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Der Dresdner Lockdown von 1918

Trauer um Tote, Ärger um die Schließung von Schulen und Bühnen, Sorgen um die "Ausschaltung" der Öffentlichkeit: Das alles gab es schon einmal.

Die Elefanten des Circus Sarrasani baden in der Elbe.
Die Elefanten des Circus Sarrasani baden in der Elbe. © ullstein bild

Von Mike Schmeitzner

Im Oktober 1918 schlugen Dresdner Zeitungen Alarm: „Durch Europa wandert eine unheimliche Gestalt. Wir kennen sie wohl schon von früher her, doch noch niemals hat sie sich so unverhüllt gezeigt wie in diesen Tagen. Tausende Menschen sind von der spanischen Grippe angeblasen. Ganze Ortschaften liegen fiebernd im Bett und überall, wo viele Menschen beisammen sind, schleicht das grüne Gespenst umher und pustet Myriaden Bazillen aus. Es wird schon erwogen, ob nicht alle Schulen, Theater, Kinos und ähnliche Menschensammelplätze abzuschließen sind, um dem Wachstum der Seuche Einhalt zu gebieten.“

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Die Warnung war begründet und erinnert nicht von ungefähr an ganz ähnliche Erscheinungen dieser Tage. „Corona“ und der Lockdown 2020 haben Vorläufer, die Dresden und das Land im Jahre 1918 gleichermaßen in Atem hielten.

Die „Spanische Grippe“, von der hier die Rede ist, war ungleich tödlicher, obwohl sie in Deutschland nicht so große Opfer forderte wie etwa in den USA. Weltweit kamen mindestens 25 Millionen Menschen ums Leben. Die Grippe stammte dabei nicht aus Spanien, wie der Name suggerierte, sondern vermutlich aus den USA.

In den Schulen ging die Seuche immer stärker um

In Deutschland trat das mutierte Grippevirus im Sommer und im Herbst 1918 sowie im Frühjahr 1919 auf, wobei die zweite Welle die schwerste und tödlichste war. Ende September 1918 meldeten Dresdner Zeitungen erste Anzeichen einer zweiten Welle, eine Woche später war sogar von einer „Grippe-Epidemie in Dresden“ die Rede. Tief verunsichert reagierten die Dresdner: Seit vier Jahren befand sich das Land im Kriegszustand. Seitdem waren Zehntausende Sachsen an der Front gefallen, verwundet oder invalide.

Und seit längerer Zeit dominierte der Ernährungsnotstand. Grundnahrungsmittel waren längst rationiert, Menschen litten Hunger und nicht wenige von ihnen gingen abends in ihren Wintermänteln schlafen, weil die Wohnungen nicht beheizt werden konnten. Krankheiten wie Cholera und Tuberkulose befanden sich wieder auf dem Vormarsch. Seit Spätsommer 1918 stand zudem fest, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Das Land befand sich in einer Umbruchsituation. Und genau in diese krisenhafte Situation traf jetzt auch noch die Pandemie.

Viele Kriegsheimkehrer waren infiziert und trugen das Virus bei der Rückkehr von den Fronten 1918 in ihre Heimatstädte.
Viele Kriegsheimkehrer waren infiziert und trugen das Virus bei der Rückkehr von den Fronten 1918 in ihre Heimatstädte. ©  AP/dpa

Mitte Oktober 1918 hatte sich die Lage in Dresden zugespitzt. Wegen der täglich wachsenden Ausfälle musste etwa der Betrieb der Straßenbahn, der Eisenbahn und der Post eingeschränkt werden. In den Schulen ging die Seuche immer stärker um. Selbst Gerichtsverhandlungen mussten wegen der Erkrankung von Richtern ausfallen. Der Ärztemangel verschärfte die Lage zusätzlich, wobei ein Teil der Erkrankten auch mangels Krankenversicherung gar nicht erst einen Arzt aufsuchte.

Krankenhäuser am Limit

Am 20. Oktober 1918 konstatierten die „Dresdner Neuesten Nachrichten“, dass die AOK und der Stadtbezirksarzt „nicht in der Lage“ seien, die „Erkrankungen zahlenmäßig abzuschätzen“, was einem Offenbarungseid gleichkam. Drei Tage später meldete die „Dresdner Volkszeitung“, dass die Pandemie „von gestern zu heute abermals viele Opfer gefordert“ habe. Weiter hieß es: „Im Laufe des heutigen Vormittags waren Krankenwagen unausgesetzt mit der Beförderung von Grippe-Erkrankten nach den hiesigen Heil- und Pflegeanstalten unterwegs.“ Die täglichen Neuerkrankungen stiegen Ende Oktober auf 300. Die Krankenhäuser der Stadt waren mittlerweile an ihre Kapazitätsgrenze gestoßen.

Bereits am 19. Oktober hatte die Stadtverwaltung auf die gewaltige Herausforderung reagiert und die Schließung sämtlicher Schulen verfügt – und zwar auf Vorschlag des Stadtbezirksarztes und im Einverständnis mit dem Kultusministerium. Damit folgte Dresden anderen Großstädten wie Breslau, ging aber Kommunen wie Leipzig voran. Reichs- und Landesbehörden hielten sich mit Vorgaben merklich zurück, die kommunalen Behörden entschieden in der Regel allein.

Ein Vorwand, um die Presse fernzuhalten?

So verbot die Stadt Dresden am 23. Oktober 1918 dann auch alle öffentlichen Veranstaltungen, Konzert-, Theater- und Lichtbildvorführungen. Das Versammlungsrecht blieb davon allerdings unberührt. Die Stadtverordneten akzeptierten das ebenfalls auf Anraten des Stadtbezirksarztes verhängte Verbot, plädierten aber einstimmig für eine höhere Zuweisung von „wirklichen Nährmitteln“ wie Mehl und Graupen, um die Menschen widerstandsfähiger gegen die Grippe zu machen. Sie unterstellten dabei einen direkten Zusammenhang zwischen der miserablen Ernährungslage und der Dynamik der Pandemie.

Überall in Deutschland mussten wie hier in Frankfurt Geschäfte schließen.
Überall in Deutschland mussten wie hier in Frankfurt Geschäfte schließen. © Archiv Stadt Framkfurt/Main

Gegen den „weichen“ Lockdown formierte sich freilich Protest: Verständlich war die Reaktion der Leiter der Dresdner Privattheater, die das Verbot der Stadt als „schwer schädigende Maßnahme“ betrachteten. Sie mussten „beträchtliche Einnahmeausfälle“ verkraften und die Gehälter ihrer Angestellten weiter zahlen. Vom Stadtrat forderten sie deshalb die „baldige Aufhebung der Verordnung“. Die „Dresdner Volkszeitung“ der SPD empörte sich wiederum gegen die Aussperrung der Presse bei der Beratung eines parlamentarischen Gremiums in Dresden-Altstadt. Für die Zeitung war die herangezogene Grippe-Verordnung nur ein „Vorwand“, um die „Presse fernzuhalten“. So könne man die Öffentlichkeit einfach ausschalten.

In den Medien war der Krieg das wichtigere Thema

Noch vor dem 19. Oktober hatte die „Dresdner Volkszeitung“ gegen die Umwandlung von Schulen, die vor allem Arbeiterkinder besuchten, in Lazaretten, und gegen die damit erfolgte Zusammenlegung der Schüler in den verbliebenen Schulen protestiert. Dies sei doch in Grippe-Zeiten eine „hygienische Ungeheuerlichkeit“, die „natürlich die unterernährten Kinder der ärmeren Schichten treffen“ müsse. Warum – so fragte die Zeitung – wandle man nicht Kirchen und Betsäle in Lazarette um? Die Sensibilität der Sozialdemokraten stand allerdings im Widerspruch zu ihrer eigenen Praxis hinsichtlich der Einberufung von Massenversammlungen. Hatte man dort etwa keine Ansteckungen zu befürchten?

Dass die zweite Grippe-Welle nach vier Wochen wieder abflaute, dürfte auch mit auf den Lockdown zurückzuführen gewesen sein, der auf schulischem Gebiet bis zum 9. November 1918 anhielt. Allein der Blick auf das historische Datum legt die Frage nahe, ob durch die zweite Welle der Pandemie nicht auch der revolutionäre Umbruch beschleunigt wurde. So viel ist klar: Die Auswirkungen der Pandemie und die teilweise Überforderung der Behörden verschärften die Legitimationsprobleme des alten obrigkeitsstaatlichen Regimes. Fest steht aber auch, dass der verlorene Krieg und die trostlose Versorgungslage stärker noch als das tödliche Virus zur finalen Krise beigetragen haben.

Und noch etwas fiel auf: Während sich die Presse während der ersten Welle der Pandemie eher zurückgehalten hatte, wurde sie während der zweiten Welle vernehmbar kritischer – trotz der bestehenden Zensur, die am 9. November ebenfalls entfiel. Ein schlagzeilenträchtiges Ereignis war die Pandemie jedoch zu keinem Zeitpunkt gewesen. Auch in der Dresdner Presse dominierten der Krieg und der politische Umbruch die Themenlage.

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Unser Autor Mike Schmeitzner ist Historiker am Hannah Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT). Dort ist jüngst ein Projekt gestartet, das sich mit der Spanischen Grippe und Corona im Spannungsfeld von Gesundheitskrisen, Pro- testverhalten und Verschwörungstheorien beschäftigt.

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