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Dresdens Musikfestspiele sollen stattfinden

Intendant Jan Vogler hält trotz Corona-Pandemie an den Plänen fest. Teile des Programms sollen aufgeführt werden. Und er verlängert erneut seinen Vertrag.

Jan Vogler: Ein Berliner, der als ehemaliger Staatskapellen-Musiker und nunmehr langjähriger Dresdner Intendant längst ein guter Sachse ehrenhalber geworden ist.
Jan Vogler: Ein Berliner, der als ehemaliger Staatskapellen-Musiker und nunmehr langjähriger Dresdner Intendant längst ein guter Sachse ehrenhalber geworden ist. ©  PR

Der Dresdner Musiker und Festival-Intendant Jan Vogler ist sicher und hat doch einen Schnelltest dabei. Vor einem zumindest schweren Corona-Verlauf ist der 57-Jährige geschützt, weil er und seine Familie am Zeitwohnsitz New York bereits zweimal geimpft sind. Den Schnelltest hat der Chef der Dresdner Musikfestspiele und des Moritzburg Festivals dabei, weil er derzeit in Sachsen viele Gespräche führt: Er will nach der Absage der Festspiele im vergangenen Jahr an ihnen festhalten. Und das Programm für das Moritzburger Event hat er gerade veröffentlicht.

„Was auch kommt, die Musikfestspiele sage ich diesmal nicht ab. Ich bin wild entschlossen, sie durchzuführen, denn eine erneute Absage wäre eine Katastrophe: für die Menschen hier, die Künstler und das Festival.“ Ihm sei klar, dass er nicht das seit Jahren geplante und vor dem zweiten Lockdown veröffentlichte Programm umsetzen kann, aber, „was irgendwie möglich ist“. Die Gesellschaft braucht solche Momente, auf die man sich freuen kann, zu groß sei die seelische Vereinsamung vieler.

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"Ich bleibe optimistisch"

Viele Virtuosen, viele Orchester hatte er eingeladen, die teils sogar anreisen wollen. Doch Vogler, Chef des ältesten und größten Festivals im deutschsprachigen Raum seit 2008, sagt: „Es hat keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken oder gegen die Wand zu rennen. Wir müssen extrem flexibel und geerdet sein, Konzerte in kleinem Rahmen anbieten, dafür mehrere an einem Tag mit den gleichen Künstlern, damit mehr Publikum diese erleben kann.“

Er spinnt derzeit Fäden quer durch Europa und dürfte, so vernetzt, wie er ist, und da alle Künstler brennen, aufzutreten, noch für manche Überraschung sorgen. Er will Open-Air-Optionen prüfen, sich mit Fachleuten zu Teststrategien verständigen. „Ich bleibe optimistisch und werde den Festspiel-Zeitraum von Mitte Mai bis Mitte Juni in Dresden sein. Und sei es nur, um mit unserem Publikum zu telefonieren. Nach einem harten Winter ohne Musik brauchen wir alle Zuversicht. Kunst kann Energien freisetzen, wir sollten der Politik mit Angeboten helfen, dass dies möglich wird.“

Die Geigerin Anne-Sophie Mutter gehört zu den Stars, die Jan Vogler immer wieder mit Erfolg zu den Dresdner Musikfestspielen einladen konnte. Sie liebt den neuen Dresdner Kulturpalast und die Frauenkirche.
Die Geigerin Anne-Sophie Mutter gehört zu den Stars, die Jan Vogler immer wieder mit Erfolg zu den Dresdner Musikfestspielen einladen konnte. Sie liebt den neuen Dresdner Kulturpalast und die Frauenkirche. © dpa

Moritzburger Sommer: Konzerte sollen im Freien stattfinden

Völlig neu hat er gerade das Programm für das auf Kammermusik spezialisierte Moritzburg Festival im August konzipiert. Es sollen – wie schon 2020 – fast alle Konzerte im Freien stattfinden, auf der akustisch überraschend raffinierten Nordterrasse des augusteischen Schlosses und im Schlosspark Proschwitz. Das hatte sich vergangenes Jahr bewährt. Alle Veranstaltungen fanden statt, bei strikter Einhaltung der Hygiene-Vorschriften.

Für den Moritzburger Sommer 2021 konnte Vogler wieder Stars wie den Pianisten Louis Lortie und den Oboisten Albrecht Mayer gewinnen. Aber auch das Nachwuchsorchester der Festival Akademie soll auftreten. Ein Schwerpunkt sind jüdische Komponisten – „aus Anlass des Erinnerns an 1.700 Jahre jüdischer Kultur in Deutschland“. Am 12. April startet der Vorverkauf.

Jan Vogler wird auch als Cellist weltweit geschätzt.
Jan Vogler wird auch als Cellist weltweit geschätzt. © dpa-Zentralbild

Und wie ist es dem Cellisten Jan Vogler ergangen? „Ambivalent! Ich habe 35 Jahre durchgespielt, fast nie wegen Krankheit abgesagt, da spürt man durch den Wegfall so gut wie aller Konzerte seit einem Jahr ein Aufmerksamkeitsdefizit. Ein Künstler braucht die Rückkopplung vom Publikum. Es geht nicht um Beifall, sondern um die Spannung, die sich aufbaut, die anspornt.“

Zugleich habe er Zeit gehabt, Dinge mit dem Cello auszuprobieren, Sachen, die eingefahren schienen, „mal wieder auseinanderzunehmen“. Er hat an Schwachstellen gearbeitet. Und er hat das hochwertige Streaming mit etabliert, sogar die Bezahlplattform Dreamstage mit initiiert. „Ich bin eigentlich eine technische Niete, aber es gehört zum Job, dass wir diese technologische Revolution vorantreiben. Dreamstage kombiniert moderne Technik, sehr hohe Qualität und leichte Handhabung. Es war mir wichtig, dass der Besucher das Gefühl hat, er geht in einen virtuellen, nicht zu konventionellen Konzertsaal.“

Dreamstage ermöglicht Austausch der Besucher

Der Mehrwert von Dreamstage? Es würden keine Konzerte abgefilmt, sondern Künstler spielten live. „Das ist die Lücke.“ Und Vogler-typisch erhalten alle Genres, wie in seinen Festivals, ein Podium. „Vielleicht ist es der erste Ort überhaupt, an dem Musik einvernehmlich zusammenlebt, an dem sich etwa Hip-Hop und Klassik treffen und gegenseitig inspirieren?“

Circa alle sechs Wochen tritt Vogler bei Dreamstage mit Partnern auf. Seine Erfahrung: „Der Zuschauer hat durch die Kameras die Chance, Details zu sehen, die er sonst durch die Entfernungen im Saal nicht sieht. Gleichzeitig spürt der Künstler das Adrenalin genauso wie im Konzertsaal.“ Und die Leute blieben auch dran, anders als bei den vielen kostenlosen Streams, wo die Zugriffe meist nur minutenlang sind. Und es entstünde ein geradezu weltumspannender Austausch der Besucher, wie die Kommentare im Chat-Verlauf zeigten.

"Die Kultur muss sich ändern, sonst wird es schwierig, Unterstützer zu finden"

Für Vogler ist die neue Internetwelt entscheidend für die Zukunft seiner Musikfestspiele. „Corona hat das Thema jetzt verstärkt, aber als meine Aufgabe war es mir schon vor der Pandemie klar.“ Vor allem dürfte es entscheidend fürs immer wichtiger werdende Sponsoring sein. „Sponsoren sind an digitalen Projekten extrem interessiert, weil sich auch die Unternehmensphilosophien entsprechend verändert haben.“ Vogler muss es wissen, er war schon immer sehr gut darin, Mitfinanziers und Unterstützer als Partner zu gewinnen und zu halten. Gut ein Drittel des Etats der Musikfestspiele sind Sponsorleistungen. „Für mich ist ganz klar: Die Kultur muss sich ändern, auf die Unternehmen mehr zugehen, sonst wird es schwierig, Unterstützer zu finden.“

Gerade hat er erneut seinen Vertrag als Intendant der Dresdner Musikfestspiele verlängert: bis 2026. „Diesen Zeitraum brauchen wir, um die Krise zu bewältigen und einen großen Schritt mit neuen Technologien und Ansätzen in die Zukunft zu machen. Wir müssen neue Möglichkeiten der Verbreitung von Livemusik finden, das Tournee-Geschäft revolutionieren und den Konzertbesuchern ein Gefühl der Sicherheit geben. Damit ein Festival wie die Musikfestspiele für Künstler, Publikum und Freunde attraktiv bleibt, seine Strahlkraft für die Stadt und Region nicht nachlässt und den Tourismus bestmöglich befeuert.“

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