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Die Glücksuchenden vom Weißen Hirsch

Erstmals spielt die Semperoper open air auf dem Konzertplatz: mit einer großangelegten Motivationsshow.

Auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch gibt es sonst die Hexe Baba Jaga zu sehen, jetzt ist die Semperoper zu Gast.
Auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch gibt es sonst die Hexe Baba Jaga zu sehen, jetzt ist die Semperoper zu Gast. © Semperoper Dresden/Daniel Koch

Von Jens-Daniel Schubert

Mehrfach musste die Premiere der kleinen Semperoper-Spielstätte Semper Zwei coronabedingt verschoben werden. Am Freitagabend sollte sie nun auf dem Konzertplatz am Weißen Hirsch open air dem Publikum präsentiert werden – da nahte neues Ungemach. Diesiges Regenwetter bremste die Besucherströme, und dem das Bühnenbild prägenden Laufband drohte bei Regen der Totalausfall.

„Wie werde ich reich und glücklich“ ist der Titel der Kabarett-Revue von Mischa Polansky. Motivationstrainer Pausback verkauft allgemeingültige Rezepte, wie man jeglichem Kummer entkommen kann. Aber auch ohne sein Eingreifen hatte Petrus ein Einsehen. So wurde die Semperoper zwar nicht reich, aber Darsteller und Team waren glücklich, das Resultat ihrer Arbeit endlich präsentieren zu können. Und nachdem die Hände der auf dem Konzertplatz weiträumig verteilten Zuschauer den Weg aus wärmender Regenschutzbekleidung gefunden hatten, dankte das Publikum auch zunehmend begeistert den Akteuren mit Applaus.

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Timo Dentler hat in der Konzertmuschel die vierköpfige Band um Max Renne platziert, bunt angestrahlt und drum herum die silbern glitzernden Buchstaben: „Wie werde ich“ drapiert. Der Rest des Satzes bleibt offen. Denn Pausback bietet sein Motivationsprogramm in zwei Varianten an A: reich und B: glücklich. Beides ist nicht vorgesehen. Und das ist die Crux.

Die Geschichte ist fast beängstigend aktuell

Mit wenigen Möbeln und dem zentralen Laufband wechseln auf der Bühne vor der Konzertmuschel kurze, kabarettartige Dialogszenen mit Liedern, Ensembles und Revueszenen. Die Dialoge sind pfiffig und pointiert, der Gesang chansonartig auf hohem stimmlichen Niveau, der Tanz zitiert in Kleinstbesetzung die großen Auftritte des Genres. In zehn Abteilungen wird eine Geschichte erzählt, die auch neunzig Jahre nach ihrer Entstehung erstaunlich, fast beängstigend aktuell ist.

Der arbeitslose, auf Kosten von Frau und Schwiegermutter lebende Kibis will reich werden. Auf die Idee, es mit seiner Hände Arbeit zu versuchen, kommt er nicht. Oder er hat sie mangels schlechter Erfahrung bereits weit hinter sich gelassen. Schlechtes Gewissen ist ihm ebenso fremd wie selbstmitleidiges Lamentieren. Er hat sich’s in Jogginghose bequem gemacht.

Pausback, der fischelant-umtriebige Alleskönner, verkauft ihm einfache Verhaltensregeln. Vorsichtig probiert, funktionieren sie prompt. Also verlässt Kibis, wiederum ohne die geringste Rührung von Mitgefühl, seine Frau Lis. Die wollte immer alles für ihn tun. Hat es ihm aber nie recht gemacht. Während sie zurückbleibt, ist er frei für den grenzenlosen Reichtum, der ihn erwartet.

Vor 90 Jahren wurde das Stück "Wie werde ich reich und glücklich?" geschrieben.
Vor 90 Jahren wurde das Stück "Wie werde ich reich und glücklich?" geschrieben. © Semperoper Dresden/Daniel Koch

Parallel dazu leidet die stinkreiche Tochter von Präsident Regen, dem Aufsichtsratsvorsitzenden eines Automobilkonzerns, an fehlendem Glück. Sowohl Vater als auch Fast-Verlobter F. D. Lorenz sind ständig damit beschäftigt, den Reichtum zu mehren und Geschäfte zu machen. Da kommt Pausback mit seinen Regeln zum Glücklichwerden genau richtig. Und Kibis, dessen Wunsch nach Reichtum sich mit einer schnell anberaumten Hochzeit leicht erfüllen lässt. So wird er reich und sie glücklich. Allerdings hält das Glücklichsein nicht an. Man einigt sich auf Scheidung. Kibis wird dank Abfindung kaum ärmer, aber seiner frischgeschiedenen Marie wird die Hoffnung auf Glück an der Seite von F. D. Lorenz wiedergegeben.

In einer großangelegten Motivationsshow, aus dem Fernsehen kennt man diese quasi religiösen Großevents, dürfen er und Kibis ihre heimlichen Wünsche offenbaren. In einer spektakulären Mutprobe – barfuß laufen über glühende Kohlen – tanken sie Energie für den entscheidenden Schritt. F. D. Lorenz hält endlich um Maries Hand an und macht sie glücklich. Kibis entdeckt unter den Assistentinnen des Motivationstrainers seine verlassene Frau Lis. Beider Glück steht nichts entgegen. Tusch, Fanfare, Finale! So wird man reich und glücklich.

Eine gehörige Portion (Selbst-) Ironie

Manfred Weiß inszenierte die Kabarett-Revue von 1930 ganz heutig. Okarina Peter hat charakterisierende, skurril übertriebene Kostüme erfunden. So tragen Präsident Regen und F. D. Lorenz helle Hose und blaues Jackett, die sie am Strand zum Spiel mit dem bunten Wasserball ablegen, um bunte Boxershorts zu weißem Hemd mit Schlips und Socken in Gummischlappen zu präsentieren. Lis trägt knielangen Rock mit Kuschel-Woll-Pullover, die Assistentinnen kurze Kleidchen.

Als Pausback ist Mathias Schlung verpflichtet, der in seiner geschäftigen Betriebsamkeit auch noch Vermieter, Schneider und Autoverkäufer spielt. Kibis wird von Aaron Pegram mit unverblümter Direktheit gegeben, die Lis an seiner Seite ist Elke Kottmair. Neben mitreißender Showeinlage gibt sie ihrer Figur eine nachfühlbare Tiefendimension mit. Überzeugend ist auch Menna Cazel als glückssüchtige späte Tochter, Martin-Jan Nijhof als F. D. Lorenz und Matthias Henneberg ergänzen sich als geschäftstüchtig-lebensfremde Unternehmer, verklemmter Bräutigam und verwitweter Vater.

Weiß‘ Regie und Figurenführung balanciert auf dem mehrschneidigen Grat, die Figuren ernst zu nehmen, dem Genre gerecht zu werden und die allzu leichten, seichten Lösungen mit einer gehörigen Portion (Selbst-) Ironie zu hinterfragen.

Mit etwas mehr Stimmung und guter Laune kann das ein sehr kurzweiliger, hintergründig-unterhaltsamer Abend sein, zumal durchweg auf hohem Niveau gespielt, gesungen und getanzt wird. Wenn die Inszenierung in Zukunft auf Semper Zwei zu erleben sein wird, kann man sich ein Bild davon machen.

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