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Donna Leon feiert Jubiläum mit Brunetti

Coronabedingt auch ohne Touristen blüht zum Glück das Verbrechen in Venedig.

Die gebürtige Amerikanerin Donna Leon ist inzwischen Schweizer Staatsbürgerin. Doch Venedig bleibt sie in ihren Krimis treu. Bei Lesereisen gastiert sie gern in Dresden.
Die gebürtige Amerikanerin Donna Leon ist inzwischen Schweizer Staatsbürgerin. Doch Venedig bleibt sie in ihren Krimis treu. Bei Lesereisen gastiert sie gern in Dresden. © kairospress

Die Stimme am Telefon klingt verführerisch, das Lachen unwiderstehlich – beinahe hätte Brunetti mit der fremden Polizistin geflirtet. Gerade noch rechtzeitig fällt ihm die neue Verordnung aus dem Ministerium ein, die vor sexueller Belästigung warnt.

Wie immer schreibt Donna Leon dicht an der Gegenwart lang. In Venedig herrscht gespenstische Leere. Die Touristen bleiben wegen Corona weg. Doch das Verbrechen macht keine Pause. Und so liegen eines Nachts zwei schwer verletzte junge Mädchen am Steg hinterm Krankenhaus. Die beiden Burschen sind bald gefunden, die sie heimlich dort abluden. Fall gelöst? Irrtum. Da gibt es das Boot, das die beiden fuhren, und es gibt den Eigentümer des Bootes. Ein Kaufmann, dessen bescheidenes Einkommen im verdächtigen Gegensatz zu seinen Ausgaben steht. Einer der Burschen ist mit ihm verwandt, wird von ihm versorgt und zugleich benutzt für üble Geschäfte.

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Gerade weil sich die gebürtige Amerikanerin Donna Leon nie nur für die Tätersuche interessiert, landet jeder neue Krimi von ihr zuverlässig an der Spitze der Bestenlisten. Da geht es um Waffenhandel, Umweltverschmutzung, Immobilienspekulation oder Korruption, um die Raffgier der Reichen und die Perspektivlosigkeit der anderen. In der Heimat von Dante, Michelangelo, Leonardo und Galilei konkurrieren fast zweitausend Bewerber um drei Stellen bei der Müllabfuhr. Die meisten mit Uniabschluss.

Commissario Brunetti (Uwe Kockisch) und Tochter Chiara (Laura-Charlotte Syniawa).
Commissario Brunetti (Uwe Kockisch) und Tochter Chiara (Laura-Charlotte Syniawa). © ARD

Das regt Guido Brunetti immer noch auf. Auch wenn er von Mal zu Mal desillusionierter und melancholischer auftritt, bleibt er die Lichtgestalt unter den literarischen Kommissaren. Er wirkt so liebevoll, kreuzbrav und umgänglich, als könnte er keiner Maus was zuleide tun. Vermutlich kann er das wirklich nicht. Als Ehemann, Vater und Schwiegersohn funktioniert er ebenso tadellos wie als Ermittler. Er liebt alte Griechen, kühlen Weißwein und maßgeschneiderte Schuhe und hat auch nichts gegen den Austausch von kleinen Gefälligkeiten. Nur seinen Vorgesetzten Patta trickst er gern aus. „Wenn du Patta für jede seiner Beleidigungen eine Kugel verpassen würdest, sähe er aus wie ein Schweizer Käse“, so Gattin Paola, das Küchenwunder. Mehr solche Sprüche versammelt das Buch „Mit Brunetti durchs Leben“.

Den Anlass gibt ein Jubiläum: Band dreißig ist gerade erschienen. Wieder versammelt sich das bekannte Personal, das manchem Leser mindestens so vertraut vorkommt wie die eigene Familie. Das Jubiläum ist für die Autorin kein Grund, ein Feuerwerk anzuzünden. Die Geschichte läuft dahin wie manche „Tatort“-Folge mit Türenschließen, Treppensteigen und bedeutungslosen Gängen durch Stadt und Wohnung. Es dauert halt, bis ein Polizeiboot anlegt, bis die Passagiere einsteigen, bis das Boot wieder startet. Glücklicherweise bringen zwei gewitzte Frauen Schwung in die Sache: die Sekretärin Elettra und die Kommissarin Claudia. Sie sahen sich bisher als Konkurrentinnen. Brunetti registriert ihre Aussöhnung ebenso überrascht wie die Zusammenarbeit zwischen drei verschiedenen Dienststellen. Gemeinsam kommen sie dem windigen Kaufmann auf die Spur. Er schmuggelt billige Arbeitskräfte ins Land. „Sie waren einmal Menschen, jetzt sind sie Handelsware.“

Das Finale inszeniert die 77-jährige Autorin dann mit Tempo und Temperament.

  • Donna Leon: Flüchtiges Begehren. Diogenes. 314 Seiten, 24 Euro
  • Gabriella Gamberini Zimmermann: Mit Brunetti durchs Leben. Diogenes. 397 Seiten, 24 Euro

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