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Clueso: „Ich wage mich langsam aus der Deckung“

Der Erfurter Sänger Clueso über die Leichtigkeit auf seinem neuen Album, Partys und vermisste Körperteile.

Thomas Hübner alias Clueso hat das bislang sommerlichste Album seines Lebens gemacht.
Thomas Hübner alias Clueso hat das bislang sommerlichste Album seines Lebens gemacht. © Christoph Koestlin/PR

Mit 41 Jahren hat der Hip-Hop-Singer/ Songwriter und leidenschaftliche Erfurter Clueso, mit bürgerlichem Namen Thomas Hübner, das sommerlichste Album seines Lebens gemacht. „ALBUM“ ist vollgepackt mit federleichten, temporeichen Gute-Laune-Songs zum Feiern, Tanzen und Spaßhaben. Also genau das, was wir gerade so wunderbar gebrauchen können.

Clueso, Ihr neues Album heißt „ALBUM“, mit Großbuchstaben. Wieso dieser fette und plakative Titel?
Die Idee stammt von Benjamin von Stuckrad-Barre. Auf einem langen Spaziergang meinte er zu mir: Nenn es doch einfach „ALBUM“. Nachdem ich über ein Jahr lang nur Singles rausgehauen hatte, die auch auf dem Album drauf sind, hat sich eine sehr hohe Hitdichte ergeben. „ALBUM“ ist fast wie ein Best-Of. Oder sagen wir: Wie ein Arthouse-Blockbuster.

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Hat das Album als solches denn noch seine Berechtigung?
Ja, klar hat es das. Ich halte absolut an diesem Format fest. Ich mache viel zu gerne Musik, als dass ich immer nur einzelne Songs rausbringen möchte. Und selbst immer mehr junge Künstlerinnen und Künstler erkennen die Schönheit dieses Formats. Wie Billie Eilish mit ihrem langen und tollen Album „Happier Than Ever“.

Ihre vorherige Platte „Handgepäck I“ war eine sehr reduzierte, akustische und ziemlich leise Angelegenheit. Jetzt reihen Sie einen flotten, tanzbaren Sommerhit an den nächsten. Was steckt hinter diesem Umschwung?
Durch die Pandemie haben wir alle eine extreme Sehnsucht nach Energie, nach dem Unterwegssein, nach Leben überhaupt. Auch mir ging es so. Ich wollte, dass es groovt. So wie jetzt habe ich Clueso selbst noch nie gehört. Das ist das eindeutig sommerlichste Album, das ich je gemacht habe. Und obwohl ich in Wien, Hamburg und Berlin mit unterschiedlichen Produzenten gearbeitet habe, finde ich, dass sich das superhomogen anhört, wie aus einem Guss.

Clueso hatte bei der Arbeit an seinem Album viel Spaß.
Clueso hatte bei der Arbeit an seinem Album viel Spaß. © Christoph Koestlin/PR

Können Sie einschätzen, ob ein Song ein Hit wird?
Ja und nein. Ich habe ein gutes Grundgefühl für Melodien, ein richtig feines Näschen. Doch wie man einen Song am besten aufbaut, wann genau der Refrain kommt und mit welchen Elementen man am besten arbeitet, damit der Song ein Hit wird, wissen die Produzenten viel besser als ich.

Haben Sie Ihre persönliche Energiesehnsucht schon befriedigen können?
Ich wage mich langsam aus der Deckung. Im Sommer haben wir einige Konzerte gespielt, die total geil waren. Die Leute sind alle noch so ein bisschen eigenartig drauf, vielleicht ein wenig befangener als sonst. So richtig traut man sich noch nicht wieder, andere in den Arm zu nehmen. Aber das wird schon wieder werden.

Einige Ihrer Kolleginnen und Kollegen finden die corona-konformen Formate befremdlich, andere sind erleichtert bis begeistert. Wie sehen Sie das?
Wir haben tatsächlich einen Tag vor Helge Schneider das gleiche Strandkorb-Konzert in Augsburg gespielt wie er. Ich verstehe ihn sehr gut, dass er sich entschieden hat, seine Show nicht weiterzuspielen. Wir haben die Nachteile einfach durch Lautstärke ausgeglichen. Trotz allem hat es Spaß gemacht. Wieder live spielen zu können, das ist für mich so ähnlich, als wenn ein Körperteil endlich wieder da ist, das weg war.

Welches denn?
Die Arme. Und die Eier.

Clueso hat Andreas Bourani (r.) für ein Duett reaktiviert.
Clueso hat Andreas Bourani (r.) für ein Duett reaktiviert. © Christoph Koestlin/PR

Holen Sie jetzt mit dem kompletten Körper alles nach, was anderthalb Jahre nicht möglich war?
Nicht bewusst, aber intuitiv schon. Auch privat ziehe ich wieder los. Letztens war ich auf der Geburtstagsparty eines befreundeten DJs – bis morgens um sechs. Ich war extrem glücklich und dachte nur: Puh, was war das schön. Noch viel schöner als früher. Ach, es ist schon großartig, endlich mal wieder von den Drinks anderer Leute naschen zu können. Ich habe sogar den Schmerz des nächsten Tages genossen, als ich voll im Arsch war, einfach, weil das ewig nicht mehr vorgekommen war.

Was trinken Sie auf Partys?
Überhaupt kein Bier. Sehr gern Rotwein. Manchmal nippe ich am Whiskey. Aber am liebsten mag ich einen gepflegten Boulevardier. Das ist ein richtiger Oldschool-Drink, ähnlich wie ein Negroni, mit Wermut, Whiskey und Orangenschale, herrlich herb und süffig.

Gibt es den Boulevardier auch an der Bar des „Hotel California“? In dem Song erzählen Sie von geplatzten Träumen, flirrender Hitze und harten Drogen.
Im „Hotel California“ gibt es alles, was das Herz begehrt. Allerdings sehr, sehr viel Leere. Das Lied ist inspiriert durch meine Beobachtungen in zwanzig Jahren Showgeschäft. Ich verurteile das nicht, aber was da an Selbstzerstörung zu sehen ist, macht mich nachdenklich. Vor allem im Hip-Hop wird gerade extrem viel konsumiert. Auch mir ist wirklich alles angeboten worden, doch zum Glück brauchte ich das nie. Es gibt Künstler, die gehen nur ins Studio, wenn sie was genommen haben. Ich frage mich, wie das laufen wird, wie alt manche Kollegen wohl werden und wie weich sie dann sind in der Birne.

Also will man in diesem Hotel lieber nicht übernachten?
Das „Hotel California“ ist die Endstation. Du checkst einmal ein und nie mehr aus.

Sie sind letztes Jahr 40 geworden. Hat der runde Geburtstag irgendwas mit Ihnen gemacht?
Nee, das hat mich gar nicht so gejuckt. Vielleicht auch deshalb, weil ich das Glück habe, jünger auszusehen. Es gab nur mal so eine ganz kurze Zeit, wo ich dachte, jetzt überholen mich die jungen Wilden. Das ist aber wieder vorbeigegangen. Und auch mit 41 habe ich nie diese Gedanken wie „Mist, jetzt kann ich dieses oder jenes nicht mehr machen“ oder „Verdammt, das habe ich dann wohl verpasst“

.Auf „Willkommen Zurück“ singt ausgerechnet Andreas Bourani mit, von dem man jahrelang nichts gehört hatte. Wo haben Sie ihn denn ausgebuddelt?
Ich habe ihn einfach gefragt, und er fand den Song und seine Aussage geil. Andreas hatte großen Erfolg, aber er sitzt halt länger vor einem weißen Blatt Papier als ich, und so hat er seit sieben Jahren nichts herausgebracht. Es geht ihm aber gut, er hat sich zurückgezogen und schreibt in der Nähe von Nizza – bloß sehr langsam. In die Nummer haben wir dann echt alles reingequetscht, was ging: Sehnsucht, Aufbruch, Pandemie, das Comeback von Andreas und das Comeback der Menschheit als solcher.

Haben Sie ihn in Südfrankreich besucht?
Ja. Wir haben das Video da unten zusammen gedreht. Eine unfassbar schöne Gegend. Und die Franzosen wissen, wie man lebt, das muss ich schon sagen.

Sie leben aus Überzeugung in Erfurt. In „Leider Berlin“ besingen Sie eine Beziehung, die scheitert, weil die Frau nach Berlin zieht. Ist das autobiografisch?
Ja, aber das ist lange her. Es passierte, als ich anfing, Musik zu machen. Das war damals meine erste feste Bindung, und dann ging sie auch noch nach Berlin. Inzwischen bin ich gerne dort, aber seinerzeit war das echt komisch für mich, als alle abhauten. Heute bin ich in der Hinsicht lockerer geworden. Das Mädchen, das ich liebe, muss nicht unbedingt aus Erfurt kommen. Im Moment kann ich mir alles vorstellen.

Die einzige Ballade auf „ALBUM“ heißt „Alles zu seiner Zeit“.
Gerade, weil es nur eine Ballade gibt, sticht sie besonders heraus. Ich finde die Stimmung des Liedes ganz toll, und das Thema ist für mich spannend und ungewohnt. Unter meinen Songs gab es bisher kein Liebeslied, das gut ausgeht. In „Alles zu seiner Zeit“ taucht dieses Gefühl, es könnte wirklich passen, zum ersten Mal bei mir auf.

Warum jetzt endlich?
Das wird wohl seinen Grund haben... Bei mir hat es halt in der Liebe ein bisschen länger gedauert. Im Moment komme ich viel lieber an, als dass ich weggehe.

Das Interview führte Steffen Rüth.

Das Album: Clueso, ALBUM. Epic Local/Sony Music

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