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Das Musikleben wird sich ändern - teils radikal

Philharmonie-Intendantin Frauke Roth sagt: Nach der Pandemie heißt es in der Musik Abschied nehmen von Vertrautem und Gewohntem.

Frauke Roth an ihrem – derzeit verwaisten – Arbeitsplatz: im Dresdner Kulturpalast.
Frauke Roth an ihrem – derzeit verwaisten – Arbeitsplatz: im Dresdner Kulturpalast. © Markenfotografie

Seit fast einem Jahr wissen Künstler wie die der Dresdner Philharmoniker, dass sie nicht systemrelevant sind. Und momentan ist nicht absehbar, wann sie wieder auftreten können. Ein Gespräch mit der Intendantin der Dresdner Philharmonie Frauke Roth über die Zukunft: neue Konzertformen, anderes Reisen und Ersatz für den beliebten Pausensekt.

Frau Roth, was ist eine Ihrer ersten Erkenntnisse der aktuellen Situation?

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Ganz klar. Wir sind nicht das Dach über dem Kopf. Aber wir sind die gute Stube. Lassen Sie uns ein Dach bauen, das müssen wir alle. Aber wir brauchen und wünschen uns alle auch die gute Stube.

Nur fünf Prozent der Steuerzahler interessieren sich für Hochkultur wie klassische Musik. Drücken Sie das weg?

Nein, aber es lässt mich auch nicht an unserem Beruf zweifeln. Fünf Prozent, dass hat sich bei mir schon als Kind eingebrannt, das ist die Prozenthürde. Wenn man die hat, hat man Fraktionsstatus, dann kann man tätig werden und den Kreis ausweiten. Ich bin nicht zufrieden damit, kann aber damit leben. Ich nehme das als Auftrag, das eigene Feld noch besser zu bestellen.

Im Sommer sah der Orchesteralltag so aus: Proben mit großem Abstand im Kulturpalast.
Im Sommer sah der Orchesteralltag so aus: Proben mit großem Abstand im Kulturpalast. © dpa/Matthias Rietschel

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus den neuen Erfahrungen der Auftritte und Hygienevorschriften?

Über der Klammer steht für mich, dass wir noch nie eine solche Fragilität erlebt haben. Das macht die Sache auch so besonders und kostbar. Wir haben quasi ein rohes Ei in der Hand. Aber die Umstände, es zu präsentieren und mit dem Publikum zusammenkommen zu können, dass das in unserem Konzertsaal im Kulturpalast auch Sinn macht, davon sind wir noch weit entfernt. Wir müssen erstens noch geduldig sein. Zweitens müssen wir uns darauf einstellen, dass wir noch lange Einschränkungen haben werden. Da denke ich an das, was wir immer für extrem wertvoll gehalten haben: dass jeder Platz besetzt ist und wir ein möglichst breites Repertoire, vom Solospieler bis zu groß besetzten Sinfonie, bieten. Diese Einschränkungen wirken sich nicht nur aufs Repertoire, sondern auch auf unsere Formate aus.

Wie werden sich Programme oder Aufführungsformen ändern?

Wir müssen flexibler werden. Das klassische Konzert, das zwei große Hälften hatte und eine schöne ausgiebige Pause in der Mitte, wird es geben. Wir werden mehr Kurzkonzerte haben, in denen ohne Pause ein oder zwei Werke aufgeführt werden. Der bislang ausgiebige Vorgang des Entspanntzusammenseins wird sich zwangsläufig aus dem Konzertsaal ins Private verlagern. Man wird kurzfristigere Offerten anbieten und auch die kleinen Formate wie Kammermusik auf die große Bühne holen. Einfach um den Platz für den notwendigen Abstand zu haben.

Wie habe ich mir das vorzustellen?

Die Formate, die Konzertlängen und wozu man die große Bühne nutzen kann, werden deutlich variieren. Bestimmtes, vor allem die sehr groß besetzte Musik, wird man weniger hören, Kammermusik dürfte eine größere Bedeutung erlangen. Da bin ich froh, dass wir diesen Weinberg-Saal haben, der die Musiker wirklich in die Mitte des Publikums nimmt und eine solche Intimität zulässt, dass auch kleinere Besetzungen eine große Wirkung entfalten können.

Kein Pausensekt – schade!

Klar. Ich erinnere gern an die Worte von Wolfgang Schäuble als Redner zur Eröffnung des neuen Kulturpalastes 2017: „Vereinzelungsorte haben wir genug, dies hier ist ein Versammlungsort und zu demselbigen gratuliere ich von Herzen.“ Und das dürfte ja jeder kennen: Es gibt eine Sehnsucht nach kollektivem Erleben, in unserem Fall nach dem gemeinsamen Musizieren und Hören. Und es gibt auch ein großes Bedürfnis, sich analog am Rande, sei es davor, in einer Pause oder danach, auszutauschen. Ich werde alles daransetzen, dass das nicht verschwindet.

Homeoffice dürfte zunehmen, die Menschen wären flexibler in ihrem Tagesablauf. Wie könnten Sie darauf reagieren?

Wir werden einiges ausprobieren. Ganz klar. Warum müssen die Hauptkonzerte immer erst 19.30 Uhr beginnen? Danach ist man erst spät daheim. Noch essen zu gehen, ist fast unmöglich. Es gibt in vielen Städten schon Lunch-, After-Work- und Late-Night-Konzerte. Ich plädiere immer dafür, auch zu schauen, wie sich die Bevölkerung am jeweiligen Ort verhält. So sind in Amsterdam im Concertgebouw die knapp einstündigen Mittagskonzerte sehr beliebt. Übernehmen? Unsere Erfahrung ist die, dass die Menschen, die im Umfeld des Kulturpalastes tätig sind, meist nur eine halbe Stunde Mittagspause haben. Da ist der Bedarf, da noch in ein Konzert zu gehen, nicht so groß. Also: Umfeld, Bedürfnisse und Gewohnheiten gut betrachten und die Erkenntnisse ausdifferenziert umsetzen.

Die Krise als Chance: Insider fordern einen „New Deal der Klassik“ – unter anderem weg vom Repräsentationsgehabe. Was halten Sie davon?

Also, da bin ich altmodisch. Ich finde es schön, dass man sich gut anzieht, wenn man ausgeht. Dass man andere Sachen trägt als auf der Arbeit. Außerdem haben in Dresden der Inhalt, die Musik, das Konzerterlebnis einen viel größeren Stellenwert als andernorts, wo das Sehen und Gesehen-Werden durchaus ein Antrieb für Konzertbesuche sind.

Zum „New Deal“ gehört, dass Sie Stars mit Steuergeldern engagieren, die obszön hohe Gagen fordern – bleibt das?

Darüber wird unterdessen viel diskutiert. Man muss aber Folgendes sehen: In Amerika sind die Gagen viel höher als in Deutschland. In England wiederum sind sie wesentlich niedriger als bei uns. Insoweit kann ich mir vorstellen, dass sich das in einer Situation, wo wir in der Pandemie alle gleich sind, alsbald ausmitteln wird. Ich könnte mir vorstellen, dass sich sogenannte Obergrenzen für Gagen unter den Akteuren herausbilden, ähnlich den Solistengagen in der Oper. Auch dort gibt es keine festgelegten Grenzen, sondern einen übergreifenden Austausch, der bestimmte Dinge einmittelt. Das gibt es im Konzertwesen so noch nicht. Sicherlich wird mitentscheidend sein, wie sich das fragile Dreieck Agentur, Solist und Veranstalter in der Post-Corona-Zeit entwickeln wird.

Auch das war Corona-Alltag: Blechbläser der Dresdner Philharmonie spielten für die Bewohner des Meißener Sozialprojektes MEISOP in Coswig.
Auch das war Corona-Alltag: Blechbläser der Dresdner Philharmonie spielten für die Bewohner des Meißener Sozialprojektes MEISOP in Coswig. © Norbert Millauer

Jedes Jahr sind zig deutsche Orchester nach Asien geflogen, um Brahms zu spielen. Zig amerikanische kamen zu uns, um Beethoven zu spielen. Wird sich das Tournee-Verhalten ändern?

Das Reisen von Orchestern wird sich ändern. Die Reiseunsicherheit wird ja noch eine ganze Weile bleiben. Hinzu kommen Zoll-Bestimmungen, die immer komplexer werden, wenn die Ein- und Ausfuhr von Instrumenten beispielsweise mit Elfenbein-Elementen unmöglich wird, selbst wenn es jahrhundertealte Instrumente sind. Unsere Musiker beschäftigt schon die Frage der Nachhaltigkeit, wenn es ums Fliegen geht. Dann muss man fragen, wie sinnvoll es ist, noch mal dasselbe aufzuführen wie die anderen Gastorchester schon vor Ort zuvor. Entscheidend wird auch sein, wie sich das Veranstalterwesen nach der Pandemie positioniert. Das ist derzeit zerrüttet und muss sich komplett neu aufbauen.

Das klingt jetzt nicht so, dass Sie weniger auf Reisen gehen wollen?

Bedenken Sie bitte: Die Kunstszene und speziell die der Musik braucht diesen internationalen Austausch, sie lebt ein Stück weit davon. Den hatte sie immer. Immer gab es über Grenzen hinweg gemeinsame Projekte und Entwicklungen. Deshalb setze ich, im Gegensatz zum Gastspiel-Hopping, auf bestimmte, sich entwickelnde Kooperationen mit Orchestern und Konzertsälen. Es geht darum, sich von programmatischen Ideen inspirieren zu lassen oder gemeinsam Auftragskompositionen zu vergeben. Und die jungen, offenen und wissbegierigen Musiker der Orchesterakademien sollten den Austausch pflegen, von dem der Heimatstandort profitiert.

Skandinavische Orchester reisen faktisch nur noch, wenn sie alle Tourneen mit der Bahn machen können – ein realistisches Ziel auch für Sie?

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Wir sind da längst im Gespräch, und es gibt bereits eine Nachhaltigkeits-AG. Das Thema kommt ganz stark von den jungen Musikern und Mitarbeitern. Da wird ein Wandel stattfinden. Ganz sicher wird die Bahn innerhalb von Deutschland und Europa bei überregionaler Orchestertätigkeit eine größere Rolle spielen. Auch beim Thema Reisen kann ich nur bitten, dass wir differenzieren. Nach China oder in die USA fahren wir nicht mit dem Zug. Aber innerhalb der Länder kann man sehr vieles sehr gut mit der Bahn machen. Und man muss sich überlegen, wie häufig ich in den Gastspielländern präsent sein muss, um mein Standing dort nicht zu verlieren. Eines ist auch klar. Die Ausnahmeorchester Wiener und Berliner Philharmoniker müssen sich keinen Kopf um ihr Renommee machen. Andere Orchester, so war die Erfahrung vor Corona, müssen regelmäßig präsent sein, sonst sind sie weg vom Fenster oder fangen immer wieder von vorne an.

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