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„Der Freischütz“ als Waffenöl und Praline

Seit 200 Jahren ist die Oper von Weber ein Bühnen-Hit. Eine Schau zeigt, wie sie im Alltag präsent war und ist – sogar bei Corona.

Weber wurde nach dem Erfolg geehrt und und verklärt - hier umkränzt mit Motiven aus dem "Freischütz".
Weber wurde nach dem Erfolg geehrt und und verklärt - hier umkränzt mit Motiven aus dem "Freischütz". © Thomas Kretschel

Wetten, wer diese Zeilen liest, summt mit: „Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen?“ So beginnt der „Jägerchor“ aus der Oper „Der Freischütz“, den Carl Maria von Weber so ungemein flott und mitreißend komponiert hat. Ebenso sind die verträumt-verklärende Brautjungfern-Weise „Wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide“ und das kecke Gespensterlied „Einst träumte meiner sel’gen Base“ populär. Zig weitere Arien und Duette, selbst das den Schwarzen Jäger Beschwörende „Samiel! Samiel! Erschein!“ dürften viele kennen. Im Grunde ist die ganze zweieinhalbstündige Oper ein einziger Gassenhauer. Und das seit ihrer Uraufführung im Juni 1821 – bis heute. Nicht nur musikalisch, auch sonst war und ist der „Freischütz“ teils auf skurrile Weise im Alltag präsent. Eine kleine Sonderschau im Weber-Museum in Dresden-Hosterwitz macht dies deutlich. Anlass zu dieser Darstellung ist das Jubiläum von 200 Jahren Freischütz. Doch der Reihe nach.

Schon zur Premiere im Schauspielhaus Berlin 1821 mussten die Ouvertüre und das Brautjungfern-Lied wiederholt werden, 14 der 17 Musikstücke wurden frenetisch gefeiert. „Halbberlin“ würde das „Wir winden dir den Jungfernkranz“ auf der Straße pfeifen, berichteten Zeitzeugen. Allein im Jahr der Uraufführung wurde das Stück in Berlin fünfzig Mal gegeben und hatte innerhalb von wenigen Jahren im deutschsprachigen Raum 31 Premieren. In Dresdens Hofoper brachte Weber selbst seinen Hit 1822 erfolgreich heraus und konnte so seinen Stand als Königlicher Kapellmeister und Direktor der deutschen Oper festigen.

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Um 1900 wurden populären Produkten - hier "Liebig Company´s Fleischextrakt" kleine Serien von Bildern zu verschiedensten Themen beigefügt, die gesammelt und in passende Alben eingeklebt wurden.
Um 1900 wurden populären Produkten - hier "Liebig Company´s Fleischextrakt" kleine Serien von Bildern zu verschiedensten Themen beigefügt, die gesammelt und in passende Alben eingeklebt wurden. © Thomas Kretschel

Mit fast 1.500 Aufführungen bis heute gehört der „Freischütz“ zu den meistgespielten Opern in Dresden. Das lässt die Schmach vergessen, dass das Stück von Hiesigem wie dem Wehlgrund für die Wolfsschluchtszene inspiriert worden war, hier entstanden ist, aber mithilfe des Enkels von August-Minister von Brühl, der Berliner Theaterintendant war, ausgerechnet in Berlin herauskam.

Nun ja, dafür hat Dresden seit 1957 das weltweit einzige Museum, das Leben und Werk dieses Komponisten gewidmet ist. Hier in Hosterwitz bei Pillnitz lebte und arbeitete Weber die Sommer 1818 bis 1824, schrieb wesentliche Teile der Opern „Euryanthe“ und „Oberon“. Davon zeugt die in die Jahre gekommene Dauerausstellung, die nun bis Dezember um eine kleine, textlich hervorragend begleitete Sonderschau zum „Freischütz“ ergänzt wird.

Das Carl-Maria-von-Weber-Museum in Dresden.
Das Carl-Maria-von-Weber-Museum in Dresden. © Thomas Kretschel

Die Entstehung der Oper und ihre Interpretationsgeschichte wird unter verschiedenen Aspekten – etwa wie national das Werk tatsächlich ist oder besser auch nicht – beleuchtet. Denn der „Freischütz“ enthält, anders als von vor allem den Nationalsozialsten ideologisiert, keinerlei politische Begriffe wie deutsch und national oder Vaterland und historische Anspielungen.

Richard Wagner, ein Fan von Weber, meinte in der Melodie liege die Grundlage für das Volksopernhafte des Stückes: „Sie ist, frei aller lokal-nationellen Sonderlichkeit, von breitem, allgemeinen Empfindungsausdrucke, hat keinen andern Schmuck als das Lächeln süßester und natürlichster Innigkeit, und spricht so, durch die Gewalt unentstellter Anmut, zu den Herzen der Menschen, gleichviel welcher nationalen Sonderheit sie angehören mögen, eben weil in ihr das Reinmenschliche so ungefärbt zum Vorschein kommt.“

Figurine des Samiels aus dem "Freischütz".
Figurine des Samiels aus dem "Freischütz". © Thomas Kretschel

Kein Wunder, wenn die Herzen derart angesprochen werden, dass dieses Stück seit jeher nicht nur von Theatern, Chören und Gesangsvereinen geschätzt wird, sondern auch von Industrie und Tourismus. Die Schau in Hosterwitz bringt zumindest Beispiele von ungebremster Kreativität, die die Oper offenbar beflügelt. Zinnteller und Becher mit Brautjungfer-Motiven oder Puppen selbst vom gruseligen Samiel leuchten ein. Auch schon ganz frühe und unzählige Plattenaufnahmen aus aller Welt, Fassungen etwa fürs Puppentheater bereits 1897 und „Freischütz“-inspirierte Kriminalromane passen ins Bild. Dass die Gastronomie, etwa das Restaurant auf der Bastei zu DDR-Zeiten, seine Speise- und Getränkekarte mit Webers Stück betitelte, macht Sinn. Schließlich lief unweit, auf der Felsenbühne Rathen, seit 1956 das Stück als Dauerbrenner.

Schräger sind andere Exponate. Eine bayerische Firma vertrieb ihr Waffenöl unter jenem Titel. Zitat: „Der Volltreffer, gut Schuß mit Freischütz“. Ebenfalls zu sehen sind Sammelmarken zum Aufkleben, die einst beliebt waren: Warum also nicht auch mit „Freischütz“-Motiven? Wie aber kam die Liebig Company um 1900 darauf, Szenen wie Freikugel-Gießen, Jungfernkranz und Eremit-Auftritt ausgerechnet auf „Liebigs Fleischextrakt“, also Maggi-Würfel, zu drucken? Und ein Dresdner Bäcker bietet sieben „Freikugeln“ für 15,50 Euro an: Es sind Marzipanpralinen. Sechs von ihnen schmecken zart nach Pistazien und Nougat. Die siebente aber wird mit Chili und Ingwer gefertigt und extra in goldenem Papier verpackt, also „Teufelswerk“, so der Bäcker.

Der Dresdner Bäcker Wippler bietet "Freikugeln" an - sogar in den Sorten Chili und Ingwer.
Der Dresdner Bäcker Wippler bietet "Freikugeln" an - sogar in den Sorten Chili und Ingwer. © Bäckerei Wippler

Gibt man die Oper im Netz ein, wird man auf Seiten etwa von gleichnamigen Schützenvereinen, Pensionen, Versicherungsmaklern und Outdoor-Anbietern stoßen. In einem Freizeitpark in Bayern gibt es eine Achterbahn, die so heißt. „In 2,3 Sekunden von 0 auf 80. Vier Inversionen und drei Überkopfelemente. 40 Sekunden pures Adrenalin auf 483 spektakulären Metern – wie „die wilde Jagd“, so der Betreiber.

„Die Botschaft ist“, formulieren die Dresdner Ausstellungsmacher, „wer wagt, gewinnt, jeder kann sein Ziel erreichen mit einer Portion Glück.“ Und sie haben noch eine Kuriosität gefunden: In Schwerin gibt es seit Corona den (noch) kostenlosen Bürgertest im „Testzentrum Freischütz“ – in gewisser Weise auch ein Volltreffer.

Das Carl-Maria-von-Weber-Museum, Dresdner Straße 44 in Hosterwitz, ist mittwochs bis sonntags von 12 bis 17 Uhr geöffnet.

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