationen – seine Handschrift war stets unverkennbar und unverwechselbar. Er vereinte Feingeist und Frohsinn, Intelligenz und Temperament bei allem, was er anfasste.

Auch Mozart als Pate schlug immer wieder durch: Chick schrieb selbst Klavierkonzerte, und als er sein zweites Werk dieser Gattung 2006 an der Wiener Oper aufführte, band er Wolferls Konzert Nr. 24 in den Vortrag ein und bewies augenzwinkernd, dass der Jazz als Musizierhaltung schon über 200 Jahre alt ist.

Er hat so viele Stile bereichert – Hard Bop, Fusion, Post Bop, Latin und Modal Jazz – und ließ sich dennoch nie festlegen. Manche kamen nicht damit klar, dass er in der umstrittenen Scientology-Bewegung mitmischte. Das focht ihn nicht an: Mozart war Freimaurer, und im Himmel sei hinreichend Platz und Zeit, Glaubensfragen auszudiskutieren. Man sieht sich …

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