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"Der Blick von außen tut immer noch weh"

Der Schriftsteller Lukas Rietzschel widerspricht dem Ostbeauftragten und versucht in seinen Büchern, manche Vorurteile auszuräumen.

Lukas Rietzschel
Lukas Rietzschel © dpa-Zentralbild

Beeindruckend erzählt der Görlitzer Schriftsteller Lukas Rietzschel in zwei Romanen und einem Theaterstück von den Brüchen in ostdeutschen Biografien. Sein viel gelobtes Debüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ kam auch auf die Bühne, uraufgeführt im Dresdner Staatsschauspiel. Rietzschel trat 2017 in die SPD ein und ist Beisitzer im Vorstand des Görlitzer Ortsvereins. Mit seinem jüngsten Roman „Raumfahrer“ war der 27-Jährige kürzlich Gast in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz.

Es gibt sehr wenige Schriftsteller, die sich in eine politische Talkshow setzen. Warum tun Sie das, Herr Rietzschel?
Weil ich ein politischer Mensch bin. In der Literatur kann ich meine Sicht auf die Gesellschaft nur begrenzt zum Ausdruck bringen. In einer Talkshow kann ich mich direkt äußern, und das sollten viel mehr Künstlerinnen und Künstler tun. Nicht weil sie genau Bescheid wüssten, sondern weil sie oft differenzierter und realistischer auf die Welt blicken. Wir sollten das Feld nicht den immer gleichen Politikern oder Journalisten überlassen.

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Bei Markus Lanz saßen Sie neben dem Ost-Beauftragten Marco Wanderwitz. Wie sehen Sie seine These über diktatursozialisierte Ostdeutsche, die für die Demokratie verloren seien?
Wer in der DDR lebte, hat Erfahrungen mit einer Diktatur gemacht. Das ist richtig. Aber daraus zu schlussfolgern, diese Menschen seien deswegen rechts und nicht mehr zu retten, das ist fatal. Denn damit schreibt man sie ab. Und man ignoriert ihre Leistungen im Transformationsprozess nach ’89.

Und doch hat es die Demokratie im Osten schwerer.
Ich frage mich, ob die Erwartungen an die Demokratie nicht zu hoch waren, zu output-orientiert. Es kann ja nicht so sein, dass nur Politiker liefern müssen. Auch Bürger müssen liefern, müssen mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Aus Reden entsteht nichts. Das ist nur Maskerade. Demokratie heißt nicht, anderer Meinung zu sein und bockig in der Ecke zu stehen. Es heißt, sich am Gemeinwohl zu beteiligen.

Lukas Rietzschel in einem Görlitzer Altbau, den er und Freunde zu einem Kulturtreff umbauen wollen.
Lukas Rietzschel in einem Görlitzer Altbau, den er und Freunde zu einem Kulturtreff umbauen wollen. © dpa-Zentralbild

Gerade im ländlichen Raum tun das viele – aber es sind vielleicht nicht immer solche, die Ihnen lieb sind.
Sie meinen die völkischen Siedler? Das ist allerdings ein Dilemma. Denn die Bürgermeister freuen sich erst mal, wenn jemand alte Landgasthöfe wiederbelebt oder sich um Vereine und junge Leute kümmert. Vielen ist gar nicht bewusst, dass diese „Siedler“ nichts mit der demokratischen Grundordnung verbindet. Hier müsste die Zivilgesellschaft, müsste die Verwaltung viel entschiedener reagieren. Die kommunale Ebene wird in jeder Hinsicht vernachlässigt. Da wünschte ich mir mehr Unterstützung.

Stimmen Sie der Behauptung von Wanderwitz zu, dass sich die Diktatursozialisation der Eltern auf die Kinder überträgt?
Viel prägender war es, zu erleben, wie Eltern und Großeltern durch die Nachwendejahre taumelten. In meiner Schulklasse gab es kaum einen, dessen Angehörige nicht davon betroffen gewesen wären. Sie wurden arbeitslos, umgeschult, in ABM-Maßnahmen geschickt oder sprangen mit einer Ich-AG ins Ungewisse. Mit dieser Umbrucherfahrung sind die heute 30- bis 40-Jährigen aufgewachsen. Eltern und Großeltern wurden aus vertrauten Zusammenhängen herausgerissen und mussten sich im neuen System neu verorten. Denn mit der Schließung der volkseigenen Betriebe fielen nicht nur die Arbeitsplätze weg. Damit wurde ein soziales Netz zerstört. An den Betrieben hingen ganze Ortschaften mit Kindergarten, Ferienlager, Poliklinik, Kulturhaus, Zirkel, Sportklub. All das ging mit verloren.

In Ihrem neuen Roman erzählen Sie auch von jenen, die am Systemwechsel scheiterten und sich wie einige NVAOffiziere das Leben nahmen. Verstehen Sie, dass Leser sich darüber aufregen?
Der Blick von außen tut immer noch weh. Dabei ist mein Blick doch mitfühlend und offen. Ich komme nicht mit Vorurteilen, sondern versuche, sie auszuräumen. Aus Berichten von Zeitzeugen weiß ich, dass in den 1990er-Jahren NVA-Offiziere von der Kamenzer Hochschule ihr Auto absichtsvoll gegen einen Alleebaum steuerten. Es waren Männer, die etwas galten in der DDR. Wie sie lebten und wo sie wohnten, das zeigte ihren hohen sozialen Status. Und plötzlich sollte alles falsch gewesen sein, wofür sie sich engagiert hatten.

„Die Wirklichkeit ist komplizierter, als manche Stereotype vermuten lassen“, sagt Lukas Rietzschel.
„Die Wirklichkeit ist komplizierter, als manche Stereotype vermuten lassen“, sagt Lukas Rietzschel. © dpa-Zentralbild

Der Titel Ihres Romans „Raumfahrer“ meint Menschen, die nicht mehr in der Vergangenheit wurzeln, aber in der Gegenwart nicht ankommen. Ein ostdeutsches Phänomen?
Das gibt es sicher überall, aber im Osten findet man es komprimierter. Denn der Wechsel von einem System zum anderen war eine kollektive Erfahrung. Die meisten hingen plötzlich in der Luft.

Warum spotten Sie in Ihrem Roman über die Forderung, die Lebensleistung der Ostdeutschen anzuerkennen? Weil sie gönnerhaft klingt?
Sie ist höhnisch. Sie erinnert an ein Punktesystem, bei dem man Stempel sammeln muss, und wenn das Heftchen voll ist, wird man gelobt. Dabei weiß doch im Osten jeder, dass hier was geleistet wird. Das Problem fehlender Anerkennung hat für mich einen ganz anderen Aspekt. Ich beobachte in den Dörfern, wie sich die Älteren in den letzten Jahren durch harte Arbeit ihren Lebenstraum erfüllt haben mit Einfamilienhaus und Auto. Doch die Wohlstandssymbole haben für die nächste Generation kaum einen Wert. Die kulturellen Dimensionen der Arbeitswelt haben sich verändert. Viele Jüngere sind in die Großstadt gezogen und leben ein ganz anderes Leben. Nach Hause reisen sie mit dem Zug und wenn Vater die Würste auf den Grill legt, wehren sie ab, denn sie essen kein Fleisch. Sie interessieren sich für Dinge, von denen die Älteren keine Ahnung haben. Manche kommen sich dann hinterwäldlerisch vor. Abgeschrieben. Das empört sie. Auch aus diesem Kreis rekrutiert Pegida seine Demonstranten und die AfD ihre Wähler. Es sind nicht nur die Arbeitslosen, die rechts wählen, es sind auch die mit einem gewissen Wohlstand. Die Wirklichkeit ist komplizierter, als manche Stereotype vermuten lassen.

Ein Stereotyp ist die Behauptung, es gebe einen Zusammenhang zwischen dem hohen Zuspruch für die AfD und der niedrigen Impfquote im Osten.
Den Zusammenhang sehe ich, aber ich würde nicht die AfD verantwortlich machen. Menschen, die skeptisch eingestellt sind gegenüber dem Staat, sind wohl eher bereit, die AfD zu wählen. Mit Skepsis begegnen sie auch der Impfpolitik.

Wen machen Sie dafür haftbar?
Die CDU hat jahrzehntelang den Staat repräsentiert. Doch mit undurchsichtigen Nebeneinkünften und schmutzigen Masken-Deals hat sie viel Vertrauen verspielt. Ich habe den Eindruck, dass die Partei sich der Tragweite dieser Vertrauenserosion noch gar nicht bewusst ist. Es geht dabei nicht nur um die Verantwortung der Partei sich selbst gegenüber, sondern auch gegenüber der parlamentarischen Demokratie.

Politische Einmischung von Literaten war in der Zeit von Günter Grass üblich, danach lange verpönt. Ändert sich das in Ihrer Generation wieder?
Anders als bei Grass gibt es heute sehr viel mehr Kanäle, um eine Meinung zu äußern. Bei Jüngeren hat sich der Medienkonsum sehr verändert. Sie melden sich eher auf Instagram oder Twitter zu Wort, vielleicht auch, weil sie es dort selbst in der Hand haben, was sie sagen und wie sie es sagen. In einer Talkshow steht immer noch ein Moderator dazwischen.

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Die Leipziger Schriftstellerin Daniela Krien meint, Autoren müssten gut überlegen, was sie ihren Figuren in den Mund legen. Es könnte sonst falsch interpretiert werden. Teilen Sie solche Vorsicht beim Schreiben?
In meinem Debütroman fallen ausländerfeindliche Sprüche. Für manchen eine Zumutung. Doch die rassistische Sprache charakterisiert die Figuren. Es wäre unglaubhaft, wenn ich sie normal reden ließe. Das würde der Wirklichkeit nicht entsprechen. Ich vertraue darauf, dass die Leser unterscheiden können zwischen dem, was ich schreibe, und was ich als Privatperson denke.

Lukas Rietzschel. Raumfahrer. dtv, 288 Seiten, 22 Euro.

Der Autor liest am 31. 8., 19 Uhr, im Akti Meißen. Danach Diskussion mit Frank Richter. Eintritt frei.

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