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Der Film zum totalen Lockdown

Mélanie Laurent brilliert in dem klaustrophobischen Drama "Oxygen“

Mélanie Laurent erwacht aus einem Ganzkörperkokon.
Mélanie Laurent erwacht aus einem Ganzkörperkokon. © Shanna Besson

Von Andreas Körner

Sie weiß nicht, wo sie ist, und gleich gar nicht, wer. Eingewickelt in einen klebrigen Ganzkörperkokon ist sie noch nie aufgewacht. Eng ist es hier, ihr Gesicht kommt zum Vorschein, dann reißt sie sich die Hände frei, den Brustkorb, zieht eine Nadel aus dem Unterarm. Kabel und Schläuche sind an ihrem Körper befestigt, ein stabiler Gurt verbindet Unterleib mit Tisch, das Notfallsignal sendet rotes Licht, zu atmen fällt schwer. Sie hechelt, sie strampelt. Und der Sauerstoff geht zur Neige. 35 Prozent verbleiben.

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Man sollte vorab nicht so viel wissen von „Oxygen“, bestenfalls nur noch mal sein privates Vergnügungsmaß für Science Fiction und klaustrophobisches Drama überprüfen. Ob es denn groß genug ist, sich auch auf diese französische Produktion einzulassen. Vielleicht fällt es leichter mit dem Namen Mélanie Laurent. Obwohl, fürs ganz schnelle Aha ist die 38-jährige Schauspielerin immer ein wenig zu unglamourös, zu bescheiden auch im Außerfilmischen, zu konzentriert auf das jeweilige Projekt. Es liegt an ihrer grandiosen Effizienz beim Rollenspiel, ihrer stets zurückgenommenen Art.

Laurent arbeitete mit Gérard Depardieu („Die Brücke von Ambreville“), Jacques Audiard („Der wilde Schlag meines Herzens“), Philippe Lioret („Keine Sorge, mir geht’s gut“), Quentin Tarantino („Inglourious Basterds“) Bille August („Nachtzug nach Lissabon“) und Radu Mihâileanu („Das Konzert“). Sie setzte mit Verve ihren eigenen Öko-Dokfilm „Tomorrow“ durch, der in Zeiten von Klimawandel und knappen Ressourcen positive Lösungen zeigt. Science Fiction aber war bislang nicht in Mélanie Laurents Portfolio.

So wie Regisseur Alexandre Aja „Oxygen“ anlegt, als Solostück auf begrenztem Raum, ist er für seine Hauptdarstellerin nachgerade ideal. Denn fast in Echtzeit wird in der Kammer der Sauerstoff knapp und knapper. Alles läuft auf das alte Prinzip „Schaffen oder nicht“ hinaus. Bald bekommt die Frau mit Liz Hansen einen Namen, wo sie bis dahin nur Omikron 267 genannt wurde und zwar von einer basslastigen Stimme (im Original von Mathieu Amalric genial gesprochen), die einem „Medizinischen Interface zur Lebenserhaltung von Organismen“ gehört.

Für Liz wird dieser Unsichtbare zum einzigen Helfer beim Kommunizieren und Agieren hin zum Offenbaren der Gründe für ihren Lockdown im Orbit. Cliphafte Bilder der Erinnerung, von Kindheit, Ehemann, Beruf im Labor sind in erster Linie für sie gemacht – und auch für uns, um der Klaustrophobie für Momente zu entkommen. Eine fesche Bildgestaltung und die Musik von Robin „Rob“ Coudert dienen gleichfalls dazu und lassen einige inhaltliche Abstrusitäten von „Oxygen“ verblassen. Doch im Grunde geht es um Mélanie Laurent. Man gönnt sich ja sonst nicht viel derzeit.

Der Film ist bei Netflix streambar.

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