merken
PLUS Feuilleton

Das Neinhorn ist echt in Ordnung

Im Großen Garten bringt das TJG ein Puppentheaterstück nach Marc-Uwe Kling auf die Bühne. Kinder amüsieren sich, Erwachsene fühlen sich ertappt.

Das Neinhorn im Sonnenhäusel im Großen Garten.
Das Neinhorn im Sonnenhäusel im Großen Garten. © Marco Prill

Dresden. Jeder kennt sie, jeder ist genervt von ihnen: Kinder, die immerzu „Nein“ sagen. Oder die, die gelangweilt auf der Couch sitzen und sich für nichts interessieren. Noch schlimmer: Jene, die ständig, aber auch immer widersprechen! Der Grad des Nervtums wird nur getoppt durch jene, die nicht richtig zuhören und permanent „Was?“ fragen – wenn sie einem dann doch mal ein halbes Ohr leihen.

Was die meisten Erwachsenen leider nicht bedenken: Für Genervtheit kann immer nur derjenige was, der genervt ist – und, bleiben wir bei den Kindern, nicht Leon, der Nein sagt. Mit seinem Bilderbuch „Das Neinhorn“ hat Marc-Uwe Kling eine Lanze gebrochen für all diese Kinder, über die große Menschen so gern die Augen verdrehen. In „Das Neinhorn“ schreibt der Autor der Känguruchroniken über ein Einhorn, das ständig „Nein“ sagt und das deswegen Neinhorn heißt. Es trifft auf den Wasbär, den Nahund sowie die Königsdochter. Und es wurde Zeit, dass sich das Dresdner Theater Junge Generation diesen grandiosen Stoff schnappt, schließlich liebt es seit Jahren Geschichten, in denen die kindliche Selbstbestimmung gefeiert wird. Nun hat Regisseurin Johanna Zielinski „Das Neinhorn“ auf die Bühne des Sonnenhäusels im Großen Garten gebracht.

Technische Universität Dresden
TU Dresden News
TU Dresden News

Was passiert an der Exzellenzuniversität TU Dresden? Aktuelle News und Informationen finden Sie in unserer Unternehmenswelt.

Endlich sind mal die anderen bockig

Nichts erinnert hier an den Herzwald, in dem das Neinhorn lebt und in dem Steine aus Plüsch sind, Wolken aus Zuckerwatte tief fliegen und das Neinhorn trotzdem schlechte Laune hat. Die Ausstattung von Thurid Goertz hält sich an den Anarcho-Geist des Kinderbuchs: Neonfarbene Leuchtobjekte stellen das Paradies dar, davor gibt es eine Ansammlung von schrottigen Einrichtungsgegenständen.

Auch die Neinhorn-Puppe sieht aus wie seit fünf Jahren durchgekuschelt und nicht gewaschen. Kein Wunder, es sagt ja auch „Nein“ zum Baden. Gespielt wird das ungewöhnliche Wesen weniger genervt als man es vom Buch ausgehend gedacht hätte. Dort schaut es nämlich schon wütend vom Titel aus rüber. Das fortwährende Verneinen des Neinhorns kommt im Theater eher verzweifelt, manchmal sogar schüchtern rüber. Das ist insofern schade, als es den widerständigen Charakter der Hauptfigur etwas reduziert.

Der Anarcho-Geist von Marc-Uwe Kling auf der Bühne des Sonnenhäusel
Der Anarcho-Geist von Marc-Uwe Kling auf der Bühne des Sonnenhäusel © Marco Prill

Weil es auf die in Reimen sprechende Einhorn-Familie im Herzwald keine Lust hat, geht das Neinhorn jedenfalls höchst prosaisch auf Tour. Es trifft auf den Wasbär – eine Puppe aus einem Besenstiel, dreckigen Lappen und einem Schaumstoffklumpen – sowie den Nahund, der aus einem alten Pullover besteht. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach „Nirgends“.

Die Geschichte wird von den Puppenspielern Carlo Silvester Duer, Daniil Shchapov und Uwe Steinbach so herrlich wild und unkonventionell geboten, dass es eine Freude ist. Die drei übertragen den Text in Dialoge voller Ironie und absurder Missverständnisse. Denn wie einigt man sich eigentlich, wenn man immer Nein, Was und Na und sagt? Genau: indem man lange diskutiert. Und so schaffen es die Freunde auch, die Königsdochter aus dem Turm zu befreien. Dass sie der Truppe noch eine Dynamik mehr hinzufügt, weil sie einfach immer recht haben will, stört die anderen wenig. Sie kennen sich aus mit schwierigen Typen.

Das Ganze ist für Kinder (empfohlen ab vier Jahre, aber locker bis sieben unterhaltsam) höchst amüsant: Endlich sind auch mal andere bockig! Und die begleitende Erwachsene fühlen sich vielleicht an der ein oder anderen Stelle ertappt, wenn sie merken: Irgendwie sind die da auf der Bühne doch alle schwer in Ordnung.

Alle Termine finden Sie hier.

Mehr zum Thema Feuilleton