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Corona clever ausgetrickst

Ballettguru John Neumeier schickt trotz Hygieneauflagen alle seine 55 Tänzer auf die Bühne – im Schein eines Geisterlichts.

Es berühren sich nur Tänzer in dem neuen Ballett von John Neumeier, die auch privat ein Paar sind.
Es berühren sich nur Tänzer in dem neuen Ballett von John Neumeier, die auch privat ein Paar sind. © Kiran West

Das gab es so noch nie: ein Ballett fast ohne Berührungen und körperliche Nähe. Nur Lebenspartner dürfen sich anfassen und trotzdem stehen alle 55 Mitglieder des Hamburg Ballett auf der Bühne. Das 163. Werk des choreografierenden Altmeisters John Neumeier ist sein wohl ungewöhnlichstes. Er hat Corona ausgetrickst und den vorgeschriebenen Mindestabstand nicht nur eingehalten, sondern daraus die emotionale und inhaltliche Idee für einen Abendfüller gewonnen. „Ghost Light“ ist der Titel.

Die Inspiration für den Namen bot der alte Brauch, wonach in unbesetzten Theatern aus Sicherheitsgründen nachts ein Lämpchen angelassen wurde. Die abergläubischen Theaterleute machten daraus, dass das Licht leuchtet, um die Schauspieler und das Theater vor Unglück zu schützen. Es gibt zudem die Mär, dass die Funzel verstorbenen Künstlern und Prinzipalen gilt und sie bei deren nächtlichen Geister-Auftritten begleitet. In der Pandemie griffen vor allem Theater am New Yorker Broadway diese Tradition wieder auf – als Symbol der schweren Auswirkungen auf die Kultur.

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Auftritt von guten alten „Geistern“

John Neumeier nahm das schwache Licht als Hoffnungsschimmer, dass ja doch wieder Leben auf die Bühnen kommen wird, kommen muss. Im Herbst vergangenen Jahres war Premiere von „Ghost Light“, die Wiederaufnahme verschob sich durch Corona mehrfach. Erst kurz vor Saisonende kam das Stück wieder heraus. Das Ballett zu Klaviermusik von Franz Schubert bleibt im Repertoire der Company und ist nun per DVD und Blu-ray daheim zu erleben.

Der Ballett-Altmeister hat fragmentarisch gearbeitet. Flüchtige Eindrücke prägen das handlungslose Ballett. Manche Tänzer bewegen sich wie außerhalb jeder Zeit. Andere nehmen die Ausnahmesituation mit Humor. Einige sind wie am Boden zerstört, andere proben die ewig gleichen Szenen, wieder andere langweilen sich – weil Aufführungen lange nicht in Sicht waren. „Geister“ der Vergangenheit tauchen in Form von Zitaten aus den jahrzehntealten populären Neumeier-Evergreens „Nußknacker“ und „Kameliendame“ auf. Es gibt viele Miniaturen, zuweilen auch Ensemble-Szenen mit exakt eingehaltenem Maßband-Abstand. Fast alle Tänzer haben irgendwann das kleine Licht auf der Bühne im Blick: schauen ängstlich, verunsichert, sehnsuchtsvoll.

"Ghost Light" ist das 136. Stück von John Neumeier.
"Ghost Light" ist das 136. Stück von John Neumeier. © Kiran West

Neue Bewegungen und Schrittfolgen hat der 82-Jährige nicht erdacht. Wie auch nach Jahrzehnten im Job? Die neoklassische Sprache dominiert, auch wenn mitunter Interpreten regelrecht austicken. Wer mit den Werken von John Neumeier vertraut ist, von denen in den 1990er-Jahren viele auch an der Semperoper zu sehen waren, kennt dieses übergangslose Fließen in Schönheit. So wird „Ghost Light“ kein aufregendes, aber ein doch berührendes, zuweilen schwermütiges Stück. Es ist ein Zeugnis dieser verrückten, durchaus kreativ zu nehmenden Zeit.

„Ghost Light“ Ballett von John Neumeier mit David Fray als Pianist auf DVD und Blu-ray (EuroArts)

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