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Oscar-Gewinner "Nomadland" kommt in die Kinos

Endlich: Gut 20 Filme mit Godzilla über Otto Waalkes bis hin zu Peter Hase starten jetzt.

Frances McDormand spielt die Hauptdarstellerin Fern in "Nomadland". Der Film kommt am 01.07.2021 in die deutschen Kinos.
Frances McDormand spielt die Hauptdarstellerin Fern in "Nomadland". Der Film kommt am 01.07.2021 in die deutschen Kinos. © 20th Century Studios

Von Andreas Körner

Es ist kein Déjà-vu, es ist ein Fakt: Wieder steht der Juli für Öffnen. Im vorigen Jahr war es der Zweite des Monats, jetzt der Erste. 2020 hatten nach dem ersten Lockdown viele Branchenvertreter und Kinobetreiber ihren Neustart dorthin geschoben, aufwändige Hygienekonzepte erst entwickelt, dann akribisch umgesetzt und gehofft. Gute Wochen vor allem für Programmkinos folgten bis zum Herbst, während die großen Unterhalter unter einem schwachen Angebot litten, im Prinzip unter James Bond, der aus 007 ein ums andere Mal 000 machte. Will meinen: Der Fan ging leer aus und hoffte ebenfalls. Ende September soll er zum Zuge kommen. 2021.

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Ließ man Anfang dieses Jahres in Gesprächen wieder mit Branchenvertretern und Kinobetreibern so spitz wie beiläufig das Datum 1. Juli fallen, wollte es kaum einer hören. Die Zwangsvorhänge aller Leinwände waren im November nochmals zugezogen worden, die Osterfeiertage rückten ins Visier für eine Reanimation. Doch es kam anders. Jetzt erst ist die Vorfreude landauf landab mindestens genauso groß wie die Anspannung.

An qualitativ famosen und potenziell kassenleuchtenden Filmen mangelt es nicht – gestaute, verschobene, nagelneue, diesmal mit beachtlichem Schulterschluss zwischen Arthäusern und Multiplexen. Nie war ein Juli für sie alle wichtiger. Und ohne Abstrich hygienischer. Unter 20 (!) Starts geht es von Otto Waalkes und Godzilla über spanische Komödie und Kampf gegen Monsanto bis Aznavour, Peter Hase und Benedict Cumberbatch als Kaltkriegs-Spion.

An einem Werk aber wird man partout nicht umhin kommen: „Nomadland“ von Chloé Zhao. Mit dem Oscar-Segen hat das nicht viel zu tun. Dieses Meisterwerk ohne Makel ist einfach schon zu lange in aller Munde. Es wird noch eine Weile dort verbleiben.

Wenn einer Stadt die Postleitzahl genommen wird, ist sie de facto nicht mehr existent. Die „89405“ gehörte Empire im US-Bundesstaat Nevada, einer sogenannten Fabrikstadt, weil dort 88 Jahre lang eine Gipsmine betrieben wurde. 2011 war Schluss mit dem Abbau und Schluss mit Empire als Wohnort. Die Menschen zogen weg oder sie starben wie der Mann von Fern (Frances McDormand). Seitdem ist die Witwe, Anfang 60, unterwegs. Nicht heimatlos, wie sie sagt, nur ohne Haus. Fern lebt in einem Van, einem gebrechlichen, treuen Ford, hat alles Nötigste und Wertvollste bei sich, arbeitet zur Gelegenheit bei Amazon am Band, wird zur Rübenernte gehen, den Schmand von Küchen und Toiletten schrubben. Vor allem aber wird sie eine Gemeinschaft kennenlernen, Frauen und Männer, junge und alte, die wie sie Nomaden sind, der Arbeit hinterherfahren oder einem Glücksgefühl. Singen sie auf dem Campground die Melodie von Willie Nelsons uramerikanischem Klassiker „On The Road Again“ machen sie „In My Van Again“ daraus. Sie sind mit sich im Reinen.

Als Spielfilm verschweigt „Nomadland“ keine seiner Angriffsflächen. Er hätte wehleidig werden können, Mitleid heischend, hätte Zustände anprangern können, Aktivismus einfordern, stumpf einen Mythos feiern. Er hätte sehr wohl verklären können. Doch Chloé Zhao gelingt – wie bei ihren Vorgängern „Songs My Brother Taught Me“ und „The Rider“ – eine eindrucksvolle Arbeit, die das Kino bis in feinste Adern feiert, mit großem Herz für kleine Dinge, Wärme, die nie nur behauptet, Atmosphäre, die nie nur zelebriert wird.

Die Landschaften dieser Fern-Reise von Nevada aus nach Kalifornien, South Dakota und Arizona münden in zum Teil atemlos machenden Tableaus. Die Paarung faszinierender professioneller Schauspielerinnen und Schauspieler mit Laien, die echte Nomaden sind und vor der Kamera trotzdem spielen, gerät in „Nomadland“ nicht zur Masche, sondern ist Teil eines stringenten Konzepts, das dem Publikum, ganz gleich, wo es den Film sehen wird, Charaktere wirklich greifbar macht. Und damit Menschen. „Nomade zu sein“, sagt Protagonistin Swankie, „ist eine Entscheidung, kein Umstand“.

Ein leiser Film voller Behutsamkeit. Keine Auslieferung, sondern eine Annäherung. Frances McDormand gibt ihrer Figur Stärke im Suchen, konturenreichen Humor im Finden. Sie gibt ihr etwas im ureigenen Sinne Ungeschminktes und Wahrhaftiges. Lässt spüren, nicht wissen, was aus der Begegnung mit Dave (David Strathairn) werden könnte, das nicht schon ist und sich in zauberhaften Momenten von Gemeinsamkeit im Kreise seiner Familie manifestiert. Dave ist ein „Rückkehrer“. Auch als Fern, eher aus Not heraus, ihre Schwester besucht, wird ihr Gesicht Bände sprechen, werden ihre Hände nach langer Zeit ein echtes Bett berühren und sogleich die Dimension dahinter offenbaren.

Der Film läuft im Programmkino Ost, Thalia sowie in der Schauburg, Dresden

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