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Christian Thielemanns Ode an die Spielfreude

Der Maestro lässt mit der Sächsischen Staatskapelle zum Saisonstart Beethovens Achte und Neunte funkeln.

Christian Thielemann entfesselte eine exzellente Symbiose aus Musizierfreude, Experimentierlust, Raffinesse und Emotion.
Christian Thielemann entfesselte eine exzellente Symbiose aus Musizierfreude, Experimentierlust, Raffinesse und Emotion. © Mattias Creutziger

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Wer den enthusiastischen Jubel erlebt hat, mit dem am Freitagabend in der Semperoper, bei der Saisoneröffnung der Staatskapelle, Christian Thielemanns Deutung von Beethovens Neunter gefeiert wurde, wird sich kaum vorstellen können, wie umstritten die berühmte d-Moll-Sinfonie von 1824 einst war. Damals notierte Beethovens Schüler Carl Czerny irritiert, der Chor mit Schillers Freudenlied sei „zwar sehr schön gedacht und ebenso schön (doch zu lang) durchgeführt“, aber: „Beethoven steht als Instrumental-Componist so gross und einzig da, dass Menschenstimmen ihn mehr binden als heben können.“ Kollege Louis Spohr bezeichnete das Werk gar als „monströs und geschmacklos“ und argwöhnte, es fehle Beethoven „an ästhetischer Bildung und an Schönheitssinn“. Richard Wagner, der in ihr einen Schritt hin „zur allgemeinsamen Kunst“ sah, kritisierte in einem Brief an Franz Liszt das Finale als „schwächsten Teil“.

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Fest steht aber, dass schon die Uraufführung ein Triumph war. Der Saal am Kärntnertor sei überfüllt gewesen, heißt es, und die Besucher, die zwischen den Sätzen unentwegt applaudierten, hätten mit ihrem ausufernden Freudenlärm sogar die Polizei angelockt. Die kam diesmal nicht. Doch die Ovationen des Publikums waren auch am Freitag überwältigend. Das Programm, das mitgeschnitten wurde und am 22. Oktober ab 20.05 Uhr von MDR Kultur und MDR Klassik gesendet wird, begann mit der selten gespielten Sinfonie Nr. 8 von 1812. Mit etwa 25 Minuten ist sie eins der kürzesten Orchesterwerke aus Beethovens Feder, für manche eine straffere Fortführung der Eroica, mit der sie den motorischen Drive gemein hat. Die Ecksätze kommen ohne langsame Einleitung aus, und es klingen, dicht bei dicht, mehrere thematische Ideen an, die sich spannungsvoll aneinander reiben. Thielemann verwendete hohe Sorgfalt auf rhythmische Finessen, akzentuierte Pausen, fein abgesetzte Bläsereinsätze.

Einmal mehr glänzt der großartige Staatsopernchor

War die Achte als Demonstration ausgeprägter Spielkultur und subtiler Detailarbeit zu erleben, so erwies sich die Interpretation der Neunten als ein Fanal, als Zeichen: Thielemann bewies, dass er mit dem Orchester, das bekanntlich ab 2024 mit einem neuen Chef arbeiten will, nach wie vor zu Hochform auflaufen kann. Denn was sich hier in knapp 80 Minuten abspielte, war eine exzellente Symbiose aus Musizierfreude, Experimentierlust, Raffinesse und Emotion.

Der Reiz, in der Wahl der Tempi ungewöhnliche Wege zu gehen, verselbständigte sich nicht, doch setzte Thielemann vor allem im langsamen dritten Satz mit der Melange aus zärtlichem Adagio und ausschreitendem Andante aufregende Spannungspunkte. Im freudetrunkenen Götterfunken-Finale glänzten der großartig aufgelegte Staatsopernchor und die Solisten Piotr Beczala, Elisabeth Kulman, Hanna-Elisabeth Müller und Georg Zeppenfeld. Buchstäblich atemberaubend war das.

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