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"City geht ein letztes Mal auf Tour"

Sänger Toni Krahl über die letzte Tour der Band, Lebenshaltungen und das Gute daran, in die Ost-Rock-Schublade gesteckt zu werden.

Toni Krahl - Frontmann seit gut fünf Jahrzehnten.
Toni Krahl - Frontmann seit gut fünf Jahrzehnten. © PR

Von Gunnar Leue

Vergangene Woche kündigte die Berliner Band City für nächstes Jahr ihren Abschied, zuvor aber noch ein Doppel-Album, eine Fernseh-Dokumentation, ein Buch und eine finale Tournee an. Im Interview spricht Frontmann Toni Krahl (71) über seine Einstellung zum Beruf und darüber, wieso er Trends nicht hinterherrennt.

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Wie viel Rock ’n’ Roll ist nach 50 Jahren noch in Ihnen und der Band?

Rock ’n’ Roll ist eine Lebenshaltung und die ist nicht davon abhängig, ob man sich immer noch in enge Lederhosen quetscht. So was sind nur Äußerlichkeiten. In der Musik geht es um Ideale und die sind bei mir und uns immer noch die gleichen wie zu Beginn unserer Bandgeschichte.

Die dauert nun fast fünf Jahrzehnte. Welches war die spannendste Phase?

Ich gewichte da nicht groß. Für mich ist die spannendste Phase immer die im Studio, wenn wir an neuen Songs arbeiten. Insofern war die ganze Zeit künstlerisch-musikalisch spannend. Sicher haben wir uns zwischen den Alben auch mal ein bisschen treiben lassen und es genossen, auf dem Erfolg zu schwimmen. Aber wir haben stets rechtzeitig gemerkt: Hey, wir müssen auch an unserer Karriere schrauben, von nichts kommt nichts. Im Studio an neuem Material zu arbeiten ist jedes Mal eine Herausforderung, denn wir streiten uns auch, damit am Schluss ein ordentliches Produkt herauskommt. Ich glaube, wir haben unsere Wurzeln sehr tief eingeschlagen und das ist bis heute hörbar. Wir kommen aus den 70ern, haben uns aber nie den neuen technischen Möglichkeiten verschlossen.

Die Musiker Fritz Puppel (l.) und Toni Krahl von der Band City jüngst bei einem Auftritt.
Die Musiker Fritz Puppel (l.) und Toni Krahl von der Band City jüngst bei einem Auftritt. © dpa/Jens Kalaene

Es gibt auch ein persönliches und gesellschaftliches Umfeld, in dem man Musik macht. Sie sind als Band in einem Land gestartet, dass es nicht mehr gibt. Wie blicken Sie darauf zurück?

Es ist schon so, dass es die größten gesellschaftlichen Reibungspunkte in der DDR gab und die Zeit dort eine sehr spezielle in unserer Bandgeschichte war. Am spannendsten war sicher der Aufbruch in der Gorbatschow-Zeit in den 80ern. Seine Glasnost- und Perestroika-Politik hat viele DDR-Bürger elektrisiert. Damals träufelte die ganze Politik in die Wohnzimmer, überall wurde diskutiert. Heute ist es etwas ähnlich, weil wieder sehr viele Menschen Veränderungen erwarten, während andere Angst davor haben. Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass der Wunsch nach Transformation der Gesellschaft teilweise mit überspitzten Forderungen einhergeht und gelegentlich übers Ziel hinausgeschossen wird. Damit meine ich gar nicht die Klimafrage, sondern die Änderungen im Sprachverhalten. Da fühlen sich viele Leute überrumpelt und bevormundet, womit das berechtigte Anliegen, das eigentlich dahinter steckt, letztlich diskreditiert wird.

Welche Hoffnungen nach 1989 haben sich für Sie und ihre Band nicht erfüllt?

Nach der Wende wurde zu Recht mehr Vielfalt gefordert. Wenn sich die Vielfalt irgendwann jedoch so darstellt, dass du selbst in ihr nicht mehr vorkommst, hast du natürlich ein Problem. Wir kamen Anfang der Neunziger in den Medien teilweise überhaupt nicht mehr vor.

Auch wegen des Etiketts Ostrockband? Hat das genervt?

Nicht wirklich. Der Begriff Ostrock war anfangs oft diskriminierend gemeint, irgendwann hat sich das jedoch geändert. Als wir den Spieß umdrehten und den Begriffsinhalt zu unserer Stärke erklärten, also die besondere Facette der im Osten entstandenen Rockmusik, wurde uns die Zuschreibung auch nützlich. Insofern hat es nicht genervt. Zu DDR-Zeiten bestanden fast alle Bands darauf, so wenig Osten wie möglich zu sein. Wir wollten aussehen wie die Westbands und genauso klingen. Dabei war das eigentlich gar nicht wichtig. Letztlich kommt es nur auf die Musik an, wie Flake von Rammstein in einem Videogruß an uns sagte. Er hatte mit seiner Band Feeling B 1986 in Radebeul in unserem Vorprogramm gespielt. Damals hielt er uns für uncoole Musiker, bis er erlebte, dass nicht seine Band vom Publikum gefeiert wurde, sondern unsere. Seine Erfahrung daraus: Es reicht nicht, cool zu sein, man muss auch gute Musik machen.

Dieter Birr (r.) wird mit City spielen.
Dieter Birr (r.) wird mit City spielen. © René Plaul

Die populäre Musik hat sich in den letzten 50 Jahren teilweise sehr entwickelt. Warum sind Sie sich stilistisch mehr oder weniger treu geblieben?

Weil wir die Erfahrung gemacht haben: Wenn ein neuer Trend kommt und du springst drauf, bist du eigentlich immer zu spät. Entweder du bist die Welle und die Schaumkrone oder du bist zu spät. Mal abgesehen davon, dass so eine Welle auch irgendwann versandet. Wir haben immer gemacht, was wir am besten können: Rockmusik mit deutschen Texten.

Hat sich Ihre Einstellung zum eigenen Beruf mit der Zeit geändert?

Ich bin vielleicht ein bisschen fleißiger und ernsthafter geworden, weil ich begriffen habe, dass Rockmusiker eben auch ein Beruf ist. Sich nur von der Muse küssen zu lassen, das reicht nicht. Rockmusik ist auch Arbeit und verlangt sogar Demut. Gegenüber den Leuten, die uns hören und die auch einen Anspruch an uns haben.

Gibt es City-Lieder, die Sie heute besser finden als zum Zeitpunkt ihres Entstehens?

Ja. Das spiegelt sich auch in unserem Programm, in dem Songs Platz haben, die nie Hits waren. Trotzdem entfalten sie live eine besondere Wirkung, zum Beispiel „Lieben und lieben lassen“, „Vater glaubte“ oder „Die Sonne, die Sterne“, in dem es um einen Mörder geht, der aus dem Knast kommt. In den Medien hatte der Titel nie eine Chance.

In diesem Titel summt er den Song „Am Fenster“, den größten Hit made in GDR. Dessen Spuren führen bis ins deutschrockferne Südkorea, wo die Platte 1991 erschien, übrigens mit Aufdruck „Genehmigt durch die Regierung“.

Aber nicht genehmigt durch uns, das ist eine Raubkopie. Irgendwie finde ich das trotzdem originell. Im Ausland war „Am Fenster“ besonders in Griechenland populär, wo wir auch eine Goldene Schallplatte bekamen. Heute läuft der Song dort immer noch im Radio oder in Kneipen auf Kreta.

Wie oft haben Sie in Konzerten „Am Fenster“ nicht gespielt?

Drei, vier Mal. Das Lied war uns ja nie über. Bewusst weggelassen haben wir es 1987 auf dem legendären Festival in Weißensee, bei dem auch Bryan Adams auftrat. Damals hatte uns die FDJ verarscht. Eigentlich war vereinbart, dass wir die Songs unserer „Casablanca“-LP spielen, aber dann wurde uns kurz vor dem Auftritt gesagt, wir sollten „Halb und halb“, das auf die deutsche Teilung Bezug nahm, nicht spielen. Ich habe dann nur den Liedtext aufgesagt, und auf „Am Fenster“ haben wir danach bewusst verzichtet. Die Fans verstanden es, glaube ich, gut als gezielte Provokation.

Beim finalen Konzert am 30. Dezember 2022 in der Berliner Benz-Arena wird der Song nicht fehlen, dafür Ihr 2020 verstorbener Schlagzeuger. Ist die „Letzte Runde“-Tour auch ein Tribut an ihn?

Unbedingt. Im Geiste ist Klaus immer dabei. Er hatte einen wichtigen Anteil an der Band, und er fehlt uns sehr, auf und hinter der Bühne, überall dort, wo wir als Band zusammenkommen.

  • Das letzte Konzert in Dresden wird City am 24. September 2022 in der Jungen Garde geben. Karten sind ab sofort unter 0351 48642002 zu haben.

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