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Die Kehrseite des Kreuzes

In der Sempergalerie blickt Raffaels Madonna derzeit auf ein riesiges Kruzifix. Eine Kabinettschau vereint Andachtsbilder.

Blick in den vorübergehend umgestalteten Ausstellungssaal mit Raffaels „Sixtinischer Madonna“.
Blick in den vorübergehend umgestalteten Ausstellungssaal mit Raffaels „Sixtinischer Madonna“. © SKD/Klemens Renner

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Raffael ist jede Aufmerksamkeit wert. Auch wenn sich sein Todestag in ein paar Tagen schon zum 501. Male jährt, gibt es in Europa noch immer Events, die zum runden Jubiläum konzipiert wurden – so auch in Dresden. „Raffael und die Madonna. Vom Frühwerk bis zur Meisterschaft“ kombiniert in der Gemäldegalerie eine Kabinettschau mit einer veränderten Präsentation seines Meisterwerks. Beides war seit Dezember online zu besichtigen. Seit Montag kann sich das Publikum vor Ort einen Eindruck verschaffen.

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Die Sonderausstellung im Semper-Kabinett muss ohne Originale von Raffael auskommen. Die Sixtina zu besitzen, ist allerdings ein Privileg, mit dem es sich aushalten lässt, dass kein weiterer Raffael im Bestand ist und Leihgaben kaum zu bekommen sind. Beinahe wäre aus Pasadena die „Madonna mit Kind und Buch“ angereist, ein kleines Bild, das Raffael im Alter von 20 Jahren gemalt hat. Doch die Leihe wurde situationsbedingt abgesagt. Stephan Koja, Galeriedirektor und Kurator der Schau, behalf sich mit Repliken zu Werken Raffaels. Vom Tondo „Madonna della Sedia“ etwa, einem Rundbild, dessen Original im Palazzo Pitti in Florenz hängt, besitzt Dresden bereits seit 1742 eine ziemlich gute Kopie.

Andachtsbilder, die Maria und Jesus allein oder im Kreis der Familie zeigen, waren einst sehr beliebt. Sie hingen in Privatgemächern und brachten den Malern einen hübschen Zuverdienst zu den Großaufträgen, den Altartafeln für die Kirchen.

Die hier versammelten Bilder von Sandro Botticelli, Filippino Lippi und Lorenzo di Credi stammen aus der Zeit vor 1500 und stehen für die Florentiner Schule, die Raffael näher kennenlernte, eher er bald darauf nach Rom wechselte. Andrea Mantegna hingegen, Schwager von Giovanni Bellini, repräsentiert stärker venezianische Traditionen. Das gilt auch für Lorenzo Lotto, der wenig älter als Raffael war, sich aber, im Schatten von Konkurrenten wie Tizian und Veronese, im Umland Venedigs durchschlug und Raffael wohl nie getroffen hat. Eine schöne Ergänzung des Bildprogramms stellt ein rundes Relief aus glasiertem Ton dar, eine Madonna mit Kind und sechs Engeln, gerahmt von allerlei Früchten. Diese Replik aus dem späten 19. Jahrhundert geht auf ein Original von Andrea della Robbia aus der Zeit zurück, als Raffael noch Kind war. Im Kontext mit schlüssigen Katalogbeiträgen zur Madonnendarstellung jener Zeit ist die Sonderschau eine interessante Bereicherung. Die Intimität des Raumes gibt einen reizvollen Rahmen, kleinformartige Werke jener Epoche zu vergleichen.

Überlebensgroßes Kruzifix und roter Teppich

Einen Reiz anderer Art setzt die veränderte Raumgestaltung im Ambiente der Sixtinischen Madonna. Das berühmte Altarbild kam 1754 aus Piacenza nach Dresden, nachdem August III. 25.000 scudi romani bewilligt hatte. Entstanden war das Gemälde im Auftrag des überaus kriegerischen Papstes Julius II. für die Abteikirche San Sisto, die 1514 neu geweiht werden sollte. Nach mehreren Feldzügen und wechselndem Schlachtenglück wurde Piacenza 1512 dem Kirchenstaat einverleibt, sodass sich das Geschenk für die Benediktiner als Geste versteht. Julius II. starb vor der Weihe, wurde aber von Raffael in der Gestalt des heiligen Sixtus im Bild verewigt.

Es ist unwahrscheinlich, dass Raffael die Kirche je besucht hat, doch das Raumkonzept war ihm gewiss bekannt. Die temporäre Inszenierung in der Dresdner Galerie soll nämlich an die ursprüngliche Situation im Altarraum in Piacenza anknüpfen. Die beiden Gemälde, die sonst die Sixtina flankieren, wurden entfernt, darunter das Bild von Raffaels Freund Giulio Romano, auf dem Maria dem Jesuskind beim Füßewaschen hilft. Jetzt wird Raffaels Werk von zwei ausladenden Texttafeln gerahmt, die ungefähr dort hängen, wo sich in Piacenza die Chorfenster befinden, zwischen denen seit dem Verkauf des Originals eine vom Barockmaler Pier Antonio Avanzini gefertigte Kopie der Sixtina gezeigt wird.

Gegenüber ragt hier nun, unweit des Durchgangs zum Nachbarsaal, ein überlebensgroßes Kruzifix auf. Ein roter Teppich fixiert den Zusammenhang: „Durch eine Neuinszenierung im musealen Raum wird der ursprüngliche Anbringungskontext thematisiert“, heißt es dazu. „Dem Altargemälde wird eine angedeutete Chorschranke mit einem Kruzifix gegenübergestellt. Die erschrockenen Blicke des Jesuskindes und seiner Mutter richten sich nun, wie einst in der Klosterkirche San Sisto in Piacenza, auf die Rückseite des Kreuzes.“

Funktioniert Kirche im Museum?

Bevor jene Abteikirche nach 1570 umgebaut wurde, war der Altarraum ein abgetrennter Bereich, der den Mönchen vorbehalten blieb. Der Lettner, wie man diese Trennwände nennt, wurde vermutlich von einem Kruzifix bekrönt. Somit starrte Raffaels Jesus damals womöglich tatsächlich auf die Kehrseite des Kreuzes, das sein Schicksal vorzeichnete. Seit rund 450 Jahren ist der Chor in Piacenza freilich offen, man gelangt heute über sieben Stufen zur Kopie der Sixtina. Zwischen vier Leuchtern steht dort ein kleineres Kruzifix.

Kirche im Museum? Kann das funktionieren? Der Ansatz fußt auf einem Text des Philosophen Martin Heidegger, der 1955 schrieb, die Madonna verlange „ihrem Bildwesen nach“ den alten Platz in Piacenza. So aber entzögen die Kunstgeschichte und der Museumsbetrieb diese sakralen Bilder „ihrem Wesensraum“. Ferner wird Joseph Ratzinger zitiert, der als Papst zurückgetreten ist. Benedikt XVI. beschwor in einem Traktat von 2011 in anderem Zusammenhang „Jesu Urerfahrung der Angst, das Erschrecken vor dem Abgrund des Nichts“ – das, was man auch hier erahnt.

Nun steht nicht zur Debatte, das Bild „heimzuschicken“, also zurückzugeben. Wir erleben nur ein metaphorisches Spiel mit Wirkungen, und im Kubus des modernen, hell erleuchteten Museumssaals bleibt diese Erkundung kaum mehr als eine Andeutung. Der feierliche Raum des über sechzig Meter langen Kirchenschiffs von San Sisto lässt sich hier nicht reproduzieren. Es fehlen die Stufen, die Empore, die Fenster, Licht und Schatten. Die Aura jenes alten Gebäudes ist nicht übertragbar. Was bleibt dann? Die Wandbeschriftung wirkt deplatziert, der Teppich nicht minder. Das Kruzifix schließlich, mit der im 19. Jahrhundert angefertigten Gipsnachbildung von Donatellos bronzener Jesusfigur, ragt nicht über einer Trennwand auf, sondern steht auf einem ebenerdigen Schrein, der als Sockel fungiert. Statt die Szene zu dramatisieren, erzeugt das Kruzifix Irritation und verstellt den Blick.

Ein Werk bezüglich seiner ursprünglichen Funktion zu hinterfragen, ist legitim. Aber erreicht man das wirklich, indem man ein Kreuz mit einer Jesus-Gips-Replik in den Raum stellt, einen roten Teppich ausrollt und die Wände aphoristisch beschriftet? Und hat Raffael, bewusst oder unbewusst, nicht vielleicht doch etwas viel Bedeutenderes geschaffen als das, was jenem Papst vorgeschwebt haben mag, den man auch „Julius den Schrecklichen“ nannte, etwas wesentlich Größeres und Allgemeingültigeres als das, was die Institution „Kirche“ mit all ihren Grenzen und Verfehlungen ausmacht?

Die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister im Semperbau ist derzeit Di – So 10 – 17 Uhr geöffnet. Resttickets (vorerst bis 21. März) sind vorhanden, müssen aber vorab gebucht werden. Sonderschau „Raffael und die Madonna“ bis 16. Mai.

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