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Die Kunst des Kletterns im Theater

Das Klettern liegt im Trend. Was aber fasziniert daran? Ein Jugendstück bringt die Fragen danach auf die Dresdner Bühne.

"Es ist leichter hochzusteigen als runter", sagt der draufgängerische Paul (Florian Thongsap Welsch) zu seiner mutigen Freundin Steve (Marie Thérèse Albrecht).
"Es ist leichter hochzusteigen als runter", sagt der draufgängerische Paul (Florian Thongsap Welsch) zu seiner mutigen Freundin Steve (Marie Thérèse Albrecht). © Theater junge Generation/Marco Prill

Die Hand greift nach der kalten Felswand. Sie hält sich fest, Finger krallen sich in eine Spalte aus festem Stein, der Gedanke an den nächsten Tritt. Wohin mit dem Arm, der an Kraft verliert? Erst mal weiter. Den Blick lieber nach oben gerichtet als nach unten. Kein Gedanke der Ablenkung, pure Konzentration auf den Körper, ein ruhiger Atem trotz angespannter Muskeln. Was aber passiert, wenn der Mut die Fingerspitzen verlässt? Sich stattdessen eine zitternde Angst breitmacht?

Im Dresdner "Theater junge Generation" hat am Samstag ein Stück Premiere gefeiert, dass die Gefühlswelt des Kletter-Sports in den Fokus der Kunst rückt. Es trägt den Namen „Diamond Sky“ – benannt nach einer fiktiven Kletterroute. Das britische Drama von Nick Wood begleitet drei Jugendliche, die mitten in der Pubertät stecken: Paul und seine draufgängerische Freundin Steve suchen jede Nacht das Extreme, sie klettern ungeschützt auf alle Gebäude der Stadt. Es geht viel weniger um die Aussicht als um das Abenteuer an sich.

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Klettern - Ein freiheitsliebender Nervenkitzel?

Schulkamerad Martin beobachtet sie mit gehörigem Abstand. Was fasziniert an dem Sport, der doch so schnell Panik auslösen kann? Das Freiheitsgefühl? Der Adrenalinkick? Die Lebensgefahr? Fürchten sich die beiden nicht? „Man fragt: Hat es dich gepackt? Und nicht: Hast du Angst gehabt?“, erwidert Paul nur locker darauf.

Theaterstück: Diamond Sky. Schauspieler Martin (Ilya Wolfsohn) beobachtet lieber die Sterne, als selbst in die Höhe zu klettern.
Theaterstück: Diamond Sky. Schauspieler Martin (Ilya Wolfsohn) beobachtet lieber die Sterne, als selbst in die Höhe zu klettern. © Theater junge Generation/Marco Prill

Die Schauspieler selbst stellen sich dem herausfordernden Sport, eine Stunde lang berühren sie nicht den Boden. Sie schweben in ihrer eigenen Welt, wie es für Jugendliche in dem Alter typisch sein mag. Geklettert wird nicht vertikal, sondern horizontal. Steve, Paul und Martin balancieren auf Turnringen, verwickeln ihre Körper in Seile und verweilen auf tellerrunden Schaukeln, begleitet von sphärischer Elektromusik. Das Bühnenbild ist auf das Minimale beschränkt. Keine Materialschlacht. Schwarzer Boden und weiße Turngeräte . Die einzigen Farben tragen die Schauspieler selbst, knallbunt bis zu den Haaren, verdeutlichen sie doch ihren Übermut: die Suche oder Sucht nach dem Extremen. Die Szenen wechseln schnell zwischen meditativem Klettertanz und ehrlichen Dialogen, die gern noch tiefer hätten sein können, um in die Gefühlswelt der Protagonisten einzudringen. Und um die Konflikte zueinander besser zu verstehen.

Den Mut auch im Leben verlieren

Sie reden über das Verliebtsein in die Kindergartenfreundin, über Eifersucht auf den neuen Freund der Mutter. Aber auch über den Verlust des Vaters, der bei einem Kletterunfall gestorben ist. Der sonst so coole Paul kann nicht loslassen. Ist sein Vater gesprungen oder einfach abgerutscht? Hat er den Mut verloren im Sport und im Leben? Diese Frage leitet durch das gesamte Stück und wird erst beantwortet, als Paul selbst die gefährliche Kletterroute seines Vaters bezwingen will. Aber nicht allein – denn auch das gehört zu dem Sport dazu: Es braucht Vertrauen in den Kletterpartner. Das Ziel bleibt ein gemeinsamer Kraftakt.

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Das Theater wagt den Versuch, das Klettern nicht mittels Felsen, sondern durch das Spiel der Darsteller abzubilden. Ob Angst, Mut oder sogar Übermut – der Zuschauer wird mitgenommen und kann die waghalsige Panik so manches Mal in den eigenen Gliedern spüren.

Das Theaterstück (Regie Petra Schönwald) "Diamond Sky" ist an folgenden Tagen im Theater junge Generation zu sehen:

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