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Sachsen verlängert Thielemann-Vertrag nicht

Der Leiter der Sächsischen Staatskapelle wird als Chefdirigent die Semperoper 2024 verlassen. Auch Intendant Peter Theiler wird aufhören. Wie geht es dann weiter?

Christian Thielemann hört als Leiter der Sächsischen Staatskapelle auf. Sein Vertrag wird nicht verlängert.
Christian Thielemann hört als Leiter der Sächsischen Staatskapelle auf. Sein Vertrag wird nicht verlängert. © Matthias Creutziger (Archiv)

Diese Nachricht wird für ein Raunen in den Medien und Spekulationen sorgen: Der Freistaat Sachsen lässt den Vertrag mit dem Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle Dresden Christian Thielemann zum Ende der Spielzeit 2023/24 auslaufen. Zugleich wird der Vertrag von Semperopern-Intendanten Peter Theiler bis zum Ende der Spielzeit 2023/2024 verlängert. Damit wird Theiler dann insgesamt sechs Jahre die Semperoper leiten.

Die Entscheidungen begründete Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) am Montag mit der Perspektive „Semper2030“. „Die Stille während der Corona-Krise lässt in den Hintergrund treten, dass wir bis heute auf eine erfolgreiche Intendanz von Peter Theiler und auf ein gutes Jahrzehnt der Sächsischen Staatskapelle Dresden mit ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann zurückblicken. Für die Zukunft müssen wir heute Entscheidungen treffen.“ Das beinhalte die Besetzung einer neuen Intendanz ab der Spielzeit 2024/2025. Zu dieser Perspektive gehört auch „die Chance, einen neuen Chefdirigenten oder eine Chefdirigentin zu berufen“, so Klepsch.

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Eine neue Zeit bricht an

Die Lösung ist interessant, klingt durchdacht und birgt große Chancen. Zum Ansatz sagt die Ministerin: „Eine Oper wird in zehn Jahren eine andere als die von heute sein: Sie wird teilweise neue Wege zwischen tradierten Opern- und Konzertaufführungen und zeitgemäßer Interpretation von Musiktheater und konzertanter Kunst gehen müssen. Das gilt auch für das Verhältnis zwischen dem gewohnten Besuch im Opernhaus und der Nutzung digitaler Angebote. Für diese Zukunftsperspektive werden wir nun die Leitung für die Semperoper der nächsten Dekade suchen.“ Im Klartext: Offenbar traut man den Herren diese Aufgabe nicht zu.

Intendant Peter Theiler (64) bleibt bis2024 ein Jahr länger, dann wird auch er das Haus verlassen.
Intendant Peter Theiler (64) bleibt bis2024 ein Jahr länger, dann wird auch er das Haus verlassen. © Ronald Bonß

Gerade die Corona-Zeit hat gezeigt, wie schlecht die Zusammenarbeit der beiden war und wie sie auf mögliche Anforderungen reagiert haben. Da ist zum einen, dass Intendant Peter Theiler sich lange weigerte, mit der Oper Streaming-Angebote zu machen – als eines der wenigen großen Häuser. Erst jetzt, auch durch Nachdruck aus dem Ministerium, wurden Streams der „Zauberflöte“ und von „Capriccio“ aufwendig angefertigt. Eine „Schwanensee“-Version ist in Planung.

Chefdirigent Christian Thielemann (62) wiederum machte in den vergangenen Monaten Stimmung mit seinen Musikern gegen die zwischenzeitlich verordnete Kurzarbeit am Haus. Er musizierte in Berlin und Wien mit den Philharmonikern, nur nicht mit seinem eigenen Orchester. Er machte Theiler Vorwürfe, sich nicht genug für die Belange der Staatskapelle einzusetzen, und forderte eine Bevorzugung gegenüber den anderen Sparten am Haus. Musiker wollten das Recht auf Arbeit einklagen, scheiterten aber. Im gesamten deutschsprachigen Raum berichtete man über den Dresdner Eklat, der beiden, vor allem aber der Semperoper, nicht gut tat.

Der unerwartete Paukenschlag der Nichtverlängerung hat aber sicher auch einen anderen Hintergrund. Peter Theiler wird noch im Mai 65 und ist 2024 im Pensionsalter. Der Freistaat lässt selten jemanden länger als bis 65 arbeiten. Insofern ist dieser Schritt konsequent. Einen neuen, ambitionierten Intendanten zu finden, der die ungewöhnliche Balance einer Semperoper als Oper der Stadt Dresden und auch eines der besten deutschen Opernhäuser bei gleichzeitiger Unterfinanzierung durch den Freistaat Sachsen und in einer Region ohne starke Sponsoren hinkriegen soll, ist ohnehin schwierig. Und so jemandem einen Platzhirsch wie Christian Thielemann vor die Nase oder an die Seite zu setzen, ist fast ausgeschlossen.

Kommt ein Dresdner Opernfestival unter Thielemann?

Man erinnert sich an das Zerwürfnis mit Serge Dorny, der ein innovativer Intendant werden sollte, aber mit dem konservativen Thielemann nicht klarkam. Dorny musste gehen, der Freistaat verlor vor dem Arbeitsgericht, zahlte ordentlich Entschädigung – behielt aber so den geschätzten Maestro.

Dabei ist Thielemann nicht einmal Generalmusikdirektor, vielmehr nur Chefdirigent, wenn auch ein musikalisch exzellenter. Er hat also keine Verantwortung fürs Haus, sondern nur für die Staatskapelle. Dennoch führte er sich oft genug wie der Chef der Semperoper auf, mit teils divenhaftem Benehmen.

Etwa wenn er urplötzlich mehr Probenzeiten beanspruchen wollte, obwohl alles zuvor mit ihm anders abgestimmt worden war. Auch brauchte er einen Großteil des Gagen-Etats des Hauses für die ausgesuchten Gäste seiner Produktionen. Führwahr, Thielemann holte die Besten, seine wenigen Abende in der Oper pro Jahr waren meist Höhepunkte. Wegen seinem „Ring“ beispielsweise kamen die Fans aus aller Welt.

Für Statements waren beide Herren am Montag nicht zu erreichen. Kein Problem: Sie sind ja noch lange da. Und Kulturministerin Klepsch plant offenbar mit dem Dirigenten über 2024 hinaus. Zumindest kann man das so deuten, wenn sie sagt: „Ich würde mich freuen, wenn Christian Thielemann mit seinem weltweit geachteten Profil auch weiterhin der Semperoper künstlerisch verbunden bleibt.“

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Ob das mit einzelnen Produktionen möglich ist oder gar mit der Leitung eines avisierten Dresdner Opernfestivals nach Vorbild der Salzburger Festspiele? Vieles scheint denkbar, der Maestro hat Erfahrungen dieser Art und Zeit: Seine Leitungspositionen der Salzburger Osterfestspiele und der Bayreuther Festspiele sind beziehungsweise werden alsbald enden.

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