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Darum will Thielemanns Team Konzerte erzwingen

Dresdens Staatskapelle möchte wie auch andere Orchester regelmäßig musizieren. Dafür gibt es künstlerische, monetäre und noch andere Gründe.

Unlängst: der exzellente Maestro Christian Thielemann treibt seine Staatskapelle zu Höchstleistungen.
Unlängst: der exzellente Maestro Christian Thielemann treibt seine Staatskapelle zu Höchstleistungen. © Matthias Creutziger

Auch dieses Wochenende wieder: In Genf hatte eine Mozart-Oper Premiere wie jüngst Neuproduktionen in Zürich, München und Berlin. Die Wiener Philharmoniker nehmen Konzerte auf, die Berliner Philharmoniker streamen Aufführungen. Auch in der Semperoper, wo es derzeit gewaltig zwischen der Staatskapelle und der Intendanz kracht, tut sich was.

Seit Montag wird stufenweise der Probenbetrieb für Oper, Ballett und Konzert hochgefahren. Am Donnerstag startet das Online-Format „Semper:Donnerstag“, bei dem Künstler ab 17 Uhr an ungewöhnlichen Orten – auf der Unterbühne, auf einer Arbeitsgalerie über der Bühne, im Malsaal oder Rundfoyer – auftreten.

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Zum Auftakt wird Kammersänger George Zeppenfeld aus der Strauss-Oper „Capriccio“ singen. Da fragt man sich, warum Kapellmusiker ihr „Recht auf Arbeit“ einklagen, warum Chefdirigent Christian Thielemann und Intendant Peter Theiler über Konzerte streiten, statt das Gespräch zu suchen. Eine Analyse:

Wieso produzieren andere Theater und Orchester, während in Dresden die Künstler kaum arbeiten konnten?

Die Gründe für die verschiedene Handhabung, wer wo wie arbeiten kann, sind die unterschiedlichen von Staat zu Staat, von Bundesland zu Bundesland geltenden Corona-Schutzverordnungen. Wichtig sind die regionalen ministeriellen Vorgaben und selbstverständlich, wie die jeweiligen Theater- und Orchesterchefs diese Vorgaben umsetzen wollen und können. Für Sachsens Staatstheater sollte laut Kunstministerin Barbara Klepsch längst Kurzarbeit gelten. Diese ist nun erst – wo der Probebetrieb wieder losgeht – tariflich verhandelt und gilt rückwirkend für die Monate Januar und anteilig Februar.

Gab es keine Corona-Fälle bei den aktiven Orchestern und Theatern?

Doch, die gab und gibt es und teilweise waren und sind Produktionen gefährdet. Entscheidend, speziell bei den Konzertorchestern, war eine ständige Testung der beteiligten Künstler – im Falle der Wiener Philharmoniker wurden die Musiker und der Dirigent jeden zweiten Tag getestet. Teilweise wurden die Tests von Sponsoren bezahlt. Orchester wie die Dresdner Philharmonie hatten vor Konzerten wie dem zum 13. Februar die Bühnengrößen in Richtung Zuschauerraum noch einmal erweitert, um wirklich alle Abstände zwischen den Musikern garantieren zu können. Das Betreten der Podien war nur mit Maske erlaubt. Jeder Musiker hat sein eigenes Pult.

Noch ein Wunsch: Publikum in der Semperoper. Immerhin beginnt im Haus wieder der Probenbetrieb.
Noch ein Wunsch: Publikum in der Semperoper. Immerhin beginnt im Haus wieder der Probenbetrieb. © Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa

Wie werden die Streaming-Angebote der Kultureinrichtungen genutzt?

Der Besuch von normalen Streams ist im Zahlenvergleich von tatsächlichen Nutzern und potenziellen Nutzern bescheiden. Mögen anfangs die Klicks noch mit einigen Zehntausend Nutzern gut sein, beträgt die Verweildauer nur vier Minuten – je nachdem wie aufwendig die Streams produziert sind und von wem sie. Die Berliner und Wiener Philharmoniker haben mit ihrem besonderen Status von jeher mehr und weltweit Interessenten auf ihren Seiten. Ihre vielfach zu bezahlenden Online-Angebote waren schon vor Corona stark nachgefragt gewesen. Das weniger populäre Deutsche Symphonie Orchester Berlin versucht, seinen geringeren Bekanntheitsgrad mit aufwendigen Konzertfilmen und Aufmerksamkeit heischenden Titeln wie „Im Exil – von Göttern und Menschen“ oder „Im Kampf mit dem Teufel“ auszugleichen. Eines ist allen Anbietern und wohl den meisten Nutzern klar. Ein Ersatz für Live-Auftritte sind Stream-Angebote nicht. Es fehlt die Atmosphäre, das emotionale Erleben ist ja so nicht gegeben. Aber es signalisiert: Man ist aktiv.

Wieso legt die Staatskapelle solchen Wert aufs Musizieren? Andere Sparten der Oper durften ja auch nicht arbeiten.

Die Staatskapelle als eines der ältesten und besten Orchester der Welt versteht sich in einer Liga mit den Philharmonikern in Wien und Berlin. Deshalb fordert sie und hat sie seit jeher eine Sonderrolle in der Semperoper, auch wenn die Musiker glauben, dass sie noch mehr gewürdigt werden müssten. Chefdirigent Thielemann sagt nicht zufällig: „Wir sind nicht bloß eine Sparte des Opernbetriebs, sondern eines der großen und wichtigen Orchester der Welt, ein Juwel.“ Wenn also die Wiener und Berliner aktiv sind, fühlt man sich in Dresden unter Druck, gleichzuziehen – unabhängig davon, ob die Corona-Bedingungen in Wien und Berlin viel mehr ermöglichen als in Dresden. Dass die Semperoper keine Mittel für mehr oder weniger kostenintensive Streams hat, wird nicht akzeptiert. Ebenso nicht, dass Intendant Theiler als künstlerisch Verantwortlicher fürs Haus nichts vom „Flimmertheater“ hält. Er bereitet lieber für die Zeit nach dem Lockdown spezielle Corona-Fassungen von Opern und Konzerten vor. Und es wird vom Orchester quasi verlangt, dass das Theater der Kapelle regelmäßige Tests spendiert. Selbst, wenn Chor und Ballett das Nachsehen hätten.

Reden momentan zu wenig miteinander: Semperoper-Intendant Peter Theiler (l.) und Kapellen-Chefdirigent Christian Thielemann.
Reden momentan zu wenig miteinander: Semperoper-Intendant Peter Theiler (l.) und Kapellen-Chefdirigent Christian Thielemann. © ronaldbonss.com

Geht es im Klagen-Fall der Dresdner Staatskapelle nur um Eitelkeiten?

Nein, es geht den Musikern tatsächlich so wie allen Team-Playern. Nur durch gemeinsames Training kann die Leistung gehalten und verbessert werden. Beim Fußball oder Handball ist das jedem klar. Doch auch Musiker brauchen das gemeinsame Musizieren, um den jeweils speziellen Orchesterklang zu erhalten, ihn zu pflegen und an jüngere Kollegen weiterzugeben. So werden die Staatskapelle und die Philharmonie für ihren typisch Dresdnerischen warmen Sound gerühmt. Der mag im Vergleich zu den technisch-perfekten, aber austauschbaren Klängen etwa von amerikanischen Spitzenorchestern vielleicht etwas altmodisch sein, aber speziell bei Komponisten wie Wagner, Brahms und Strauss ermöglicht er sensationelle Hörerlebnisse. Außerdem kommt hinzu, dass Künstler, die sich auf diesen Beruf bereits seit Kindesbeinen vorbereiten, tatsächlich dieses Ausdrücken in Musik, Sprache oder Tanz existenziell brauchen. Ohne Reflexion des Publikums können sie nicht leben.

Gibt es noch andere Gründe für den eskalierenden Streit?

Es geht um Geld. Zum einen bei Maestro Thielemann. Der hat einen speziellen, extra anwaltlich ausgehandelten Vertrag. Der sieht einen kleineren Grundbetrag für das Amt des Chefdirigenten vor, jedes von ihm in Dresden oder auf Kapellen-Tourneen geleitete Konzert wird bezahlt. Insider gehen von einem Gesamtvolumen im höheren sechsstelligen Bereich aus. Dirigenten dieser Liga verdienen mehr als Ministerpräsidenten und Kanzler. Es geht aber auch um Geld für die Musiker. Zwar haben die ihr volles, recht üppiges Gehalt weiter bezogen – auch wenn jetzt rückwirkend die Kurzarbeit greift. Aber es drohen ordentliche Einnahmeausfälle, falls die Salzburger Osterfestspiele – aus welchen Gründen auch immer – nicht stattfinden können. Die Kapelle gestaltet seit 2013 diese Festspiele. Die Musiker haben dazu extra eine ausführende Gesellschaft gegründet, die Kosten und Gagen trägt. Normalerweise bereitet das Orchester in Dresden die Salzburg-Produktionen vor, die teilweise vor den Festspielen in Dresden erklingen oder danach. Das Programm ist recht dicht, weshalb jeder Probentag zählt, will man in Salzburg die gewohnte und erwartete Qualität bieten.

Was ist das Fazit des öffentlich geführten, eigentlich intern zu klärenden Disputs von Intendant und Staatskapelle?

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Keiner gewinnt. Angeschlagen ist Intendant Peter Theiler, weil er es offenbar nicht vermag, in der Krise eine gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Auch kann er nicht auf das andere Alpha-Männchen am Haus, Christian Thielemann, zugehen. Angeschlagen ist ebenso der Chefdirigent, der wieder mal einen Theaterkrach mitmacht oder ihn befeuert, wie so oft in seiner Karriere. Obwohl er ja im SZ-Interview oft beteuert hat, mit dem Alter ruhiger geworden zu sein und sich im Frieden Dinge viel besser klären lassen. Und angekratzt ist das Image der Staatskapelle. Wieder einmal versuchen einige Musiker, Eigeninteressen auf Kosten anderer durchzusetzen. An zig Skandalen seit der Wende war die Kapelle direkt oder indirekt beteiligt, hat Intendanten gemobbt oder verhindert, Dirigenten provoziert und vergrault oder Produktionen gefährdet.

Ergo: Die Reputation vor allem des Hauses und der Kapelle nimmt Schaden. Medien sprechen deutschlandweit vom viel beachteten „Dresden-Desaster“.

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