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Dieser üble Stasi-Film!

In der göttlichen Komödie „Nebenan“ von Daniel Brühl und Daniel Kehlmann nimmt sich der „Good Bye, Lenin“-Star selbst auf die Schippe.

Erst ist Bruno (Peter Kurth, l.) voll des Lobes über die Filme von Daniel (Daniel Brühl). Doch als er auf „den Stasifilm von 2002“ zu sprechen kommt, ändert sich das.
Erst ist Bruno (Peter Kurth, l.) voll des Lobes über die Filme von Daniel (Daniel Brühl). Doch als er auf „den Stasifilm von 2002“ zu sprechen kommt, ändert sich das. © Warner Bros

Von Andreas Körner

Bevor Daniel später am Tag über den Kanal nach London zu fliegen beabsichtigt, nimmt er sich einen „Zur Brust“. Einen Kaffee, der noch immer nicht besser geworden ist, dort in dieser urigen Eckkneipe im Berliner Prenzlauer Berg, im Viertel, wo Daniel als Zugezogener wohnt. Die Wirtin hat andere Spezialitäten, Sülze zum Beispiel. Mit Fettrand. Doch die kennt Daniel noch nicht. Bruno, der an der Theke hockt wie ein alter Kater, kennt er auch nicht. Und Micha, der zweite Vormittagsbesucher, hat wahrscheinlich hier übernachtet. Nur der frühe Vogel kontert die besoffenen Würmer von gestern aus.

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Wie sich alsbald herausstellen wird, kennt und duzt man sich im Kiez auf eigene Weise. Der angesagte Schauspieler Daniel (Daniel Brühl) hält sich das Kneipchen „Zur Brust“ als Trophäe für seine Bodenhaftung, die Wirtin (Rike Eckermann) bleibt für ihn nur „die Wirtin“, weil sich Daniel bis zu ihrem Vornamen noch nicht durchinteressiert hat. Dafür darf sie ungestraft und mit heftig frotzelndem Unterton Tom Cruise zu ihm sagen, weil er so „urst gut Englisch spricht“. Bruno (Peter Kurth) aber ist Daniel bislang entgangen, durchgerutscht sozusagen. Kein Wunder, hat dessen noble Eigentumsmaisonette im Hinterhof doch einen eigenen Aufzug. Sind Pakete im Haus abzuholen, erledigt dies Daniels Assistent. Er weiß, wer Bruno ist: Ein Nachbar aus dem unsanierten Teil.

Lieber Beethoven als ein Superheld

Jetzt, wo es schon mal so schön klappt, will Bruno ein Autogramm. Routiniert wird dem Wunsche entsprochen. Dass der Schriftzug auf einer dafür benutzten Serviette zunächst etwas vom Schaum des Bieres und dann sogar Blut sieht, sollte an dieser Stelle eigentlich schon in die Sektion des Ungeschriebenen überstellt werden, doch es sei nicht verraten, warum dieses Blut fließt. Was schneller klar wird in „Nebenan“, dieser wirklich feinen, ja göttlichen Komödie der Neuzeit, ist die Vermutung, dass Daniels Nachmittagsmaschine in die englische Hauptstadt, wo er für die Rolle in einem US-Superheldenfilm vorsprechen soll, wohl ohne ihn abhebt. Eine solche Rolle ist’s, die ihm nächste Türen öffnen könnte, besonders für die Pflege von Eitelkeiten. Beethoven muss warten. Ja, den soll Daniel auch bald spielen. Dann, daheim in Deutschland.

Ehefrau Clara (Aenne Schwarz) hat er an diesem Morgen ausschlafen lassen, um die zwei kleinen Söhne kümmert sich Conchita, das Kindermädchen. Den bereitstehenden Fahrer schickt Daniel kurzerhand weg, was ist schon die sterile VIP-Lobby des Flughafens im Vergleich „Zur Brust“, wo sich eine paar mittellaute Telefonate führen lassen und man um diese Zeit sogar Dialoge üben kann. Das mit Bruno war nicht zu ahnen.

Der "doppelte Daniel" als geschmeidiges Kammerspiel

Es ist eine Art Doppelter Daniel, der „Nebenan“ als Idee entstehen, schleifen und reifen, dann finanzieren und umsetzen ließ: Daniel Brühl – mit jetzt 43 Jahren noch immer als fleißiger Darsteller und weniger als öffentlicher Talkshowgast beliebt – und der nicht minder fleißige und beliebte Schriftsteller Daniel Kehlmann. Beide übrigens sind in Berlin gleichsam Zugezogene. Brühl als Regiedebütant und Hauptdarsteller, Kehlmann als Drehbuchautor und, was auf der Hand liegt, Verwerter von zig Eingebungen, Erfahrungen, Anekdoten, wahren und erfundenen Erlebnissen des Gegenübers. Zu entschlüsseln, was wohin gehören könnte, bleibt dem Betrachter überlassen.

Am Ende ist „Nebenan“ ein geschmeidiges Kammerspielchen, so amüsant wie doppelbödig, so launig wie kunstvoll. Im zu Unrecht verblassten „Ich und Kaminski“ hatte es mit Brühl und Kehlmann schon wunderbar funktioniert, damals nur ohne Brühlsche Regie. Jetzt ist auch er hinter den Kameras dabei – wie Maria Schrader, Karoline Herfurth, Justus von Dohnányi oder Moritz Bleibtreu.

Mit dem seltsamen Bruno kommt die Angst

Doch zurück „Zur Brust“. Anfangs fühlt sich Daniel von Bruno noch routiniert gebauchmiezelt und ist wenig überrascht davon, dass Bruno alle Streifen mit ihm kennt, nur zart verunsichert, als dieser „den Stasifilm von 2002“ etwas härter anpackt. Dann aber träufelt Bruno Gift in seinen Ton. Dass er Daniels Beruf auf „Text auswendig lernen und aufsagen“ reduziert, geht noch durch. Als es persönlicher wird, sich vor Daniels Augen ein eigener Film abzuspulen beginnt, der mit Komödie nichts, dafür mit Drama und Psychothriller sehr viel zu tun hat, bekommt der bis dahin souveräne Plustergockel erst etwas Farbe im Gesicht, später pure Angst.

Denn Brunos Sätze sitzen wie Florettstiche. Wer wohnte früher in Daniels Wohnung, als es noch keine gläserne Maisonette war? Ist Bruno nun Blockwart, Altlast, Stalker, Opfer? Ist er desillusioniert, voller Hass und Neid, einfach nur traurig, neugierig oder auf Rache aus?Spannend ist „Nebenan“ also auch noch. Und das nächste Hohelied auf diesen einfach nur grandiosen „Bruno“ Peter Kurth wäre sowieso anzustimmen.

  • Der Film läuft in Dresden im Programmkino Ost und in der Schauburg (dort erst ab 19. Juli).

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