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Warum Thielemann die Semperoper verlassen muss

Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch spricht im Interview über das Votum gegen den Maestro und für die designierte Intendantin Nora Schmid.

Maestro Christian Thielemann wird voraussichtlich nur bis 2024 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle sein.
Maestro Christian Thielemann wird voraussichtlich nur bis 2024 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle sein. © Matthias Creutziger

Mit ihren Entscheidungen zur neuen Leitung der Semperoper hat Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) für Aufsehen gesorgt. Diese Woche stellte sie die viel gelobte Nora Schmid als designierte Intendantin vor. Jüngst kündigte sie an, den Vertrag vom Chefdirigenten der Staatskapelle, Christian Thielemann, 2024 auslaufen zu lassen – was der nicht kampflos hinnehmen will. Ein Gespräch mit der Politikerin über ihre Beweggründe und Hoffnungen sowie mediale Breitseiten.

Frau Klepsch, wie ist Ihnen der Coup mit Nora Schmid als designierter Semperoper-Intendantin gelungen?

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Sächsische Staatskapelle erklingt wieder

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In der Tat bin ich glücklich über diese Entscheidung. Auch ihre Präsentation diese Woche in Dresden offenbarte deutlich ihre fachliche Exzellenz, die mit einer großen menschlichen Komponente einhergeht. Dieses Strahlen in ihren Augen, als sie jetzt wieder das Haus betrat, und die Freude bei den Mitarbeitern, die sie von früher kennen, das war schon etwas Besonderes. Ursprünglich hatten wir geplant, bis zum Beginn der neuen Spielzeit zu besetzen. Wir haben vor einem Jahr begonnen, die Zukunft der Semperoper zu besprechen und den Markt zu beobachten. Dann sind wir gezielt auf Leute zugegangen, und die Findungskommission hat die Vorstellungsgespräche mit zwei Kandidaten geführt. Bei Nora Schmid waren wir uns ganz schnell alle einig. Und da solche Persönlichkeiten von vielen umworben werden, haben wir schnell gehandelt, schneller, als es oft in der ministerialen Verwaltung gelingt.

Mehr Frauen in Führungspositionen ist der Trend. Hatte ein Mann als neuer Semperoper-Chef eine Chance?

Wir wollten den oder die Beste, jemanden mit Kompetenz und einer Ausstrahlung, die unserer Semperoper guttut. Nora Schmid gehört mit 42 Jahren einer jüngeren Generation an, die man sonst selten in den großen Musiktheatern findet. Ich bin überzeugt, dass wir mit ihr die Semperoper noch ein gutes Stück moderner und zukunftsfähiger gestalten werden, ohne die großen Traditionen zu vernachlässigen. Bei diesem Prozess wird natürlich auch die Staatskapelle mit ihrem Vorschlag eines Chefdirigenten eine große Rolle spielen.

Die designierte Semperoper-Chefin Nora Schmid (l.) und Sachsesn Kulturministerin Barbara Klepsch diese Woche in der Oper.
Die designierte Semperoper-Chefin Nora Schmid (l.) und Sachsesn Kulturministerin Barbara Klepsch diese Woche in der Oper. © Arvid Müller

Wie kommt es, dass Sie die Staatskapelle mit der Nichtverlängerung des Chefdirigenten Christian Thielemann indirekt zur Chefsache machen?

Die Entscheidung, den Vertrag nach zwölf Jahren auslaufen zu lassen, fiel nicht, weil wir ihn nicht für zukunftsfähig halten, wie Kritiker meinen. Es war auch kein Votum gegen ihn als Dirigenten, der so Großartiges mit der Kapelle geschaffen hat.

Sondern?

Es geht um die Semperoper, die von der Intendanz und dem Chefdirigenten mit Wechselbeziehungen geprägt wird, die wir öffnen und in der wir neue Gedanken zulassen wollen. Bitte vergessen Sie nicht: Die Semperoper ist eines der bekanntesten und erfolgreichsten Opernhäuser, weil sie von prägenden Künstlern und Persönlichkeiten immer wieder ein Stück neu aufgestellt worden ist. Um freier agieren zu können, wollten wir beide Chefstellen neu besetzen. Intendant Peter Theiler hat noch drei Jahre Zeit, sein Programm umzusetzen und zu gestalten. Christian Thielemann ist seit Jahrzehnten an der Weltspitze, und er ist noch drei Jahre an die Semperoper gebunden. Wir wünschen uns, dass er auch danach in Dresden zu erleben ist. Ich habe einen Zeitraum von zehn Jahren vor Augen und bin überzeugt: Es braucht es eine neue Perspektive, damit sich das Haus gut weiterentwickelt. Wir haben so frühzeitig gehandelt, damit genügend Zeit für Entscheidungen und die Vorbereitungen der neuen Leitung bleibt.

Thielemann ist menschlich hochkompliziert, aber künstlerisch im deutschen Fach Weltspitze. Lässt man so einen Mann gehen?

Ministerpräsident Michael Kretschmer und ich hatten mit Herrn Thielemann ein sehr intensives Gespräch, um ihm deutlich zu machen, dass wir seine besondere Qualität als Gastdirigent weiter im Haus haben wollen. In welcher Form das passiert, ob bei Konzerten, Opern, Strauss-Tagen oder Gastspielen, ist eine Angelegenheit der Intendanz und der Staatskapelle.

Peter Theiler wurde um ein Jahr bis 2024 verlängert.
Peter Theiler wurde um ein Jahr bis 2024 verlängert. © Ronald Bonß

Die Kapelle reagierte „überrascht“. Irre ich mich oder hatte sie nach der ersten Vertragsverlängerung von Thielemann 2017 eine weitere strikt abgelehnt?

Wir sollten nicht zurück, sondern nach vorn schauen. Die Haltung des damaligen Orchestervorstandes hat jetzt keine Rolle gespielt. Es gibt eine längere Vorgeschichte und einige Aspekte, sodass diese Entscheidung keine war, die ich aus einer Laune heraus getroffen habe. Ungeachtet dessen: Wir wollen die Gespräche mit Herrn Thielemann fortsetzen, und ich setze auf Nora Schmid und ihre Überzeugungskraft, ihn als Gastdirigenten mitzunehmen.

War die Kapelle involviert?

Wir haben zuerst mit Maestro Thielemann gesprochen und dann den Orchestervorstand informiert. Ja, wir haben die Kapelle in der Tat vor vollendete Tatsachen gestellt.

Hatten die medialen Breitseiten von Herrn Thielemann gegen die Semperoper und damit indirekt gegen den Freistaat Einfluss auf Ihre Entscheidung?

Zu diesen Anwürfen habe ich mich geäußert. Auch der Verwaltungsrat hat sich intensiv mit den Vorgängen befasst und und ein ganz klares Votum für diese Veränderungen gegeben. Es ging vielmehr um den Blick in die Zukunft.

Sie sind jetzt für einige im Feuilleton und Fans ein „Thielemann-Feind“.

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Ich bin kein „Thielemann-Feind“. Deshalb lassen mich kritische Briefe natürlich nicht kalt. Trotz allem Unverständnis werden wir versuchen, Herrn Thielemann für weitere Projekte in Dresden zu halten. Und die Kapelle hat das Vorschlagsrecht für einen neuen Chefdirigenten. Wenn dies abgeschlossen ist, erfolgen dann die Vertragsverhandlungen mit meinem Ressort.

Das Gespräch führte Bernd Klempnow

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