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Überraschendes in der Historie der Lausitz

Heino, Hussitzen und der böse Wolf - der Hobbyhistoriker Andreas Bensch schreibt die Chronik der Oberlausitz täglich fort.

Teil der Geschichte der Oberlausitz: 2006 wurden von Wandergesellen aus ganz Deutschland die Grundmauern für die „Krabatmühle Schwarzkollm“ gesetzt. Diese wurde zu einem Anziehungspunkt.
Teil der Geschichte der Oberlausitz: 2006 wurden von Wandergesellen aus ganz Deutschland die Grundmauern für die „Krabatmühle Schwarzkollm“ gesetzt. Diese wurde zu einem Anziehungspunkt. © SZ/Wolfgang Wittchen

Es beginnt mit der ersten Siedlung und endet mit Corona. Dazwischen spannt Andreas Bensch den Bogen über eine mehr als 1.000-jährige Geschichte. Seine Chronik der Oberlausitz listet Fakten aus allen Lebensbereichen auf, Seriöses wie Sensationelles. Bensch studierte nach der Lehre bei der sorbischen Druckerei „Nowa Doba“ Druckereitechnik in Leipzig und im Abendstudium Buchgestaltung. Jahrzehntelang arbeitete er als Hersteller im Domowina-Verlag. Er veröffentlichte zig Publikationen zur Regionalgeschichte. Seine Chronik erscheint jetzt in erweiterter Auflage. „Langweilig war mir noch keinen Tag“, sagt der 66-jährige Bautzener.

Herr Bensch, ergeben die 5.000 Puzzleteile der Chronik für Sie ein Bild?

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Auf jeden Fall, auch wenn es unvollständig bleibt – sonst brauchte man mehrere Bände. Mein Bild zeigt die wechselvolle Geschichte einer Region, die in nahezu alle mitteleuropäischen Konflikte verstrickt war. Im Unterschied zu anderen Landstrichen war die Oberlausitz lange ein relativ selbstständiges Konstrukt, bis sie mit dem Prager Frieden 1635 von Böhmen nach Sachsen kam. Mit sächsischen Königen hatte die Oberlausitz kein Problem. Sie wurden geliebt und gefeiert, deshalb kamen sie oft und gern. Ein Ministerpräsident fährt auch lieber in Orte, wo er willkommen ist.

Unter die Geschichtsdaten mischen Sie Unfälle und Verbrechen vom Blitzschlag in der Bauernstube bis zum Taschenraub. Was interessiert Sie daran?

Es gehört zum Leben. Und wer heute behauptet, unterm Kaiser sei alles besser gewesen, braucht nur mal in meinem Buch zu blättern. Dabei habe ich die brutalsten Verbrechen gar nicht aufgenommen, um die Leser zu schonen. Wissen Sie, wie viele Babyleichen es gab in der Frühzeit der Industrialisierung? Nach den Tätern musste die Kripo nicht lange suchen. Es waren meistens Dienstmädchen, die sich kein Kind leisten konnten.

Sehen Sie beim Gang durch die Jahrhunderte Konstanten?

Man sieht vor allem, dass die Region konstant belagert wurde. Das zieht sich von den Hussitenangriffen über die Napoleonischen Kriege bis zu den Weltkriegen des vorigen Jahrhunderts. Die dramatischen Ereignisse sind in den schriftlichen Quellen mit vielen Fakten belegt. Schlechte Nachrichten verkaufen sich besser. Das kennen wir ja. Über den Alltag in Friedenszeiten wird viel weniger berichtet. Zwischen 1813 und 1866 scheint in der Oberlausitz bis auf die 48er-Revolution nicht allzu viel passiert zu sein.

Entdecken Sie weiße Flecken?

Immerzu! Ich habe zwar in die jüngste Ausgabe meines Buches über 900 neue Fakten eingearbeitet, doch die lückenlose Darstellung bleibt ein unerreichbares Ideal. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass der Preußisch-Österreichische Krieg von 1866 in manchen Chroniken sehr stiefmütterlich behandelt wird. Leider begann dieser Krieg an der Grenze der Oberlausitz, und Tausende verwundete Soldaten mussten in den Städten der Region untergebracht werden.

Meinen Sie, dass die Leute irgendwas gelernt hätten aus den Kriegen?

Seit ich an der Chronik schreibe, bin ich mir sicher, dass es immer wieder zu Konflikten kommen wird. Die gesellschaftliche Situation wird sich nie so ändern, dass alle Menschen guten Willens sind. Es gibt immer welche, die Unfrieden stiften.

Die heutigen Taten und Untaten halten Sie auch fest?

Ich führe die Chronik jeden Tag weiter. Gerade jetzt wird es spannend, wenn der Kohleausstieg geplant wird oder das Sorbische Wissensforum in Bautzen, das das Lauenareal aufwerten soll.

Bestätigen Ihre Recherchen, dass die Sieger die Geschichte schreiben?

Das liegt in der Natur der Sache. Die Sieger möchten ein angenehmes Bild von sich vermitteln. Was stört, wird unter den Teppich gekehrt. Das passiert ständig. Man merkt zum Beispiel, dass die siegreichen Preußen nach 1813 die Deutungshoheit besaßen. Das zeigt sich sogar noch in heutigen Schulbüchern. Napoleons Sieg in der Schlacht um Dresden im August 1813 wird kaum erwähnt. Umso ausführlicher sind die Berichte von seiner Niederlage bei Leipzig wenige Wochen später. Die Proportionen stimmen nicht. Es ist auch ein Unterschied, ob eine Chronik von einem Autodidakten verfasst wurde, von einem Militär oder einem Wissenschaftler.

Sie sind auf Vermittlung durch Stadtschreiber und Chronisten angewiesen. Haben Sie Grund zu misstrauen?

Es passiert, dass sich mancher um eine Null vertut, absichtsvoll oder fahrlässig. Wenn ich zum Beispiel lese, im 15. Jahrhundert hätten 40.000 Hussiten Bautzen belagert, kommen mir Zweifel. Denn so viele Leute hätten gar nicht versorgt werden können. Aber es klingt natürlich interessant. 4.000 klingt langweilig.

Wie können Sie die Menge von Fakten prüfen?

Je älter ich werde, desto mehr prüfe ich. Dann vergleiche ich die Aussagen aus mehreren Quellen zu einem Ereignis. Mein Buch soll so exakt wie möglich sein. Deshalb verweise ich bei Ereignissen auf Urkunden im Stadt- und Staatsarchiv Bautzen, die im Internet als Original einsehbar sind. Ich zitiere sie sinngemäß, schreibe etwa vom Stadtrat und nicht von „hochlauteren Herren“. Eine solche blumenreiche Sprache sind wir nicht gewöhnt.

Wie lässt sich denn die Behauptung nachprüfen, ein Vater habe seinen Sohn 18 Jahre lang in einen Stall eingesperrt?

Das habe ich der Tagespresse entnommen. Überprüfen kann ich es nicht. In anderen Fällen verlasse ich mich auf meine Erinnerung. Ich weiß noch, dass 1965 in Bautzen in einem Zelt auf dem Platz der Roten Armee, dem heutigen Kornmarkt, ein harpunierter Wal ausgestellt wurde. Das war eine Sensation. Trotzdem lockte es einen nicht, zweimal hinzugehen. Es roch unangenehm.

Und warum wurde der Wal gezeigt?

Das Zur-Schau-Stellen war eine Zeit lang Mode. Der Hamburger Zoodirektor Carl Hagenbeck importierte nicht nur Tiere, sondern Menschen aus Äthiopien, Indien oder Norwegen und inszenierte sie. Menschen! In Bautzen wurde ein russischer Riese von 2,41 Meter Größe vorgeführt, das wird mehrfach berichtet. Also scheint es zu stimmen.

Hinter manchen Fakten scheinen sich ganze Romane zu verbergen. Wie kam das türkische Mädchen nach Görlitz, das 1690 dort getauft wurde?

Ich vermute, es war die Tochter eines türkischen Händlers, der auf der Durchreise war. Schon vor tausend Jahren zogen orientalische Händler durch unsere Region. Orte, an denen sich Geschäfte machen lassen, locken an. Das ist heute nicht anders.

Wiederholt sich Geschichte?

Sicher nicht, aber gerade in Krisenzeiten zeigen sich Parallelen. Wenn während einer Pocken-Epidemie die Grenzen zu Böhmen dichtgemacht werden, kommt einem das bekannt vor. Oder wenn Gastwirte von Zittau um 1703 angehalten sind, auf ausländische Gäste zu achten. Solche Fakten nehme ich auf, weil sich darin der Geist der Zeit spiegelt.

Sie folgen dem Zeitgeist auffällig oft, wenn es um Wölfe geht. Das reicht von der Abschussprämie von vier Talern pro Tier, die der Sechsstädtebund 1647 beschließt, bis zu „emotionalen Diskussionen“ über Wölfe heute und den ersten Abschuss. Kann es sein, dass Sie Wölfe nicht mögen?

Sie sind halt in der Oberlausitz nicht beliebt, und das spiegelt sich in der Chronik wider. Unsere Vorfahren haben den Wolf nicht ohne Grund ausgerottet. Ich brauche ihn nicht.

Drängt es Sie nicht, Ihre Meinung in der Chronik direkt zu äußern?

Das steht mir nicht zu. Ich will die Leserschaft nicht in eine Richtung drängen, jeder soll sich seine Meinung bilden können. Deshalb bemühe ich mich um eine ausgewogene Sicht auf Katholiken und Protestanten, Deutsche und Sorben, untere und obere Schichten. Das sollte selbstverständlich sein. Aber so, wie die DDR die Geschichte der Arbeiterbewegung überbetonte, werden jetzt Klatsch und Tratsch überbetont. Gut, wenn man beide Seiten kennt.

Die Ausgewogenheit endet, wenn es um Frauen geht. Warum kommen sie kaum vor?

Das ist mir auch aufgefallen. Doch solange Frauen kein Wahlrecht hatten, konnten sie kaum Geschichte machen. Das änderte sich nach 1918 langsam. Ich habe einige exponierte Frauen aufgenommen wie Henriette von Gersdorff, die als Ehefrau des Landvogts der Oberlausitz das Schulwesen organisierte. Ein anderes Beispiel ist Marie Simon. Die Krankenpflegerin versorgte Arme und Kriegsversehrte und machte sich um den Aufbau des Roten Kreuzes in Sachsen verdient.

Andere Lücken zeigen sich in der Literatur, Autoren wie Arno Schmidt, Brigitte Reimann oder Jurij Brezan fehlen. Warum ist Ihnen das Gastspiel von Heino in der Lausitzhalle wichtiger?

Weil Heino populär ist. In der DDR durfte er nicht gastieren, deshalb habe ich seinen Auftritt nach der Wende mit aufgenommen. Aber wo fängt man an, und wo hört man auf?

Die „Chronik der Oberlausitz“ erscheint im Oberlausitzer Verlag Zittau, 327 Seiten, 24,95 Euro

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