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Wie eine feindliche Übernahme des Ostens

Kultur ist nicht schon wertlos, nur weil sie in der DDR entstanden ist. Das bestätigt auch der Schriftsteller Gunnar Decker in seinem neuen Buch.

Christa Wolf und ihr Kollege Jurek Becker (r.) haben gezeigt, dass auch –und mitunter gerade – unter erschwerten Kunstfreiheitsbedingungen Großes entstehen kann.
Christa Wolf und ihr Kollege Jurek Becker (r.) haben gezeigt, dass auch –und mitunter gerade – unter erschwerten Kunstfreiheitsbedingungen Großes entstehen kann. © Foto: Ullstein

Von Michael Bittner

Gunnar Decker erlebte die Jahre 1989/90 als Student der Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität. Wie im Rest der Gesellschaft hielten auch an der Universität der offene Dialog und die demokratische Mitbestimmung Einzug, die Staatssicherheit hatte ausgespielt und verbohrte SED-Funktionäre wurden abgesetzt. Nach den ersten freien Wahlen mündete der Aufbruch jedoch schnell in die Übernahme der „neuen Bundesländer“ durch die Bundesrepublik.

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Decker, geboren 1965 in Kühlungsborn, erinnert sich in seinem neuen Buch „Zwischen den Zeiten“ an die folgende „Evaluation“ seines Institutes im Jahr 1991: Die ostdeutschen Mitarbeiter wurden zumeist abgewickelt und rasch durch „West-Personal“ ersetzt, mit dem eine „überaus unangenehme Siegermentalität“ verbunden war. Decker empfand das als eine „feindliche Übernahme“: „Es fühlte sich an wie nach einem verlorenen Krieg gegen einen wenig souveränen Gegner, der keine Noblesse, keinen Stil besaß, sondern sich einfach nur in einem besetzten Gebiet breitmachte.“ In einigen westdeutschen Feuilletons wurden zugleich Christa Wolf und andere ostdeutsche Autorinnen und Autoren, die auf einen demokratischen Sozialismus in der DDR gehofft hatten, als „Staatsdichter“ verächtlich gemacht und für obsolet erklärt.

Ein spätes Hoffnungs-Aufleuchten

Schon in seinem erfolgreichen Buch „1965. Der kurze Sommer der DDR“ schrieb Gunnar Decker vor einigen Jahren an gegen einen Blick, der in vierzig Jahren DDR nichts als einen belanglosen Geschichtsunfall oder ein einziges Verbrechen erkennen will. Er spürte den Ambivalenzen der Geschichte nach, verwies auf vergebene Reformchancen und bleibende kulturelle Leistungen. In seinem neuen Buch über „die späten Jahre der DDR“ setzt Decker seine Arbeit fort. Es ist diesmal die Zeit zwischen 1976 und 1990, die im Mittelpunkt steht. Anders als der Historiker Stefan Wolle in seinem bekannten Buch „Die heile Welt der Diktatur“ zur gleichen Epoche widmet sich Decker jedoch vor allem der Kulturgeschichte. Er erzählt dabei nicht chronologisch, sondern nähert sich der Zeit in vielen außerordentlich kenntnisreichen Porträts und Essays, die assoziativ zu Themenkreisen geordnet sind.

Ausführlich berichtet Decker von der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann durch die SED im Jahr 1976 und die anschließenden Maßregelungen protestierender Künstler. Die Hoffnungen auf eine Liberalisierung, die manche mit dem Amtsantritt Erich Honeckers verbunden hatten, zerstoben. Die DDR versank in Stagnation und Resignation. Besonders die jüngere Generation verabschiedete sich endgültig vom Staat – entweder ins unpolitische Privatleben oder in Subkulturen, in denen die „Utopie“ des alternativen Lebens wenigstens noch im Kleinen blühte, oder gleich per Ausreiseantrag in den Westen.

Gorbatschow weckte in der UdSSR weniger Hoffnung

Doch 1985 kam es überraschend noch einmal zu einem „Aufleuchten von Hoffnung“ mit dem Regierungsantritt von Michail Gorbatschow in der Sowjetunion. Deswegen, so Gunnar Decker, sei die späte DDR mit dem Wort „Agonie“ nicht ausreichend erfasst. Für eine Erneuerung der DDR war es zwar tatsächlich zu spät: „Der Zeitpunkt dafür war längst verpasst.“ Aber der Geist von „Perestroika“ und „Glasnost“ ermutigte und inspirierte jene Menschen, die schließlich die historische Wende einleiteten.

Es ist ein besonderer Vorzug von Deckers Buch, dass es die kulturellen Beziehungen zwischen der DDR und der Sowjetunion genau beleuchtet. Decker kann als Zeitzeuge von der Bedeutung berichten, die etwa der Film „Die Reue“ von Tengis Abuladse für den verspäteten Abschied vom Stalinismus hatte. Auch auf die Bedeutung von Künstlern wie Michail Bulgakow, Daniil Granin und Valentin Rasputin geht Decker ausführlich ein. Dabei erinnert er allerdings auch daran, dass Gorbatschow in der Sowjetunion bei Weitem nicht so viel Hoffnung weckte wie in der DDR – und dies nicht nur wegen seiner unpopulären Prohibitionspolitik. Der Verfall aller kommunistischen Ideale war im Mutterland des Kommunismus einfach schon weiter fortgeschritten.

Keine ostalgische Entschuldigung

Man merkt Gunnar Decker beim Lesen an, dass er sich in der Welt der Sub- und Populärkultur weniger heimisch fühlt als in der hochliterarischen Sphäre von Christa Wolf, Franz Fühmann, Stefan Heym, Jurek Becker, Christoph Hein und Stephan Hermlin. Gewiss wird gegen das Buch auch der Vorwurf erhoben werden, es widme sich vor allem diesen etablierten DDR-Schriftstellern, kaum aber den radikalen Dissidenten und Emigranten, die jüngst Marko Martin in seinem Buch „Die verdrängte Zeit“ gewürdigt hat.

Von einer ostalgischen Entschuldigung der SED-Diktatur ist Decker trotzdem weit entfernt. Er besteht lediglich auf der Einsicht, dass Kultur nicht schon deswegen wertlos ist, weil sie in autoritären Verhältnissen entstanden ist, auch dann nicht, wenn sie zeitweise in die Irre ging oder sich auf Kompromisse einließ. Nicht zuletzt erinnert Deckers Buch daran, dass diese Kultur in den Zeiten herrschender Borniertheit eine „geistige Nahrung“ war, deren Kraft und Bedeutung man „heute, im Zustande geborener Sattheit“, kaum mehr versteht.

Gunnar Decker: Zwischen den Zeiten. Die späten Jahre der DDR. Aufbau-Verlag, 432 Seiten, 28 Euro

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