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Das Fest der Flucht

Die Geschichte von Weihnachten ist auch eine Geschichte von Bedrängnis, Vertreibung und Rückzug. Eine Betrachtung in besonderen Zeiten.

Maria und Josef auf der Flucht.
Maria und Josef auf der Flucht. © Digital Vision Vectors / Getty Images

Von Ulfrid Kleinert

Weihnachten anders wahrnehmen. Wie es am Jahresende manchmal geschieht, stellen sich Schlüsselszenen des eigenen Lebens rückblickend ein, einige diesmal ganz neu. Wovor bin ich geflohen und wohin? Wo bin ich angekommen und wo möchte ich hin gelangen? Was brauche ich unterwegs? Wo war, wo bin ich Zuhause?

Der Historiker Andreas Kossert blickt mit eigenen Erfahrungen auf einen Ausschnitt unserer Kulturgeschichte. In seinem neuen Buch “Flucht” geht es auch um Ankommen und Fliehen und ums Unterwegssein. Dieser Ausschnitt führt zwei Jahrtausende zurück. Er nimmt die Legende wahr, durch die das Weihnachtsfest entstanden ist. Kossert hat gesammelt, was Menschen aller Schriftkulturzeiten und vieler Länder anschaulich und ergreifend über ihr Leben aufgeschrieben und berichtet haben von Aufbrechen, Fliehen und Vertriebenwerden, von Abschiednehmen, Unterwegssein und Ankommen.

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Herodes und Lukaschenko

Wir singen heute vom „holden Knaben im lockigen Haar“ und lassen auch die Engel vom Frieden singen, obwohl für viele dies kaum zu glauben ist. Die soziale und politische Szenerie der Weihnachtserzählungen nach den Evangelisten Lukas und Matthäus ist auch eine ganz andere. Da befiehlt ein mächtiger Kaiser über sein kolonialistisches Bodenpersonal zur besseren Erfassung von Steuern eine Volkszählung. Dass alle Bewohner dazu an den Ort ihrer Herkunft aufbrechen sollen, ist eine irre Idee. Denn es ist politisch gefährlich, weil es Unruhe ins Land bringt, persönlich aber kann es bewegend sein, weil es jeden zu seinen Wurzeln führt.

In die Optik der Weihnachtsgeschichte gerät eins der vielen Paare, die für die befohlene Zählung ihren Lebensort vorübergehend verlassen müssen. Sie heißen Maria und Josef. Die beiden erwarten die Geburt ihres Kindes, was den über 200 Kilometer weiten Fußweg von Nazareth nach Bethlehem sehr beschwerlich gemacht haben dürfte. Noch schwieriger aber war die Ankunft dort. Sie sind nicht willkommen. Das Boot in Bethlehem ist voll – jedenfalls für sie; denn an ihnen ist nicht viel zu verdienen. Für sie bleibt nur ein Stall oder eine Höhle, in der sonst Schafe und Ziegen ihren Unterschlupf finden.

Der Lichtblick währt nur eine Nacht

Trotzdem hat die Geburt ihres Kindes wie für die meisten Eltern etwas Wunderbares. Wenn sich schon nicht die Einheimischen mitfreuen, so doch die Tiere und ihre Hüter. Und ein paar ausländische Weise. Weil sie exotische Geschenke mitbringen, werden sie später als Könige bezeichnet, die aus der großen weiten Welt kommen. Das sind schöne Bilder, die vom Zauber einer Geburt zeugen und den Zauber von Weihnachten ausmachen können.

Der Lichtblick der geglückten Geburt währt allerdings nur eine heilige Nacht. Dann kündigt sich eine Bedrohung albtraumartig an. Der lokale, um seine Macht zwanghaft besorgte König befiehlt die Ermordung aller neugeborenen Kinder von Bethlehem. Damals hieß er Herodes. Heute heißen sie Asad oder Lukaschenko oder Xi Jinping oder Erdogan oder Putin. Sie bringen rücksichtslos ihre vermeintlichen und ihre tatsächlichen Machtgefährder um oder lassen sie gefangennehmen.

Asyl für Jesus

Jesu Eltern müssen das Neugeborene ins Ausland in Sicherheit bringen. Das Kulturland Ägypten ist Ziel ihrer Flucht, auf der Hunger, Durst und feindliche Überfälle lauern, aber auch die Oasen der Wüste – bis sie endlich eine Zuflucht am Nil finden. Im Matthäusevangelium können Maria und Josef mit dem Kind Jesus erst drei Jahre später – nach dem Tod des Herodes – in ihre Heimat nach Galiläa zurückkehren. Für die Christen Äthiopiens ging die Flucht sogar noch über Ägypten hinaus flussaufwärts bis zur Quelle des Blauen Nil am Tanasee. Von dort wünschte Maria eine Wolke herbei, die die Familie zurücktragen sollte nach Nazareth, als dort keine Lebensgefahr mehr bestand.

Orte und Zeiten der Geborgenheit sind nicht garantiert, solange die Welt nicht in Ordnung ist. Als das Kind erwachsen geworden ist, wird ihm auch seiner Eltern Heimat zur Fremde. Seine Dorfnachbarn meinen, dass der junge Mann spinnt, wenn er mit den Worten der Ahnen den Anspruch erhebt, dass Gefangene befreit werden und Blinde sehen sollen. Und überhaupt alle, die arm dran sind, gesunde Luft zum Atmen und Anlass zum Festefeiern erhalten. Die Leute aus Nazareth werfen den verrückten Jesus aus der Stadt.

Ein Justizmord ohnegleichen

Als Jesus danach wie ein Wanderprediger durchs galiläische Land und am See Genezareth unterwegs ist, vergleicht er sein Leben mit dem von Vögeln und Füchsen. Nur dass diese es besser hätten als er. Denn sie haben Nester und Höhlen, er aber habe keinen Ort zum dauerhaften Verweilen. Jeder Mensch aber braucht eine Zufluchtstätte, wo er, wo sie unverletzlich ist und niemand einem etwas antun kann. Im Griechischen nennt man solch einen Ort „asylon“, Asyl. Das erwachsen gewordene Kind von Bethlehem findet diesen Ort, wenn es sich zurückzieht aus allem Trubel und bei sich sein kann und seinem Gott.

Ob dieses Asyl trägt, wird für Jesus und die, die mit ihm ziehen, äußerst zweifelhaft. Denn am Ende seines kurzen Lebens wandert er zum größten Fest seines Volkes in die Landeshauptstadt Jerusalem und erregt dort soviel Aufsehen, dass die vermeintlich Systemrelevanten um ihr Ansehen fürchten und ihn in einem Justizmord ohnegleichen ans Kreuz genagelt liquidieren wollen. Was für Herodes an Weihnachten gilt, gilt für Pilatus und Kaiphas an Ostern - und den Gewalttätern aller Zeiten ebenso: sie meinen, sie hätten alle Macht, weil sie das Militär auf ihrer Seite haben. Aber da ist eine größere Macht. Sie kann, wenn es darauf ankommt, aus einem Stall kommen oder im Traum erscheinen oder Rosen überreichen und gewaltfrei Wege der Befreiung finden.

Die Sehnsucht nach dem Ankommen

Andreas Kossert hat recht, wenn er meint, hier gehe es um „eine Menschheitsgeschichte“. In ihr kommt jeder und jede so oder so vor. In seinem Buch beschreibt er in bewegenden Bildern, wie Vertriebene sich verabschieden von dem Ort, den sie verlassen müssen: die Türschwelle wird gestreichelt und gesegnet, die vertrauten Haustiere werden frei und verstört zurückgelassen, der Baum im Garten ein letztes Mal umarmt. Das Neue, was dann kommt, ist zunächst meist schwer und braucht Zeit, bis es uns lieb und vertraut werden kann.

Tiefe Einschnitte sind für die meisten Älteren von uns mit den Jahren 1945 und 1989 verbunden. In ihnen überwog zumindest zunächst Erleichterung darüber, dass es 1945 vorbei war mit dem Morden und Zerstören. Oder 1989 damit, dass bisher vorenthaltene Freiheiten offen standen, in denen es sich nun zu bewähren gilt. Erst später wurden auch liebgewordene Gewohnheiten und gegenseitige Unterstützung bewusst, die nach 1989 weggebrochen sind

Endgültig irgendwo in der Welt Ankommen ist selten geworden in unserer mobilen Welt. Aber die Sehnsucht danach bleibt. Wenn wir uns an einem Ort oder in einer bestimmten Situation besonders wohl fühlen, sagen wir manchmal nicht nur: „hier möchte ich bleiben“ oder „verweile doch, du bist so schön“, sondern auch: hier und jetzt könnte oder möchte ich sterben. Es scheint das Recht eines jeden Menschen zu sein, solch eine weihnachtliche Zeit der Neu-Geburt oder solch einen Krippen-Ort, an dem alle Kreatur teilnimmt, zu finden.

Andreas Kossert: Flucht – eine Menschheitsgeschichte, Siedler-Verlag, 432 S., 25 Euro

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