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Das Kapital am Rande des Untergangs

Wäre die Welt ein Körper, würden jetzt gerade Augen, Ohren, Mund und Nase gegeneinander kämpfen - unser Hörspiel der Woche.

Seit 1880 kam es in Russland zu einer Welle von Pogromen an Juden, die bis ins 20. Jahrhundert anhielt. Auch die "Helden" des Hörspiels haben ein solches erlebt.
Seit 1880 kam es in Russland zu einer Welle von Pogromen an Juden, die bis ins 20. Jahrhundert anhielt. Auch die "Helden" des Hörspiels haben ein solches erlebt. ©  [M] dpa/ SZ

Von Rolf Floß

Manchmal erregt bereits der Titel die Aufmerksamkeit: „Am Rande des Untergangs vergnügt sich das Kapital – Manifest für Körperteile.“ Es könnte satirisch gemeint sein, aber bald stellt sich heraus, dass es zunächst das Erinnern an zwei große Idealisten aus dem 20. Jahrhundert ist. Beide, der eine jung und der andere älter, lebten 1906 in Bialystok im heutigen Ostpolen, auf dessen Straßen Jiddisch, Polnisch, Russisch und Deutsch gesprochen und gestritten wurde. Es kam nicht nur in diesem Jahr zu grausamen Progromen an der mehrheitlich jüdischen Bevölkerung.

Die zwei haben ihr Leben lang diese bluttriefenden Greul nicht vergessen. Der Arzt Ludwik Zamenhof versuchte durch das Erfinden der synthetischen Sprache Esperanto, die auf allen Kontinenten verwendet werden könnte, Streit und Hass zu beenden. Das damalige Kind David Kaufman, der sich später in Moskau Dziga Vertov nannte, wurde ein bedeutender Pionier des Stummfilms und der frühen Tonfilme. In seinem Manifest „Der Mann mit der Kamera“ zielte er auf eine alle Menschen vereinende visuelle Sprache. So hofften beide, die Menschheit zu versöhnen.

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Wann dann, wenn nicht jetzt den Wahnsinn stoppen?

Der 1982 in Zürich geborene Joel Làszlò, Dramatiker, Prosaautor und Islamwissenschaftler, der einige Jahre in Kairo lebte, stellt sich im Sinn dieser Idealisten die Menschheit als einen einzigen Körper vor. Allerdings kämpfen die Teile gegeneinander: Augen, Ohren, Mund und Nase. Am Scheitelpunkt des Kapitalismus vermag er nicht einmal zu träumen, dass die Weltkörperteile vor ihrem Ende zueinander finden. Zunächst leicht verwirrend, baut sich seine Poetik immer mehr auf, schafft Raum für eigene Gedanken und Gefühle, wird suggestiver und fordernder: Wann dann, wenn nicht jetzt den Wahnsinn stoppen?!

In der neuen Produktion von Deutschlandfunk Kultur setzt Henri Hüster als Regisseur gekonnt und variabel auf fünf souveräne Stimmen, die zugleich Personen und Körperteile sprechen: Jirka Zett, Sebastian Hufschmidt, Sandra Gerling, Carlo Ljubek und Rafael Stachowiak. Noch verstärkt wird ihre Wirkung durch die eigenwillige Komposition von Florentin Berger–Monit und Johannes Wernicke. Sie bieten reizvolle elektronische Möglichkeiten für Ton und Technik von Kay Poppe an. Wer sich darauf einlässt, wird eine kunstvoll verdichtete kollektive Wut auf das bevorstehende Selbstzerstören der Menschheit durch Gewinnmaximierung erleben.

Sendetermin: 17. Januar, 18.30 Uhr, Deutschlandfunk Kultur

Auch in der Audiothek abrufbar: www.deutschlandfunkkultur.de

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