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Dresden hat mit Thielemann noch was vor

Christian Thielemann verlässt Dresden. Was bleibt vom Wirken des Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle, wenn er seinen Posten räumen muss?

Christian Thielemann schweigt derzeit zur von der Kulturministerin verordneten Neuorientierung der Semperoper.
Christian Thielemann schweigt derzeit zur von der Kulturministerin verordneten Neuorientierung der Semperoper. © Robert Michael/dpa

Die Gourmets unter den Opernfreunden sind derzeit im Glück und betrübt zugleich. Und das hat mit Dresden zu tun. Denn hier wurde gerade die neue Produktion der Semperoper, Richard Strauss’ fein komponiertes Werk „Capriccio“, aufgezeichnet. Ab diesem Sonnabend steht der Stream europaweit auf Arte Concert zur Verfügung. Eine DVD ist in Arbeit. Das japanische Fernsehen will die mit exzellenten Strauss-Interpreten besetzte Inszenierung ausstrahlen. Vor allem zieht dabei ein Name: Christian Thielemann. Kein anderer Dirigent ist so mit Richard Strauss vertraut wie der 62-Jährige. Er macht das heikle „Capriccio“ zur Sternstunde.

Musiker von Ministerin-Beschluss überrascht

Der Name Thielemann ist es auch, der bei den Musikfans für Unruhe sorgt. Denn Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) wirft ihn als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle quasi raus. Sie kündigte jüngst an, seinen Vertrag, der Mitte 2024 endet, nicht mehr zu verlängern. Die Semperoper soll sich erneuern, so die Politikerin. Die Oper der Zukunft wird „neue Wege zwischen tradierten Opern- und Konzertaufführungen und zeitgemäßer Interpretation von Musiktheater und konzertanter Kunst gehen müssen“. Man wolle neue Zielgruppen und eine stärkere „Nutzung digitaler Angebote“. Das traut die Ministerin dem derzeitigen Intendanten Peter Theiler und dem seit 2012 als Chef erfolgreich arbeitenden Dirigenten nicht zu. Gleichwohl sprach sie sich dafür aus, dass der Maestro dem Haus verbunden bliebe.

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Wer schon immer mit Thielemann nicht konnte, pflegt derzeit Schadenfreude. Viele Zuschauer und Insider hingegen schütteln den Kopf und protestieren. Ungewöhnlich viele Leserbriefe und -mails an die Sächsische Zeitung belegen dies.

So war es im Oktober 2020: Blumen vom Hochschulrektor Axel Köhler für den neuen Honorarprofessor Christian Thielemann.
So war es im Oktober 2020: Blumen vom Hochschulrektor Axel Köhler für den neuen Honorarprofessor Christian Thielemann. © Jürgen Lösel

Der Betroffene selbst äußerte sich bislang trotz Anfragen nicht. Am Mittwoch tat das immerhin der Orchestervorstand nach einer Orchesterversammlung: Die Entscheidung der Staatsministerin „traf uns als Orchestermitglieder unerwartet. Die Neubesetzung dieser wichtigen Position wird alle Kapellmusiker*innen in den nächsten Monaten intensiv beschäftigen. Unsere Entscheidung werden wir zum gegebenen Zeitpunkt verkünden“. Die Musiker dankten Thielemann für „zahllose musikalisch einzigartige Konzert- und Opernprojekte sowie Tourneen“. Sie hoffen auf „weitere musikalische Höhepunkte“ in den nächsten drei Jahren, etwa, wenn 2023 das Jubiläum zum 475. Gründungstag der Staatskapelle ansteht. „Und auch darüber hinaus – so der ausdrückliche Wunsch der Kapellmitglieder – möchten wir mit Christian Thielemann als Gast künstlerisch verbunden bleiben.“ Zugleich wollen die Musiker bei der Neuausrichtung der Semperoper „konstruktiv und aktiv“ mitwirken.

Liest man dies, dann scheinen sich Gerüchte zu bestätigen, dass die Kapelle bei der letzten Vertragsverlängerung ihres Chefs dem Ministerium selbst signalisiert habe, es sei dann genug mit dem Kapellmeister. Man suche einen Neuen. All dies befremdet viele: Lange Amtszeiten von Dirigenten sind nicht ungewöhnlich. Antonio Pappano steht in London seit zwanzig Jahren an der Spitze, Daniel Barenboim in Berlin seit dreißig, ohne sich abzunutzen. Mag der konservative Christian Thielemann in der Arbeit zuweilen schwierig sein und auch menschlich unberechenbar und divenhaft. Seine Strahlkraft aber als überragender Dirigent der Werke von Wagner, Weber, Strauss und Bruckner tun dem Haus, tun der Kapelle gut.

Gerade in Zeiten abnehmender Markenprägnanz ist das ein Pfund im internationalen Wettbewerb. Zumal diese Spezialisierung so treffend zur Tradition und Qualität der Kapelle passt. Sie macht viel vom unverkennbaren Klang des Orchesters aus. Dass dies aufs Spiel gesetzt wird, verwundert Kenner der Materie. Zumal auch andere Stilrichtungen stets sehr gut gepflegt worden waren.

Stark im Konzert und ebenso in Oper: der Maestro.
Stark im Konzert und ebenso in Oper: der Maestro. © Matthias Creutzige

Fassungslos über das Geschehen ist etwa der Rektor der Dresdner Musikhochschule Axel Köhler. Eine Trennung ist für ihn „künstlerisch nicht nachvollziehbar: Herr Thielemann ist mit der Staatskapelle seit Jahren auf einem unfassbaren künstlerischen Niveau.“ Trotzdem sehe er eine Menge Potenzial bei einem Orchester, das neben vielem anderen exemplarisch für die Erschaffung, Pflege und Entwicklung der Dresdner Musiktradition stehe, in Verbindung mit einem Dirigenten, der ein „geniales Gespür für die Interpretation genau dieser Musik“ hat.

Nun ist Köhler nicht irgendein Rektor. Er ist erfolgreicher Sänger und Regisseur, war kämpfender Intendant, der dann doch einer rigiden Kulturpolitik unterlag. Er kennt also das Geschäft und die Tricks bestens. Vor allem eint er seit zwei Jahren die einst ziemlich zerstrittene Dresdner Hochschule und bringt sie mit Projekten und Persönlichkeiten deutlich nach vorn. Erst im Herbst war ihm die Berufung Thielemanns als Honorarprofessor gelungen. Das überraschte, sagt doch der Kapellmeister von sich selbst, dass er gern faul sei und Zeit für seine Hobbys brauche. Immerhin: Unlängst gaben er und die Kapelle in der Semperoper Studenten unter Corona-Schutzauflagen einen Workshop.

Thielemann-Stipendium für Dresdner Studenten

Und Köhler plant weiter. Gönner wollen sogar einen „Thielemann-Preis“ einrichten. Meisterkurse mit dem Star sind geplant. Als deren Höhepunkt würden die Studenten die Kapelle in einem öffentlichen Konzert dirigieren. Und die Musiker sollen dann für die Stipendiatin/für den Stipendiaten votieren. „Für den Exzellenzanspruch unserer Hochschule ist Herr Thielemann ein enormer Gewinn.“ Köhler ist besorgt, wie die Entscheidung der Ministerin im negativen Falle ausgehen könnte.

Nun, vielleicht wird alles gut? Es sind ja noch Jahre Zeit. Vielleicht findet die Kapelle einen anderen Chef, der sie weiterbringt? Es sind Dirigentinnen im Gespräch. Vielleicht erfahren aber Thielemann und das Orchester noch, dass sie doch eigentlich ein ziemlich gutes Team sind? Vielleicht erkennt der neue Intendant, eine Frau ist im Gespräch, dass Thielemann doch eigentlich perfekt zur Kapelle und zum Schwerpunkt-Repertoire der Semperoper passt? Vielleicht arrangiert sich der Maestro mit dem gastweisen Arbeiten in Dresden, so wie er es bei den Berliner und Wiener Philharmonikern schon lange und glücklich pflegt? Gerade hat er sein Debüt beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gegeben. Aus Mailand liegt ihm wohl ein Angebot für einen „Ring“ vor.

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Eines ist klar. Spätestens an der Kasse und auch bei den fürs internationale Profil so wichtigen Dingen wie CD-/DVD-Aufnahmen oder Streams wird das Haus, wird die Kapelle schnell merken: Ein Christian Thielemann ist nicht so leicht zu ersetzen.

Richard Strauss „Capriccio“ – kostenfreier Stream vom 22. Mai 2021, 15 Uhr, bis 14. Juli 2021, 23.59 Uhr auf semperoper.de und arteconcert.com

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