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So war der Polizeiruf aus Magdeburg

Der Polizeiruf entwickelt eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann. Vor allem Claudia Michelsen überzeugt in einer ihrer größten Rollen.

Unberechenbar und kreuzgefährlich: Das Ehepaar Wegner, gespielt von Sascha Gersak und Laura Tonke.
Unberechenbar und kreuzgefährlich: Das Ehepaar Wegner, gespielt von Sascha Gersak und Laura Tonke. © © MDR/filmpool fiction/S. Erhard

Von Rainer Kasselt

Dieses Verhör wird man nicht so schnell vergessen. Kommissarin Doreen Brasch verdächtigt den Gärtner Markus Wegner, eine Altenpflegerin getötet zu haben. Doch ihr fehlt der letzte Beweis. Ruhig, leicht lächelnd beginnt sie das Gespräch. Fragt nach seiner Ehe, wer die Hosen anhat, ob sie gemeinsam Pornos schauen. Der Verdächtigte grient, bejaht, räkelt sich lässig und merkt zu spät, wie sie ihn in die Ecke treibt und seinen Männlichkeitswahn kitzelt. Er flucht, beschimpft sie, starrt sie hasserfüllt an. Als sie stichelt: „Können Sie mir nicht folgen?“, dreht Wegner vollends durch. Beinahe triumphal gesteht er den Mord an der Pflegerin und an einer weiteren Frau. „Ja, ich hab sie beide umgebracht. Zack. Tot.“

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Zehn Minuten dauert das Verhör im „Polizeiruf 110 – Der Verurteilte“. Ungeheuer intensiv gespielt und jäh gewendet. Als Zuschauer hat man den Eindruck, dabei zu sein. Der erste Mord liegt Jahre zurück, und der vermeintliche Täter sitzt unschuldig hinter Gittern. Auch in jenem Fall ermittelte Brasch – und ermöglichte das Fehlurteil.

Die Kommissarin zwischen Schuld und Sühne. Claudia Michelsen in einer ihrer größten Rollen. Emotional, zornig, sensibel, unnachgiebig, verzweifelt: Von einer Sekunde zur anderen wechselt sie glaubhaft die Gefühle. Als Polizistin überschreitet die Einzelgängerin im heiligen Eifer die Befugnisse, wird suspendiert, macht auf eigene Faust weiter und tappt in eine lebensbedrohliche Falle.

Der spannende Krimi entwickelt eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann. Knappe Dialoge, stilsichere Regie und hautnahe Kamera zeichnen ihn aus. Wenn es im fulminanten Finale auch zu schwer erträglichen Gewaltszenen kommt, passen sie doch zur psychologischen Charakterisierung der Figuren. Das Kammerspiel wird neben der exzellenten Claudia Michelsen von der starken Darstellung der Wegners geprägt.

Sascha Gersak spielt den brutalen, jähzornigen und unberechenbaren Mann. Laura Tonke gibt eine Frau, die seine Beleidigungen und Schläge stoisch erträgt, Lust beim Sex genießt und in Wahrheit die Fäden zieht. Sie ergötzt sich an den Qualen der Kommissarin, mit unergründlichem Lächeln treibt sie die Handlung voran. Der 14. Polizeiruf aus Magdeburg dürfte ein Fall für die Grimmepreis-Jury werden.

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