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Dichter als Nervensäge - Neues von Ingo Schulze

Der gebürtige Dresdner porträtiert im neuen Buch widerborstige Künstler, die sich schwer tun mit ihrer Zeit.

Ingo Schulze erhält am 3. Juni den Dresdner Kunstpreis. Er wurde 1962 in Dresden geboren und lebt mit Frau und zwei Töchtern in Berlin.
Ingo Schulze erhält am 3. Juni den Dresdner Kunstpreis. Er wurde 1962 in Dresden geboren und lebt mit Frau und zwei Töchtern in Berlin. © ronaldbonss.com

Ein Schriftsteller nimmt einen Auftrag an. Er soll sich zu einem Kunstwerk äußern. Doch er scheint an der Komplexität des Gegenstandes zu scheitern, hadert mit dem eigenen Ungenügen und dem Bescheidwissen anderer. Um diesen Konflikt kreisen die drei Geschichten, die Ingo Schulze in seinem jüngsten Buch „Tasso im Irrenhaus“ versammelt. Sie nehmen die Kunst zum Anlass, um Gesellschaftliches zu verhandeln. Die Texte erschienen in Zeitschriften und wurden für diese Ausgabe bearbeitet und teilweise neu geschrieben. Der aus Dresden stammende Erzähler Schulze dreht raffinierte Pirouetten in Spiegelsälen und schaut sich selbst dabei zu. Er gibt sich in allen drei Texten als zweifelnd-verzweifelnder Auftragnehmer zu erkennen, mal namentlich und mal mit biografischen Andeutungen. Auch die anderen Mitspieler sind reale Figuren.

Streifzug durch die Kunstgeschichte

Johannes Grützke zum Beispiel. Der Maler und Grafiker starb 2017 mit 79 Jahren in Berlin. Das letzte halbe Jahr lebte er im Hospiz. Der Schriftsteller soll ihn dort interviewen. Als Kind in Dresden habe er oft im Friedrichstädter Krankenhaus übernachtet, wenn die Mutter Wochenenddienst tat. In der Geschichte wird das Krankenbett zur Bühne mit Grützke als Hauptdarsteller und Regisseur, umringt von den Komparsen der Familie. So, wie er sie gemalt hätte, werden sie im Text porträtiert: ineinander verknäult, sinnlich, körperlich, überscharf, überdreht, ein großartiges Panoptikum mit Blaubeertorte zum Kaffee. In den Gesprächen geht es ums Ganze: um das Missverhältnis von Wahrheit und Kunst, Weg und Ziel, Schönheit und Profitmaximierung. Manche Sätze zitieren Schriften des Malers: „Moderne Kunst ist Blödsinn. Kunst ist nicht modern, sondern immer!“ Grützke, der in seinen Bildern gesellschaftliche Rollenspiele kommentierte, spielt in der Geschichte seine Rolle bis zuletzt: Er lässt sich nicht befragen, sondern befragt mit seinem Zeichenstift den Schriftsteller. Der gesteht: „Ich hatte ja wirklich keine Ahnung, was es bedeutete, in der ehemaligen BRD gegenständlich zu malen.“

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Auf andere Art provozierte Reinhard Mucha mit seiner Kunst. Er hatte für den Deutschen Pavillon zur Biennale in Venedig 1990 eine lärmende Installation entworfen mit Hubpodien, Fußbänken, Kabeln und Vitrinen. Für den jetzigen Standort im Düsseldorfer Museum K21 baute er das „Deutschlandgerät“ um. Denn man kann nicht ungestraft ein System auf ein anderes übertragen. Man kann es auch nicht folgenlos wechseln. Zu dieser Erkenntnis kommt der Schriftsteller in der ersten Geschichte des Bandes. In einem Brief an die Museumsdirektorin erklärt er sich außer Stande, über das „Deutschlandgerät“ zu schreiben. Das hätte sein Kollege B.C. besser gekonnt.

Dieser B.C. ist eine fiktive Figur mit Zügen von Autoren wie Wolfgang Hilbig, Peter Brasch und Jurek Becker. Er hatte in der DDR ein einziges Buch veröffentlicht, war Mitte der Siebzigerjahre verhaftet und gegen seinen Willen in den Westen abgeschoben worden. Solange er über den „Unrechtsstaat“ schimpfte, standen ihm die Mikrofone offen. Als er den deutschen Kriegseinsatz im post-jugoslawischen Bürgerkrieg kritisierte, wurden sie eingepackt. Die liberale Demokratie tut sich schwer mit dissidentischem Denken, meint der Schriftsteller in Ingo Schulzes Erzählung. Schulze verschachtelt sie so geschickt, wie das „Deutschlandgerät“ gebaut ist. Der Text kam 2013 als Uraufführung im Dresdner Staatsschauspiel unter dem Titel „Vom Wandel der Wörter“ auf die Bühne. Holger Hübner spielte den Autor B.C., der in der neuen Gesellschaft keinen Platz und kein Thema findet und verstummt.

Als irrsinnig weggesperrt – dieses Schicksal erlitt der Dichter Tasso in der Titelgeschichte, weil er sich mit der Macht anlegte. Ein Gemälde von Delacroix zeigt ihn als melancholischen, unverstandenen Charakter, der durchs Fenstergitter begafft wird wie eine „morbide Sehenswürdigkeit“. Das Bild hängt in einem Museum in Winterthur. Der Schriftsteller soll dort einen Vortrag halten. Seine andächtige Annäherung wird gestört durch einen Schweizer Kunstkenner, der jeden Quadratzentimeter interpretiert. Er nennt Tasso eine Nervensäge, wie alle Dichter. „Ohne Unbedingtheit geht’s eben nicht, odder?“

Ingo Schulze streift durch die Kunstgeschichte und enttarnt nebenbei das Schweiz-Bild mancher Ostdeutscher, die das Land für den besseren Westen hielten. Wie der Schriftsteller im Museum müssen sie sich belehren lassen: „Es gibt keine Art von Verbrechen, das nicht von der Schweiz, von unseren Bankgesetzen profitiert.“ Eine gute Geschichte über den Westen, notiert der Schriftsteller in sein Büchlein, müsse also den Genuss schildern, das Wohlleben, die Behaglichkeit und zugleich zeigen, „wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns bewegen, wie schwarz und tief der Abgrund darunter …“ Ob er den Vortrag in Winterthur halten wird, bleibt offen.

Preissegen für den produktiven Autor

Ingo Schulze stellt nicht zufällig drei widerborstige Künstler vor. Mit all seinen Büchern scheint er das Urteil der Frau von B.C. zu widerlegen. Sie vermisst Aufruhr und Auflehnung in der heutigen Literatur. Diese quelle über vor Einverständnis wie das Privatfernsehen. Die Erwartungen des Publikums bezieht Schulze in sein erfrischendes Nachdenken über die Macht der Kunst und die zwiespältige Rolle des Künstlers ein. Damit hatte er sich schon im Band „Wirklich, wir können nur unsere Bilder sprechen lassen“ befasst. Die Interpretation von Gemälden der klassischen Moderne überraschte vor allem durch die Form: Da gibt es den Monolog des Modells, die Klage des Malers, den gelehrten Dialog, den Streit, den Brief … Für seine viel beachtete Dresdner Rede hatte Ingo Schulze ein Märchen ins Zentrum gestellt, „Des Kaisers neue Kleider“ von Andersen.

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Seit den Dresdner Kinder- und Jugendjahren ist er mit der Malerei verbunden. Mehrfach arbeitete er mit der Leipziger Grafikerin Julia Penndorf zusammen. Sie illustrierte den Band „Kakoj Koschmar“, der im Sommer in der Friedenauer Presse erscheint. Der Tulipan Verlag bringt Schulzes Kinderbuch „Die Kuh Ute“ heraus, und fürs nächste Jahr ist ein neuer Essayband angekündigt. Sein jüngster Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ liegt demnächst als Taschenbuch vor. Der 59-jährige Ingo Schulze ist nicht nur ein höchst produktivster, engagierter, selbstkritischer und umtriebiger Schriftsteller. Er wird gerade besonders gefeiert. Schulze wird mit dem Preis der Literaturhäuser 2021 ausgezeichnet und erhält am 3. Juni den Dresdner Kunstpreis.

Ingo Schulze: Tasso im Irrenhaus. dtv, 158 Seiten 20 Euro

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