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Das neue Buch von Christoph Hein zeugt von einer deutsch-deutschen Ausgrenzung

Als Pfarrerssohn konnte der Autor in der DDR kein Abitur machen. Er ging in Westberlin aufs Gymnasium. Davon erzählt er in seinem neuen Roman.

Von Karin Großmann
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Christoph Hein: Sein neues Buch ist noch dichter an der eigenen Biografie dran, als frühere.
Christoph Hein: Sein neues Buch ist noch dichter an der eigenen Biografie dran, als frühere. © Martin Schneider

Am 13. August 1961 endet für Daniel plötzlich die Schulzeit. Er verbringt gerade ein paar Ferientage in Dresden, spaziert durch den Zwinger, sieht die beeindruckende Ruine der Frauenkirche, das heiter stimmende Schillerhäuschen und würde gern länger bleiben. Da hört er im Frühstücksraum der Jugendherberge, wie der Radiosprecher die „Sicherheitsmaßnahmen der Regierung zur Rettung des Weltfriedens“ erklärt. Daniel schüttelt ungläubig den Kopf. Man könne doch eine Millionenstadt nicht in zwei Hälften trennen. Zurück in Ostberlin, beobachtet der 17-Jährige, wie das Brandenburger Tor abgesperrt wird mit Stacheldraht, Blechplatten und Eisenstangen.

Als schlesischer Flüchtling in der sächsischen Provinz

Wer etwas über sein Leben wissen will, braucht nur seine Texte zu lesen, sagte Christoph Hein in einem Interview. Da stehe alles drin. Sein Roman „Unterm Staub der Zeit“, der vergangene Woche erschienen ist, ist noch dichter an der Biografie dran als andere. Er setzt den Band „Von allem Anfang an“ von 1997 fort. Wie dort hat die Hauptfigur Daniel mit dem Autor manches gemeinsam. Auch er kommt mit den Eltern als Flüchtling aus Schlesien in eine sächsische Provinzstadt. Auch er erlebt die doppelte Ausgrenzung als „Polacke“ und Pfarrerssohn. Auch er geht in Westberlin aufs Gymnasium, weil ihm die Erweiterte Oberschule im Osten verwehrt wird. Nun würde er endlich dazugehören, verspricht der Vater. Ein Irrtum.

Neugierig sind die Berliner Jungs an der Mauer – auch wenn die Lage ernst ist. Hier versuchen sie, in der Liesenstraße im Berliner Bezirk Wedding einen Blick nach Ostberlin zu werfen.
Neugierig sind die Berliner Jungs an der Mauer – auch wenn die Lage ernst ist. Hier versuchen sie, in der Liesenstraße im Berliner Bezirk Wedding einen Blick nach Ostberlin zu werfen. © AP

Für die Grunewalder Mitschüler sind die ostdeutschen Jungen die Russen. Sie werden alle in eine Klasse gesteckt, haben kaum Geld und müssen mehr leisten, um Anerkennung zu finden. Für die anderen genüge das Einmeterbrett. Sie aber müssten vom Zehnmeterturm springen, erklärt der immer leicht spöttische Student Faro, der Nachtdienst im Internat macht. „Ihr seid nur besser, weil ihr es sein müsst.“ Faro schreibt eine Doktorarbeit über „Machtmenschen, die nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt sind“. Es klingt ziemlich heutig, wenn er sagt: „Es braucht nur einen geschickten Demagogen, und die vom Volk gewählten Vertreter opfern die schönste und am stabilsten erscheinende Demokratie.“

Daniels Zeit am Westberliner Gymnasium ab 1958 bildet das Zentrum des neuen Romans. Es ist die Zeit des Erwachsenwerdens. Christoph Hein erzählt davon in heiteren, humorvollen und bitteren Episoden. Er macht die Atmosphäre im Internat ebenso vorstellbar wie die unterschiedlichen Charaktere der Schüler, der Lehrer und etlicher schillernder Nebenfiguren. Eine junge Schauspielerin gibt Daniel sexuellen Nachhilfeunterricht, bis er ihr den BH stiehlt. Ein mürrischer Drucker lässt ihn abends Zeitungen austragen. Zum mageren Verdienst von dreieinhalb Pfennig das Stück kommt der Gewinn in Psychologie: Daniel lernt, dass er mit dem Verkünden von Mord im Kiez und anderen Regionalnachrichten den größten Umsatz macht in den Kneipen. Ein Theaterregisseur erlaubt ihm den Probenbesuch und sogar kritische Hinweise. „Du hast ein gutes dramaturgisches Gespür“, sagt er. Auch da laufen biografische Fäden zum Autor Hein. Er feierte Bühnenerfolge nicht erst mit Stücken wie „Passage“, „Die Ritter der Tafelrunde“ und „Randow“, alle in Dresden uraufgeführt.

Hein als zuverlässiger deutsch-deutscher Chronist

Daniel schreibt in freien Stunden an eigenen Stücken. Er spielt im Schülertheater mit und hält auch dann durch, als der Lehrer ein Drama auf Latein aufführen lässt und sich das Ensemble sofort halbiert. Doch das Publikum kommt geströmt. Auf das Westberliner Bildungsbürgertum ist Verlass. Christoph Hein erzählt mit genauem Gespür für soziale Unterschiede. Da lässt ein Gymnasiast mit Protzwagen seine Mitschülerinnen schon mal Schlangestehen zum Mitfahren. Jungen wie Daniel haben bei den Mädchen keine Chance, „mit Habenichtsen ist im Wirtschaftswunderland nichts anzufangen“. Mancher bessert sich das Taschengeld durch Schmuggelei zwischen Ost und West auf. Noch sind die Sektorengrenzen durchlässig. Es ist ein bizarrer Augenblick der deutschen Geschichte, der im Roman lebendig wird. Dazu gehören die legendären Auftritte des amerikanischen Predigers Billy Graham – das „Maschinengewehr Gottes“ – und des Rock-‘n‘-Roll-Stars Bill Haley. Einmal mehr erweist sich Christoph Hein als zuverlässiger deutsch-deutscher Chronist. Die Politik des Kalten Krieges bleibt im Hintergrund. Daniel hat mit sich zu tun und noch zwei Schuljahre vor sich.

Der Mauerbau zerschlägt alle Pläne. Nach dem Dresden-Urlaub kann der Junge nicht zurück auf die andere Seite. Und wieder wird er ausgegrenzt – nun als Westgymnasiast im Osten. Er wird als Lehrling in die Buchhandlung am Berliner Alexanderplatz vermittelt. Auch bei Hein steht Buchhändler im Lebenslauf. Wie er holt Daniel in der Abendschule das Abitur nach. Dort lernt er ein Mädchen namens Christiane kennen. Sie will in Babelsberg studieren. Heins erste Ehefrau Christiane war Filmregisseurin. Das aber, heißt es am Ende des Romans ganz klassisch, sei eine andere Geschichte.

  • Christoph Hein: Unterm Staub der Zeit. Suhrkamp, 221 Seiten, 24 Euro
  • Lesung am 3. Mai, 19.30 Uhr, in der Dresdner Zentralbibliothek im Kulturpalast