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Dank Corona hat auch Sachsen einen Jazzverband

Freie Musiker, Veranstalter, Hochschulen bündeln jetzt ihre Kräfte. Und ein Ex-Banker kümmert sich um die Finanzen.

Trompeter Sebastian Haas gehört zu den Gründern des jetzt gestarteten Jazzverbandes Sachsen. Der Musiker unterrichtet an der Dresdner Hochschule und spielt selbst in verschiedenen Band-Konstellationen.
Trompeter Sebastian Haas gehört zu den Gründern des jetzt gestarteten Jazzverbandes Sachsen. Der Musiker unterrichtet an der Dresdner Hochschule und spielt selbst in verschiedenen Band-Konstellationen. © PR

Nicht alles an der Pandemie ist schlecht. Während vor ein paar Monaten in ganz Deutschland vieles zum Erliegen kam, drehten Sachsens Jazzer im Lockdown plötzlich auf. Weil sie konnten. Und weil sie mussten. „Wir hatten alle keine Auftritte und dadurch viel zu viel Zeit. Aber irgendwo musste meine Energie und die vieler Kollegen ja hin“, sagt Trompeter Sebastian Haas. „Zudem stellten wir uns die Frage: Wie können wir uns besser vernetzen, unsere Anliegen formulieren und an die richtige Adresse schicken?“

Die Lösung: Haas und Kollegen gründeten den Jazzverband Sachsen, einen gänzlich neuen und zentralen Ansprechpartner für Politik und Öffentlichkeit. Nicht als Schnellschuss, vielmehr gingen sie das Projekt überlegt, dennoch mit großem Elan an. Jetzt, nach wochenlanger Vorbereitung, ist alles in trockenen Tüchern, der Verein eingetragen und arbeitsfähig.

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Sebastian Haas, 1988 in Bingen am Rhein geboren, war als Teenager Bassist einer Funkrock-Band, studierte schließlich ab 2009 an der Dresdner Musikhochschule Jazztrompete und ist dort seit 2017 Dozent im Fach „Ensembleleitung Bigband“. Und er liebt es, Fäden zu spinnen. Also engagierte er sich sofort für diese Vereinigung, die schließlich die gesamte regionale Szene abbilden und zusammenbringen will.

Musikern droht Altersarmut

„Die Idee, einen Jazzverband zu gründen, gibt es bereits vier, fünf Jahre“, so Haas. „Andere Bundesländer waren da viel eher dran, die haben teilweise schon lange eigene Verbände. Doch uns hier in Sachsen fehlten bislang Zeit und Mitstreiter.“ Er zuckt die Schultern und ergänzt mit sachtem Lächeln: „Corona sei dank; sonst würde es den Verband jetzt so wahrscheinlich immer noch nicht geben.“

So habe man in nur drei Monaten alles auf die Beine gestellt, unter anderem eine Umfrage unter 120 Jazzmusikern gemacht, um zu erfahren, welche Aktivitäten diese sich von einem eigenen Verband wünschen. „Danach gab es einen weiteren Austausch an einem virtuellen runden Tisch mit 35 Leuten und anschließend eine klare Linie.“

Spätestens durch die Corona-Folgen hätten alle Musiker gemerkt, dass sie eine bessere Sichtbarkeit brauchen, damit auf politischer Ebene ihre Probleme auch als solche erkannt werden. Haas: „Bleiben die vielen freien Musiker und Dozenten in ihrem derzeitigen Verdienstrahmen, sind sie alle von Altersarmut bedroht. Was ja gerade angesichts des ziemlichen teuren Studiums, das man ihnen seitens des Staates ermöglichte, absurd ist.“ Somit hat sich der Verband schon mal klar auf die Fahnen geschrieben, die Verdienstmöglichkeiten seiner Mitglieder entscheidend zu verbessern.

Die Corona-Beschränkungen lieferten zudem gleich eine ganz konkrete Aufgabe für den Verband. „Als freier Musiker hat man oft keinen Proberaum, man hat nur eine Zweiraumwohnung, also auch kein Arbeitszimmer, zudem keinen Leasingwagen oder dergleichen, also nichts, was man als Betriebsausgaben deklarieren könnte“, erklärt Haas. „Damit lassen sich eben nicht wie bei anderen Selbstständigen die Vorgaben für staatliche Soforthilfen erfüllen, doch Geld brauchen auch Musiker dringend zum Überleben.“ Wieder ein weites Feld, das der Verband beackern will.

In Dresden hat sich einiges getan

Doch es gehe auch darum, den Austausch zwischen den lokalen Szenen zu verbessern. Haas: „Es gibt ja nicht nur Jazz in Dresden und Leipzig, sondern zudem kleinere Städte, die spannende Sachen entwickeln: Die Jazztage in Görlitz etwa, auch in Zittau wird Jazz gemacht, in Plauen arbeitet eine sehr erfolgreiche Kinder-Big-Band, es gibt Jazzklubs in Chemnitz und Glauchau. Selbst in ländlichen Regionen passieren spannende Dinge.“ Das alles wolle man zusammentragen und im ersten Schritt über eine neue Onlinepräsenz vorstellen, damit auf einen Blick zu sehen sei, was es und wo es etwas gibt. Für Musiker soll es so leichter werden, eine Tour durch Sachsen zu planen. „Oder jemand schreibt an die virtuelle Pinnwand, dass er irgendwo im Erzgebirge einen begabten Schüler hat, der Jazz machen will. Über diesen Weg könnte man ihm helfen, die passenden Leute in seiner Umgebung zu finden.“

Der Wahldresdner Haas, der in verschiedenen Konstellationen spielt, seit 2012 auch festes Mitglied der Leipziger Spielvereinigung Süd und damit in einer unkonventionellen Big Band aktiv ist, sieht Dresden und Leipzig als weitgehend gleichwertige Zentren der sächsischen Jazz-Landschaft. „Wir haben in Dresden mit dem Dixieland-Festival und den Jazztagen zwei große Festivals, mit der Tonne einen wichtigen Jazzklub. Die Jazztage in Leipzig wiederum fahren ein eher modernes Programm und auch die freie Szene ist in Leipzig sehr aktiv.“ Dort seien die Musiker vielleicht etwas findiger, wenn es darum geht, neue Veranstaltungsorte aufzutun. „Zuletzt wurde so eine alte Gärtnerei umfunktioniert – und jetzt gibt es dort jeden Montag ein Konzert.“ Sind die Leipziger also kreativer? „Vor ein paar Jahren war es noch so. Doch in den letzten Jahren ist einiges in Dresden passiert“, sagt Haas. „Die Leute sind mittlerweile deutlich aktiver und initiativer als vor elf Jahren, also zu der Zeit, als ich hier ankam.“

Von wegen Nischenthema

Zudem schätzt er nicht nur selbst den regen Austausch mit Kollegen. Kooperationen über Stadt- oder Ländergrenzen hinweg seien generell fast schon Standard. „Virtuell geht das in Echtzeit und ansonsten ist es ja auch nur eine Stunde Fahrt nach Leipzig. Nicht zuletzt bringt das Jugendjazzorchester sowieso die besten Nachwuchsmusiker aus allen Regionen Sachsens zusammen.“ Dafür, dass es eine lebendige Jazz-Szene im Freistaat gibt, findet Haas zwei starke Argumente: „Immerhin haben wir schon mal zwei Hochschulen, an denen man Jazz studieren kann. Das ist zumindest im Osten ein Alleinstellungsmerkmal.“ Der Vorteil Metropolen wie Berlin, München oder Hamburg gegenüber sei, dass in Sachsen der Markt noch nicht so gesättigt ist. Haas: „Hier hat man mehr Möglichkeiten, etwas aufzubauen. Eine kleinere Szene heißt ja auch: Sie ist überschaubarer, man findet vielleicht schneller die Partner, die man sucht.“

Überhaupt wehrt er sich – als Musiker wie als Verbandsfunktionär – dagegen, Jazz als Nischenthema einzuordnen. „Jazz ist ein Teil der Popmusik und damit auch offen für alle möglichen Strömungen und Spielarten.“ Das wolle auch der Verband zeigen, der „selbstverständlich nicht auf modernen Jazz fixiert ist“. Vielmehr decke er die Szene in ihrer ganzen Breite von Dixieland über Avantgarde bis Jazz-Pop ab.

Dass diese neue Vereinigung tatsächlich offen in sehr viele Richtungen ist, belegt, dass bisher Musiker wie Veranstalter, Dozenten wie Studenten, Macher wie Konsumenten mitmischen. Schatzmeister des Vereins etwa ist ein pensionierter Bankdirektor, der als Fan sein offenkundiges Talent für Zahlen nun in den Dienst des Jazz stellt. Haas betont: „Wir sind kein Zentralkomitee, das als elitärer Zirkel die große Linie vorgibt. Wir sind auch keine Musikergewerkschaft. Wir vertreten alle Bereiche und sind offen für alle.“

Dort spielen, wo potenzielles Publikum ist

Als Kompetenzzentrum soll der Verband die Entscheidungswege verkürzen, längerfristig zudem alternative Ausbildungsprojekte anbieten, über Stipendien die Möglichkeit schaffen, dass Musiker auch dort spielen, wo es keine regulären Auftrittsmöglichkeiten, aber potenzielles Publikum gibt.

„Sachsens Szene nach außen tragen ist ja wiederum im Interesse des Freistaates“, vermutet Sebastian Haas und rechnet daher mit Unterstützung seitens der Kulturstiftung des Freistaates. Bekäme der als gemeinnütziger Verein eingetragene Verband, der bislang ausschließlich auf ehrenamtliche Mitwirkung setzt, eine institutionelle Förderung, könne er sich einen professionellen Geschäftsführer leisten.

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„Geld zum Handeln brauchen wir ohnehin“, so Haas. „Ein gutes Zeichen ist, dass bereits kurz nach der Gründung ein Leipziger Bauunternehmer die erste Spende überwiesen hat, dank derer wir überhaupt in die Gänge kommen konnten.“ Der nächste Schritt ist der Aufbau der Homepage, über die man zunächst Kompetenzen weitergeben wolle. „Online-Workshops, aber auch Musterverträge zum Download“, kündigt Haas an. „Mal sehen, was wir noch so alles hinbekommen.“

www.jazzverband-sachsen.de

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