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Das Phantom der Pandemie heißt Banksy

Überall tauchen sie auf: Straßenkunstwerke des berühmtesten unbekannten Künstlers der Welt. Auch und gerade in der Pandemie.

Eine alte Frau niest so heftig, dass ihr Gebiss wegfliegt. Das Bild, das plötzlich an einer Hauswand in der Vale Street in Bristol erschien, gilt als das neueste Kunstwerk des Straßenkünstlers Banksy.
Eine alte Frau niest so heftig, dass ihr Gebiss wegfliegt. Das Bild, das plötzlich an einer Hauswand in der Vale Street in Bristol erschien, gilt als das neueste Kunstwerk des Straßenkünstlers Banksy. © Foto: Claire Hayhurst/PA Wire/dpa

Von Silvia Kusidlo

Plötzlich sind sie wie von Geisterhand da, auf einer alten Mauer eines Friseurladens oder in der U-Bahn. Der geheimnisumwitterte britische Street-Art-Künstler Banksy platziert seine Bilder an ungewöhnlichen Orten. Im vergangenen Jahr hat er bei seinen Werken einen klaren Schwerpunkt gesetzt: die Corona-Pandemie mit ihren Helden und Opfern. In keinem anderen Land in Europa starben und sterben so viele Menschen an dem Virus wie im Vereinigten Königreich.

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Banksys Identität ist ein Geheimnis. Er soll aus Bristol im Südwesten Englands stammen und Ende der 90er-Jahre nach London gekommen sein. Einen Namen machte er sich mit gesellschaftskritischen Motiven, etwa Obdachlosigkeit und Konsumverhalten. Beim ernsten Thema Pandemie zeigt der Künstler durchaus eine gehörige Portion Humor.

Dazu zählen britische Medien auch sein jüngstes Werk, das im Dezember auf einer Hauswand in Bristol auftauchte. Es zeigt eine alte Frau, die beim starken Niesen ihr Gebiss verliert. Weil das Haus an der wohl steilsten Straße Englands liegt, sieht es so aus, als hätte das Niesen der Frau die benachbarten Häuser zum Kippen gebracht.

Wie kam das Graffiti an den Friseurladen?

Für das Tragen von Corona-Masken warb Banksy mit Ratten-Bildern in einer Londoner U-Bahn. Eines der gesprühten Nagetiere segelte mit einem Mundschutz als Fallschirm herab, ein anderes - ohne Maske - nieste viel Farbe an ein Fenster. Pech: Reinigungskräfte ahnten nicht, welcher Künstler am Werke war, und wischten die Bilder einfach weg. Ihr Wert betrug Kunstexperten zufolge mehrere Millionen Pfund. Auf einem auf Instagram verbreiteten Video soll Banksy mit weißem Schutzanzug und Maske sogar selbst bei der Sprühaktion zu sehen sein. Er schrieb: „Wenn du keine Maske trägst, kapierst du es nicht.“

Im Herbst tauchte plötzlich ein Banksy-Bild auf einer Außenmauer eines Friseurladens in Nottingham auf. Auf dem schwarz-weißen Kunstwerk ist ein Mädchen zu sehen, das mit einem Fahrradreifen als Hula-Hoop-Ring spielt. Davor platzierte Banksy ein demoliertes Fahrrad mit nur einem Reifen, angeschlossen an einem Laternenmast. „Jeder ist sehr aufgeregt und viele, viele kommen, um das Bild zu sehen“, sagte die Inhaberin des Friseurgeschäfts. Nachbarn sahen in dem Werk eine Aufmunterung in der Corona-Krise: Nottingham gehört zu den am schlimmsten von der Pandemie betroffenen britischen Städten.

Steckt Robin Gunningham aus Bristol hinter dem geheimnisvollen Pseudonym "Banksy"? Es wurden auffällige Ähnlichkeiten festgestellt zwischen seinen Werken und denen des Phantoms.
Steckt Robin Gunningham aus Bristol hinter dem geheimnisvollen Pseudonym "Banksy"? Es wurden auffällige Ähnlichkeiten festgestellt zwischen seinen Werken und denen des Phantoms. ©  [M] AP/dpa / SZ

Kunst zum Dank an Corona-Helden

In einer Klinik im südenglischen Southampton hinterließ Banksy ein Gemälde für die Helden der Corona-Krise und schrieb auf einen Zettel: „Danke für alles, was Sie tun. Ich hoffe, dies erhellt den Ort ein wenig.“ Auf dem Bild lässt ein Junge eine Krankenschwester-Puppe mit Umhang wie Superman mit seiner Hand durch die Luft schweben.

Während der Corona-Krise veröffentlichte Banksy auf Instagram sogar ein Werk aus dem Homeoffice. Mit seiner typischen Schablonentechnik hatte er in seinem Badezimmer mehrere Ratten an die Wand gesprüht. Gegenstände waren so arrangiert, dass es so aussah, als hätten die Nager die Unordnung verursacht. Der humorvolle Künstler kommentierte: „Meine Frau hasst es, wenn ich von zu Hause aus arbeite.“ Aber wer könnte hinter Banksy stecken, dessen Werke früher wie aus dem Nichts unautorisiert im Louvre in Paris oder der Tate Modern in London hingen?

Unterstützung für die Flüchtlingsretter

Viele Spuren führen zu dem Straßenkünstler Robin Gunningham aus Bristol. Diesen Schluss zog die „Daily Mail“ schon 2008 nach aufwendigen Recherchen. Jahre später kamen Forscher der Queen-Mary-Universität in London mit Methoden aus der Kriminologie zum selben Ergebnis. Sie glichen Banksys Werke und Gunninghams Aufenthaltsorte ab und fanden viele Übereinstimmungen.

Andere halten den aus Bristol stammenden Sänger Robert Del Naja von der britischen Band Massive Attack für Banksy. Unter anderem soll es eine Verbindung zwischen den Tournee-Daten der Band und der Sichtung neuer Bilder in mehreren Ländern geben. Der Sänger streitet das ab, räumt aber ein, ein Freund des Künstlers zu sein. Eine von vielen weiteren Vermutungen besagt, Banksy sei eine Frau, die ein Künstler-Kollektiv leite. Wer immer dahintersteckt: Banksy muss einen verschwiegenen Kreis von Helfern haben.

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Erneut hat der geheimnisvolle Künstler ein Kunstwerk hinterlassen - dieses mal an der Außenwand eines Friseurladens.

Sollte sich die Corona-Pandemie im kommenden Jahr dem Ende zuneigen, dürfte sich Banksy wohl wieder verstärkt anderen Themen widmen - vielleicht den Flüchtlingen? Banksy unterstützt ein unter deutscher Flagge fahrendes Schiff zur Rettung von Migranten im Mittelmeer. Der Künstler finanzierte die nach einer französischen Anarchistin benannte „MV Louise Michel“ und hinterließ in diesem Jahr als Markenzeichen auf einer Schiffswand ein Werk: Es zeigt ein Mädchen mit Schwimmweste und einem herzförmigen Rettungsring. (dpa)

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