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Der ganze Sitte

Feuer frei für die Debatte: Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle zeigt eine große Retrospektive des Malers und DDR-Kulturfunktionärs Wille Sitte.

Selbstporträt von Willi Sitte aus dem Jahr 1980, da war er auf dem Höhepunkt seiner Macht als Kulturfunktionär. (Ausschnitt)
Selbstporträt von Willi Sitte aus dem Jahr 1980, da war er auf dem Höhepunkt seiner Macht als Kulturfunktionär. (Ausschnitt) © Privatsammlung

Sittes Arbeiter haben kleine Köpfe, aber große Hände und große Füße, was sogar den Kulturwächtern von der SED auffiel: Ob er denn der Meinung sei, dass „unsere Arbeiter“ nichts im Kopf hätten, wurde er streng gefragt. Was wie ein Witz klingt, konnte selbst einem Willi Sitte schlaflose Nächte bereiten. Der mächtigste Maler der DDR durchlebte heftige Krisen, als er nicht mehr, aber auch schon, als er überhaupt noch nicht mächtig war. Zwei Suizidversuche, der erste an seinem 40. Geburtstag, der zweite einige Wochen später, zeugen davon. Anfang der 1960er-Jahre hatte Sitte sich hoffnungslos in eine Dreiecksbeziehung verstrickt. Und sein Triptychon „Unsere Jugend“ wurde nicht in der 5. Deutschen Kunstausstellung in Dresden gezeigt ¨– ausjuriert wegen eines in einer Bar tanzenden Paares. Weder moralisch noch politisch hielt man Sitte für geeignet, junge Menschen an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle zu unterrichten. Andere Bilder, in denen er zum Beispiel Leger oder Picasso näherkommen wollte, galten als formalistisch.

Hätten Sie es als ein Gemälde von Willi Sitte erkannt? Den "Raub der Sabinerinnen" malte er 1953. . Anders
Hätten Sie es als ein Gemälde von Willi Sitte erkannt? Den "Raub der Sabinerinnen" malte er 1953. . Anders © bpk / Nationalgalerie, SMB / Jö

Der Maler als Partisan

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Die Auseinandersetzungen endeten lediglich mit einer Rüge und Sittes öffentlicher Selbstkritik in der SED-Bezirks-Zeitung „Freiheit“. Dass er heikle Situationen dermaßen glimpflich überstand, beruht auf einer Lüge: Er sei im Zweiten Weltkrieg Widerstandskämpfer gegen das Naziregime gewesen, hatte er behauptet. Dieser Status war in der DDR verbunden mit Privilegien und einer üppigen Rente.

Museumschef Thomas Bauer-Friedrich und der Dresdner Kulturwissenschaftler Paul Kaiser, die im Kunstmuseum Moritzburg in Halle die Retrospektive „Sittes Welt“ vorbereiteten und eine neue Sitte-Biografie publizierten, fanden heraus, dass Sitte am 11. April 1945 in Italien zu den Partisanen übergelaufen war. Am 29. April kapitulierte die Wehrmacht. Um als Widerstandskämpfer anerkannt zu werden, war diese Zeit zu kurz. Also verlegte Sitte seine Desertion in den Sommer 1944. „Das liest sich, als hätte er tagsüber bei der Wehrmacht gedient und nachts bei den Partisanen gekämpft“, erzählt Bauer-Friedrich.1947 trat Willi Sitte in die SED ein und wurde nach Halle geholt, um für den SED-Landesvorstand zu malen. Zunächst teilte man ihm ein Atelier in einer notdürftig hergerichteten Toilette im Haus der Einheit zu. Doch schon 1950 konnte er mit seinem Freund Fritz Rübbert ein Doppelhaus bauen. Dass er später ein Karl-Marx-Porträt von Rübbert geringfügig übermalen und als seins signieren würde, hat Rübbert nicht verhindern können. Er war in den Westen gegangen. Sitte dagegen hielt Zeit seines Lebens den Sozialismus für die bessere Gesellschaftsordnung. Im Feindesland zu leben, kam für ihn nicht infrage. Aber als Künstler nicht berühmt zu werden auch nicht. Was blieb ihm also anderes übrig, als sich der DDR anzudienen?

Berühmter Künstler und mächtiger Funktionär

Das gelang ihm perfekt. Sitte wurde einer der international bekanntesten Maler in der DDR. In Halle lenkte er Jahrzehnte als Lehrer die Geschicke der Kunstschule Burg Giebichenstein. Er bewirkte Gutes für die Kunstschule, indem er für vernünftige Arbeitsbedingungen sorgte. Aber als Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR, der er 1976 wurde, verhinderte er Karrieren. In jener Zeit legte er auch privat den Schalter um, wechselte seinen Freundeskreis, zu dem nun nicht mehr Schriftsteller wie Christa Wolf, sondern Politiker wie Horst Sindermann zählten. Entsprechend groß war die Fallhöhe 1989. Sein Vorlass sollte Staatseigentum werden, seine Tochter ihn verwalten, so bestimmte es Sitte und biss so kurz vor der Wende auf Granit. Den Bedeutungsverlust verarbeitete der Maler in mehreren Selbstbildnissen.

Es ist geradezu vorbildlich, wie die Ausstellung Kunst und Leben, Malen und Politik miteinander verknüpft. Sitte hatte Talent und war ein begnadeter Zeichner, das wird in seinen frühen Werken schon deutlich. Aber ein Malergenie war er nicht. Als die Funktionärsarbeit ihm kaum noch Zeit ließ, arbeitete er schludrig, und in der DDR wurde gefrotzelt: „Lieber vom Leben gezeichnet als von Sitte gemalt.“ Nicht nur über den großformatigen politischen Programmbildern, von denen die Schau zwölf in einem Raum versammelt, schwebt die Frage: Werden sie auf Dauer Bestand haben im Kunsttempel oder wären sie besser in einem Geschichtsmuseum aufgehoben? Die Moritzburg verwahrt mit 100 Werken den größten Sitte-Bestand und zeigt die besten davon dauerhaft. Fast alle Leihgaben, mit denen „Sittes Welt“ komplett wurde, lagerten in Depots. Bauer-Friedrich will keine Heldenverehrung: „Es ist mir sehr wichtig, dass debattiert und kontrovers diskutiert wird. Bislang ist es mir noch zu ruhig.“

„Sittes Welt“ bis 9. Januar 2022 im Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale. Katalog 45 Euro. Biografie: Thomas Bauer-Friedrich, Paul Kaiser, „Willi Sitte - Maler und Funktionär. Eine biografische Recherche“, 27 Euro im Museum, 36 Euro im Buchhandel.

"Nur ein Mensch" von 1989/90 ist sehr wahrscheinlich auch ein Selbstporträt. Willi Sitte als gebrochener Mann. Quasi über Nacht war er zur persona non grata geworden.
"Nur ein Mensch" von 1989/90 ist sehr wahrscheinlich auch ein Selbstporträt. Willi Sitte als gebrochener Mann. Quasi über Nacht war er zur persona non grata geworden. © Nachlass Sitte

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