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Maestro Thielemann fordert „Schock“

Dresdens neuer Honorarprofessor gibt seinen ersten Meisterkurs in der Semperoper. Und lehrt, dass vollster Körpereinsatz vonnöten ist.

„Die Musiker mehr anfixen, dort das Blech, hier die Celli. Ja, man bräuchte mindestens drei Hände“, so Christian Thielemann zum Masterstudenten Tim Fluch.
„Die Musiker mehr anfixen, dort das Blech, hier die Celli. Ja, man bräuchte mindestens drei Hände“, so Christian Thielemann zum Masterstudenten Tim Fluch. © Copyright by Matthias Creutziger

Dieser Tage in der Semperoper: Es hält ihn nicht lange auf seinem Platz im Parkett. „Nicht mit beiden Händen die gleiche Bewegung machen. Die linke nutzen Sie, um Akzente bei den Cellis herauszulocken“, unterbricht Christian Thielemann die „Freischütz“-Ouvertüre. Der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle gibt für zehn Dirigierstudenten der Dresdner Musikhochschule "Carl Maria von Weber" einen Meisterkurs und hat dazu sein Orchester eingeladen. Und die Musiker – denen es schwerfällt, mal nicht perfekt zu spielen – folgen tatsächlich den Anweisungen der Jungdirigenten. „Zu langsam“.... „zu mulmig“ ... „schauen Sie in die Partitur. Da müssen Sie mehr rauskitzeln“, tönt es aus der siebten Reihe. Dann eilt Thielemann zur Bühne und greift an. „So müssen Sie Druck machen und das Tempo halten.“ Der junge Mann übernimmt und wird angetrieben: „Weiter, weiter, weiter!“

Erstmals gibt der Maestro einen Meisterkurs in Dresden. An der Musikhochschule der Stadt ist er seit Oktober 2020 Honorarprofessor. „Die eigenen Erfahrungen und Fähigkeiten an junge Dirigenten weiterzugeben, ist mir Bedürfnis und Verantwortung zugleich“, sagt er. „Auch ich lerne an diesem Tag viel.“

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Jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin des Kurses hatte zwei Werke oder Sinfonie-Sätze der romantischen Konzertliteratur vorzubereiten: Weber, Beethoven, Schumann. Unter Anleitung von Thielemann, der an mehreren pädagogischen Instituten Ehrentitel hat, und durch Ratschläge von Kapellmitgliedern – wie vom 1. Konzertmeister Matthias Wollong – erhalten diese Interpretationsversuche den Feinschliff.

"Schön am Drücker bleiben", spornt Kapellenchef Thielemann die Bachelor-Studentin Katharina Dickkopf an.
"Schön am Drücker bleiben", spornt Kapellenchef Thielemann die Bachelor-Studentin Katharina Dickkopf an. © Copyright by Matthias Creutziger

Gut, dass die dirigierenden Studenten Thielemann nicht sehen können. Sein in die Hände vergrabenes Gesicht, seinen den Takt mitschlagenden Zeigefinger, die gefalteten Hände, das im-Sitz-rum-Lümmeln – freilich sagt all das nichts, wie er den Vortrag findet. Etwa den des Masterstudenten Tim Fluch. Dem muss der 61-jährige Kapellmeister nicht sagen: „Zeigen Sie mit dem Körper die Änderung der musikalischen Stimmung an.“ Der 21-Jährige legt sich mimisch und gestisch derart ins Zeug, treibt an und reduziert, dass eines Tages Schulterbeschwerden unvermeidbar sein dürften. Aber auch bei ihm gibt es Hinweise: Eine heikle Stelle, wo die „Freischütz“-Ouvertüre den Spuk und Schrecken der Wolfsschlucht-Szene vorwegnimmt, korrigiert der Meister. „Nach dem schönen C-Dur, wo man denkt, was für ein herrlicher Wald, trübt sich die Stimmung ein, der Wald offenbart Grausames. Warten Sie einen Moment länger – dann muss der Wechsel wie ein Schock kommen.“ Tim wiederholt und nimmt die Musiker derart mit, dass sie ihm am Ende applaudieren. Vom Chef kommt: „Klasse!“

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Tim spricht von einem Traum, den geliebten „Freischütz“ an „diesem Ort, mit diesem Spitzenorchester und mit dem Romantik-Spezialisten Thielemann“ erarbeiten zu können. Thielemann bedankt sich auf seine Weise, weil Tim bei seinem Festakt zum Honorarprofessor die Musik so toll dirigiert hatte. Und auch Hochschul-Rektor Axel Köhler ist glücklich: „Professor Thielemann wird die nächsten Meisterkurse sicher eher allein und in der Hochschule geben. Dass seine engagierte Kapelle jetzt mitmacht, ist sehr hoch anzurechnen. Es gibt kaum Orchester dieser Liga, die bereit sind, mit Studenten zu musizieren.“

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