Feuilleton
Merken

Des Soldaten Schwejks Erfinder starb vor 100 Jahren

Erst die deutsche Übersetzung verschaffte Jaroslav Hasek Weltruhm. Längst steht Schwejk auf eine Stufe mit Faust, Hamlet oder Don Quixote.

Von Hans-Jörg Schmidt
 4 Min.
Teilen
Folgen
Heinz Rühmann spielte 1960 den großen Schalk Schwejk. In der ebenso populären tschechischen Verfilmung war Rudolf Hrusínský in der Hauptrolle zu erleben.
Heinz Rühmann spielte 1960 den großen Schalk Schwejk. In der ebenso populären tschechischen Verfilmung war Rudolf Hrusínský in der Hauptrolle zu erleben. © SZ

Kurz vor Weihnachten ging ein Raunen durch Tschechien. Im Rahmen seines Wahlkampfes um das Präsidentenamt besuchte einer der großen Favoriten, Ex-Premier Andrej Babis, eine Grundschule und blamierte sich dort gründlich mit mangelhaftem Wissen. Unter anderem blieb er ratlos bei der Frage der Schüler, mit welchem Werk Jaroslav Hasek zu Weltruhm gelangte. Der peinliche Auftritt lief im Fernsehen und anschließend in den sozialen Medien rauf und runter. Verbunden mit der Frage, wie jemand ernsthaft tschechischer Präsident werden wolle, der den „Braven Soldaten Schwejk“ nicht kennt.

Sehr Gutwillige könnten einwenden, dass Babis gebürtiger Slowake ist, kein Tscheche. Der Schwejk gehört zur Identität der Tschechen. Sie haben sich mit Schwejkschem Witz perfekt durch die österreichisch-ungarische Monarchie geschlagen. Sie gaben erfolgreich Loyalität vor, um den Herrschenden in Wahrheit den Mittelfinger zu zeigen. Haseks Schwejk ist der bauernschlaue kleine Mann von der Straße, der geschwätzig den Deppen spielt und das leere Pathos der Monarchie und deren Militärapparat auf die Schippe nimmt. Sinnfreie Befehle nimmt er wörtlich, führt sie bis ins Detail aus und gibt sie damit der Lächerlichkeit preis. Er ist feige und tapfer zugleich, wirklicher Idiot und doch vor allem ein augenzwinkernder, raffinierter Kämpfer. In Haseks Roman gibt es keine häufigere Geste als das „Melde gehorsamst!“. Auch wenn der, der da meldet, in Wahrheit den Gehorsam verweigert. In jedem Fall meldet er zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, die gar nicht begreifen, dass sie vorgeführt werden.

Zunächst "Gossenliteratur" verspottet

Die von Schwejk meisterhaft beherrschte Abwehrtaktik des kleinen Mannes gegenüber der Obrigkeit hat die Monarchie überlebt und feierte in der bleiernen Zeit nach der Zerschlagung des Prager Frühlings 1968 noch einmal Auferstehung. Es war erst Vaclav Havel, der seine Landsleute nach 1989 aufrüttelte, den Schwejk in sich abzuschütteln, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und sich nicht mehr bevormunden zu lassen. Doch wer meint, der Schwejk sei tot, hat noch nie in einer böhmischen Kneipe zugehört, wie die Leute beim Bier die „Oberen“ noch immer liebend gern durch den Kakao ziehen.

Hasek hatte schon einiges hinter sich, als er sich an den Schwejk setzte. Als Redakteur der Zeitschrift „Svet zvírat – Welt der Tiere“ etwa erfand er kurzerhand immer neue Tiere und veröffentlichte spektakuläre Artikel über sie. Er handelte (wie später sein Schwejk) mit gestohlenen Hunden, nachdem er deren Stammbaum gefälscht hatte. Als Mitbegründer der „Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze“ lästerte er – wie heute die in Deutschland wirkende „Die Partei“ – über die hohlen Phrasen des politischen Establishments. Den Wählern der Partei stellte er ein Taschen-Aquarium in Aussicht. In russischer Kriegsgefangenschaft radikalisierte sich Hasek dann nach links außen. Zurück in Böhmen, schöpfte er beim Schreiben des Schwejk aus den Erfahrungen seines eigenen freiwilligen Militärdienstes in der Monarchie. Er schrieb oder diktierte seine Gedanken häufig in seinen „Wohnzimmern“, finsteren Kneipen. Sie erschienen in literarischen Häppchen, in einer abenteuerlichen Sprache, einem üblen und unvollkommenen Prager Slang, der bei der einheimischen Kritik gnadenlos durchfiel und als „Gossenliteratur“ galt.

Internationale Anerkennung fand der Schwejk erst durch die grandiose Übertragung ins Deutsche durch Grete Reiner, die die Protagonisten sogenanntes Prager Deutsch sprechen ließ, verknüpft mit dem etwas ungelenken Dienstbotendeutsch. Das war insofern wichtig, weil das eigentliche Prager Deutsch nur von deutschen Intellektuellen an der Moldau gesprochen wurde und dem Original nicht annähernd gerecht geworden wäre.

Erst nach den begeisterten Kritiken aus Deutschland merkte man auch in Böhmen, welch großartiges Werk da lange verkannt wurde. Tschechische Literaten setzten den Schwejk fortan zu Recht auf eine Stufe mit Faust, Hamlet oder Don Quixote, mithin auf das Niveau von Weltliteratur. Dazu zählt es bis heute.