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Die Angst des Kinos vorm Ende des Lockdowns

Corona macht's nötig: Heizung runter, Licht aus, Personal zuhause - auch das Dresdner Rundkino wartet auf den Neustart. Allerdings mit Bauchgrimmen.

Paulina Mertins sitzt in einem von fast 900 Sesseln im größten Kinosaal Sachsens. Die 29-Jährige betreibt mit ihrem Vater neben dem Rundkino in Dresden noch weitere Häuser in Berlin.
Paulina Mertins sitzt in einem von fast 900 Sesseln im größten Kinosaal Sachsens. Die 29-Jährige betreibt mit ihrem Vater neben dem Rundkino in Dresden noch weitere Häuser in Berlin. © Arvid Müller

Der Duft von Popcorn ist endgültig verflogen. In der Eisgetränkemaschine stehen die Schaufeln seit Monaten still. Auch die Getränke in den Kühlschränken dösen besseren Zeiten entgegen. Nur eine Minionfigur grüßt mit eingefrorenem Optimismus in die Leere. Alles unter den Augen von James Bond, der sich schräg gegenüber langweilt. Agenten warten einsam: Die übrigen Plätze neben ihm an der Wand für Filmplakate im Foyer des Rundkinos sind leer. Es gibt grad nichts anzukündigen. Denn bis auf Weiteres ist die Zukunft der deutschen Lichtspielhäuser so offen wie der Himmel über Dresden.

Das Rundkino ist eine Legende. Gebaut vor fast eine halben Jahrhundert als erster DDR-Zylinderbau für eine öffentliche Nutzung mit Filmen, Versammlungen, Jugendweihen, ein bedeutendes Zeugnis der Nachkriegsmoderne, entworfen um sein Herz herum, den größten Kinosaal Sachsens. Das schlägt trotz Corona weiter, auf heruntergedimmter Pulsfrequenz. Jeden Tag schaut jemand auf einen Kontrollgang vorbei. Heute ist Anne Türschmann gekommen, in Kurzarbeit, wie alle 15 Angestellten. „Immer wenn ich an der Reihe bin, freue ich mich darauf, mal wieder zur Arbeit zu kommen“, sagt die Theaterleiterin. „Aber diese Leere, wo sonst immer was los ist und ich die Kollegen treffe, die ist schon komisch. Daran könnte ich mich nie gewöhnen.“

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Ein Minion grüßt ins leere Foyer des Rundkinos: Eigentlich sollte der zweite Film um die putzigen kleinen Helden längst gestartet sein. Doch auch er dreht bis auf Weiteres Warteschleifen.
Ein Minion grüßt ins leere Foyer des Rundkinos: Eigentlich sollte der zweite Film um die putzigen kleinen Helden längst gestartet sein. Doch auch er dreht bis auf Weiteres Warteschleifen. © Arvid Müller

James Bond und die Minions müssen weiter warten

Wann die Kinos wieder öffnen dürfen, bleibt ungewiss. Aber man kann sie bis dahin nicht sich selbst überlassen. Zwei bis drei Mal in der Woche ist Anne Türschmann hier. Sie kontrolliert die Technik, erfasst Wartungsbedarf, hält Ordnung. „Natürlich fahren wir die Energieversorgung auf Sparkurs“, sagt die Theaterleiterin, die wie zum Trotz gegen die Kälte im vom Tageslicht matt erhellten Foyer, in den Aufgängen und in den Sälen Kleid statt Steppmantel trägt. Wer genau hinfühlt, spürt einen dünnen Luftzug. „Ja, die Klimaanlage läuft, nichts darf einfrieren. Außerdem müssen wir gerade in dieser Jahreszeit auf Wasserschäden achten, auch in den sechs kleineren Sälen.“

Heute hat Anne Türschmann sich noch ein wenig mehr auf die Arbeit gefreut. Denn heute bleibt sie mal nicht alleine. Paulina Mertins ist für einen Arbeitsbesuch aus Berlin gekommen. Sie und ihr Vater betreiben das Rundkino sowie einige andere Häuser in der Hauptstadt. Die gehören zur Cineplex-Kette, einem Zusammenschluss selbstständiger Betreiber von über 70 Kinos, viele davon in Familienbesitz. Den leider daueraktuellen Top-Hit der Branche, den Corona-Blues, kennen sie alle auswendig. Auch Paulina Mertins. „Es war schon im ersten Lockdown sehr hart“, sagt die 29-Jährige. „Um nur die laufenden Kosten zu erwirtschaften, bräuchten wir 600 Besucher täglich – aber auf Dauer könnten wir damit nicht überleben.“ Zwischen den Zwangspausen, unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen, kamen im Schnitt um die 200. Seit November ist auch dieser Tropfen auf dem heißen Stein verdampft.

Agenten warten einsam. Seit einem Dreivierteljahr ist der neue James Bond fertig. Er wird sich wohl noch ein paar weitere Monate gedulden müssen.
Agenten warten einsam. Seit einem Dreivierteljahr ist der neue James Bond fertig. Er wird sich wohl noch ein paar weitere Monate gedulden müssen. © Arvid Müller

Hoffentlich müssen wir nicht als erste öffnen

Wie lange hält man so etwas durch? Ohne die 75-Prozent staatlicher Umsatzhilfen ginge es nicht, sagt Paulina Mertins. „Leider kommt diese Hilfe auch bei uns eher scheibchenweise an.“ Aber ohnedem käme kein freier, nicht-öffentlich subventionierter Kulturbetrieb aus. „Wir brauchen auch Rücklagen für die Wiedereröffnung, wenn es irgendwann so weit ist. Man kann nicht einfach einen Schalter drücken, und das Kino ist wieder voll funktionsfähig.“

Dabei macht das Rundkino genau diesen Eindruck. Die Teppiche sind sauber, die Parkettböden ebenfalls; im oberen Foyer, ein wenig versteckt, hängen Wischlappen zum Trocknen auf einem Wäscheständer. Selbst der große Saal mit seinen 900 Plätzen sieht so proper aus, als würden im nächsten Moment wieder die Besucher hereinströmen. Doch es geht nicht nur ums Wieder-Anlaufen des Rundkinos. Es geht um den Neustart einer Branche. Der wird, so oder so, einigermaßen kompliziert. „Ich hoffe“, sagt Paulina Mertins, während sie sich ein halbbitteres Lächeln abringt, „dass wir in Sachsen und Berlin zu den Letzten gehören, die wieder öffnen dürfen.“

Jemand ein Eisgetränk? Momentan wohl eher nicht ...
Jemand ein Eisgetränk? Momentan wohl eher nicht ... © Arvid Müller

Wie Filmverleihe die Kinos ausbooten

Es sind die ebenso eng verflochtenen wie komplexen Mechanismen der weltweiten Kinobranche, die auch Mertins auf einen möglichst späten Wiedereinstieg hoffen lassen. Anders gesagt: Es liegt an der offenen Frage, was die Kinos nach Lockdown-Ende ihrem Publikum überhaupt auf den Leinwänden anbieten können. Der Beginn der Krise hatte den Start vieler Filme verhindert und etliche Dreharbeiten unterbrochen. Aber auch die konnten zum Teil in Sommer und Herbst beendet werden. Gleichwohl kamen nur wenige zwischen den Zwangspausen ins Kino. Denn die Reduzierungen des Platzangebots, bedingt durch die Hygienemaßnahmen, machten einen Start vor maximal halbvollen Sälen uninteressant; ein Film muss seine Kosten schließlich auch wieder einspielen.

Mittlerweile drehen zahllose Werke Warteschleifen, gerade die publikumsträchtigen Blockbuster aus den USA, allen voran James Bond. Was wiederum dazu geführt hat, dass manche Verleihe nicht länger warten wollten oder konnten und einige Filme schon im Netz über Streaming-Anbieter verkauft haben. Für die übergangenen Kinos „ein Desaster“, so Paulina Mertins. Dass große Verleihe dazu tendieren, ihre Produktionen in Zukunft verstärkt zeitgleich ins Netz und ins Kino zu bringen und die Kinos keine exklusive Film-Verwertungszeit mehr haben, macht die Aussichten nicht heller.

Aufgeräumt, gewischt, geputzt: Das Innere des Rundkinos sieht aus, als könnte alles auf Knopfdruck wieder losgehen. Doch so einfach ist es nicht.
Aufgeräumt, gewischt, geputzt: Das Innere des Rundkinos sieht aus, als könnte alles auf Knopfdruck wieder losgehen. Doch so einfach ist es nicht. © Arvid Müller

Was sollen wir denn zeigen, wenn es wieder losgeht?

Ja, es warten immer noch viele Filme, sogar zu viele Filme für die vorhandenen Leinwandplätze, aufs Lockdown-Ende. „Wenn der allerdings von den Inzidenzwerten abhängen würde und zuerst die Kinos in den Bundesländern mit den niedrigsten Infektionszahlen öffnen dürften, wäre das keine gute Lösung.“ Eben weil kein Verleih einen großen und für Multiplexe wie das Rundkino wichtigen Film herausbringt, wenn er ihn nur auf wenigen Leinwänden im Land zeigen kann.

„Insofern werden die Häuser, die als Erste wieder öffnen, auch die größten Probleme haben“, sagt Paulina Mertins. „Sie könnten zunächst nur mit den Filmen wieder anfangen, mit denen wir im Herbst aufgehört haben.“ Oder mit solchen, die längst schon im Netz stehen. „Ich bezweifle, dass so ein Angebot für das Publikum reizvoll wäre. Deshalb kann der Neustart nur funktionieren, wenn bundesweit alle Kinos gleichzeitig öffnen und es sich auch für die Verleiher wirklich lohnt, ihre Neuware auf den Markt zu bringen.

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“Immerhin ein Gutes hat die lange Wartezeit: Das Angebot an Filmen wird so bunt und stark sein wie nie. Und die Erinnerung an die letzte Woche vor dem zweiten Lockdown im November macht Paulina Mertins dann doch Hoffnung: „Da hatten wir so viele Besucher wie noch nie in der Corona-Zeit. Die wollten alle schnell noch mal ins Kino. Das zeigt mir, dass das Interesse vieler Leute am richtigen Filmerlebnis immer noch sehr hoch ist.“

Das Rundkino ist eine Legende. Gebaut vor fast eine halben Jahrhundert als erster DDR-Zylinderbau für eine öffentliche Nutzung mit Filmen, Versammlungen, Jugendweihen. Das bedeutende Zeugnis der Nachkriegsmoderne wurde entworfen um sein Herz herum, den gr
Das Rundkino ist eine Legende. Gebaut vor fast eine halben Jahrhundert als erster DDR-Zylinderbau für eine öffentliche Nutzung mit Filmen, Versammlungen, Jugendweihen. Das bedeutende Zeugnis der Nachkriegsmoderne wurde entworfen um sein Herz herum, den gr © SZ Archiv

Die Serie "Kunstpause":

Dieser Artikel ist Teil der Serie Kunstpause, die während Lockdowns einen Blick hinter die Kulissen sächsischer Kulturstätten wagt. Alle Serienteile finden Sie hier: Kunstpause: Sachsens Kultur im Lockdown.

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