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Von der DDR in den Kongo

Premiere kurz vor dem Lockdown: Leipzigs Dokumentar- und Animationsfestival fand zum ersten Mal online und ohne Gäste aus Übersee statt.

Seit 20 Jahren warten die Kriegsversehrten aus Kinshasa auf Entschädigung. Leipzigs Siegerfilm gibt ihnen Stimmen.
Seit 20 Jahren warten die Kriegsversehrten aus Kinshasa auf Entschädigung. Leipzigs Siegerfilm gibt ihnen Stimmen. © DOK Leipzig

Von Claudia Euen

Lange Schlangen vor den Ticketkassen, ausverkaufte Säle schon Tage vor Festivalbeginn und hektisches Rumfragen im Bekanntenkreis: „Hast du noch ein Ticket für morgen Abend?“ Solche Erfahrungen hat mit Sicherheit jeder Dok-Leipzig-Besucher in den vergangenen Jahren gemacht. Das Festival zählt überregional zu den renommiertesten Dokumentarfilmfestivals und ist auch beim sächsischen Publikum sehr beliebt. 

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48.000 Besucherinnen und Besucher hatten sich 2019 in die Leipziger Kinos und aneinander gedrängelt, um danach darüber zu reden, zu streiten, zu reflektieren. In diesem Jahr lief für den Großteil der Besucher alles anders ab: Ein Klick mit der linken Maustaste auf den Ticketbutton – dann öffnet sich ein neues Fenster, in dem der Film startet. Dabei ist es egal, wo man sitzt: vorm Fernseher im heimatlichen Wohnzimmer oder mit dem Tablet an der Bushaltestelle.

Schildkrötensuppe im Hotel Astoria

Mit gemeinschaftlichen Kinoerlebnissen hat die digitale Variante des Festivals in diesem Jahr nur wenig zu tun. Corona hat vieles verändert – die Filmbranche aber gehört wohl zu den am stärksten betroffenen Sphären gesellschaftlichen Miteinanders. „Das Kino ist eigentlich ein Ort gegen Einsamkeit“, sagt der Filmemacher Andreas Voigt, in Leipzig zu Gast mit „Grenzland“. Und gerade im Dokumentarfilm, wo die Einstellungen länger und die Erzählweise oft langsamer ist, schützt die Intimität des dunklen Saals vor Ablenkung und Zerstreuung. Im Zeitalter digitaler Überbeschallung fällt es so leichter, sich reinfallen zu lassen in die anderen Leben auf der Leinwand.

Zur „Grenzland“-Premiere kamen immerhin trotzdem rund 60 Gäste ins Kino, viele andere sahen den Film über das Gebiet jenseits des Oderflusses, jenes kulturelle und mit Vergangenheit beladene Stück Erde, zu Hause am Bildschirm. Monatelang war Voigt dafür durch die Grenzregion gereist. Getroffen hat er die ausgewanderte Familie aus Australien, die nun mit Cowboyhüten durch die polnische Prärie reitet, oder die junge Abiturientin, die dieses Land liebt und trotzdem fortgeht. Aber auch den jungen Syrer, der fliehen musste, nun an der neuen Existenz in Deutschland bastelt und sich glaubhaft über die gewonnene Freiheit freut, trotz Nazischmierereien am Auto. Dabei sind im Grunde – das zeigt Voigts Film deutlich – hier alle irgendwie Zugereiste und Umgesiedelte. Das Schöne an diesen kurzen aber intensiven Einblicken in die Grenzland-Biografien ist das Optimistische. Denn auch wenn sich Europa, wie er sagt, mehrheitlich gen Westen orientiere, entdeckt der Filmemacher mit elegischen Bildern hier einen Identitätsraum, der komplex ist, tiefgründig und liebeswürdig – eben kein abgehängter Landstrich, wie sonst so oft behauptet.

Mit seinem Film knüpft Voigt thematisch an seine Arbeit „Grenzland – Eine Reise“ von 1992 an und lässt gleichzeitig ein Stück Vergangenheit wieder aufleben. Wie Alina Cyranek und Falk Schuster in ihrer animierten Doku „Hotel Astoria“. Selbst wer den altehrwürdigen Bau in Leipzigs Innenstadt nie betreten hat, wird nach diesem Film den einstigen Glanz und Glamour spüren. Als eine Art Brennglas für die DDR, erzählen die Filmemacher von Luxus und ausschweifendem Leben, von Anstand und Moral – so zwiespältig und doppelbödig, wie es auch im Rest des kleinen Landes gehandhabt wurde.

In den mit Kronleuchtern und edlen Stoffen ausgestatteten Hotel verkehrten die Hochrangigen der sozialistischen Parteiführung sowie die Feinde aus dem kapitalistischen Ausland. Es gab exotische Früchte, Schildkrötensuppe und Gin Tonic, Devisen statt DDR-Mark. „Im Astoria wehte der Wind der weiten Welt“, sagt Alina Cyranek, die sich schon lange für diese Mischung aus Regelbruch und DDR-Ideologie interessierte. Fünf Jahre recherchierte sie, las 3.000 Seiten Stasi-Akten, sprach mit Zeitzeugen und überzeugte Sponsoren und Förderer, um ein Stück untergegangene DDR-Kultur wieder aufleben zu lassen. Das tun die Filmemacher nun mit Feingefühl und Augenzwinkern. Auf der Ton-Ebene ist der Film eine Sammlung von anonymen Erinnerungen und Anekdoten. Dieses „kollektive Gedächtnis“, wie Cyranek es nennt, reichern die Filmemacher mit Original-Filmaufnahmen, Fotos, animierten Szenen und Collagen an. Alles wird bunt durcheinander gewürfelt. Das ist unterhaltsam und vor allem befreiend unnostalgisch.

Insgesamt verlief das Festival in ruhigeren Bahnen. Keine politischen Aufreger, keine Empörung evozierende Provokation. Dafür große und kleine Geschichten aus aller Welt. Für die langjährige Dok-Besucherin Johanna Bender ist gerade das reizvoll. „Jedes Leben hat mit der Veränderung der Welt zu tun“, sagt die Leipzigerin, die in diesem Jahr Mitglied der neuen Publikumsjury für den Wettbewerb „Goldner Schnitt“ war. Statt Branchenvertreter mussten sich hier reine Enthusiasten auf den besten Film einigen. Am Ende traf es „A New Shift.“ Der tschechische Regisseur Jindřich Andrš erzählt darin die Geschichte eines Bergmanns, der nach der Schließung der Mine zum Programmierer umschult und so in seinem Leben eine unerwartete Wendung zulässt.

Alle Filme sind online verfügbar

Die Goldene Taube International ging an „Downstream to Kinshasa“ von Dieudo Hamadi. Der Filmemacher gibt in seinem beeindruckenden filmischen Werk den Kriegsversehrten aus dem Kongo eine Stimme, die seit dem 6-Tage-Krieg im Jahr 2000 auf ihre Entschädigung warten.

Das Gute in diesem Jahr aber ist dann doch trotz ausgefallener Filmgespräche und Kinobesuche das Digitale: Alle Filme werden noch einige Tage online verfügbar sein. Und da ab dieser Woche die Kinos schon wieder ihre Pforten schließen müssen, ist es mit ein bisschen Beharrlichkeit möglich, sich doch noch reinfallen zu lassen in andere Leben und andere Welten.

Weitere Infos zu den Preisträgern und Zugänge zu den Filmen: www.dok-leipzig.de

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