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Der Hass auf Othello ist aktueller denn je

Von wegen Frauenfeindlichkeit und Rassismus im Theater – über die positive Kraft der Kultur.

20.02.2017, ?für SZ honorarfrei,?Stephen Gould als Otello, ?Fotoprobe zu "Otello" von Giuseppe Verdi,?lyrisches Drama in 4 Akten, nach William Shakespeares Tragödie "Othello, the moor of Venice"?Sächsische Staatsoper Dresden,?Regie Vincent Boussard, St
20.02.2017, ?für SZ honorarfrei,?Stephen Gould als Otello, ?Fotoprobe zu "Otello" von Giuseppe Verdi,?lyrisches Drama in 4 Akten, nach William Shakespeares Tragödie "Othello, the moor of Venice"?Sächsische Staatsoper Dresden,?Regie Vincent Boussard, St © Matthias Rietschel

Von Ekkehard Klemm

Man kennt die Schlagworte: Gender, black facing, Frauenfeindlichkeit in der Kunst – Notizen eines Bühnen- und Orchesterpraktikers zur aktuellen Debatte.

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Die Bundespolizeidirektion Pirna sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt Unterstützung für die Leitungsposition eines Sachbereiches.

1. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Sie zu achten und zu schützen ist fern aller Verpflichtung staatlicher Gewalt wichtigster Auftrag einer Kunst, die als solche ernst genommen werden will. Solange es Menschen gibt, die sich von den Inhalten von Kunst in ihrer Würde angefasst fühlen, muss Kunst darauf mit Sensibilität reagieren. Ihre Freiheit allerdings steht nicht zur Disposition, insbesondere dann nicht, wenn sie von Gewalt bedroht wird.

Warum aber Gendersternchen oder Glottisschlag den Untergang des Abendlandes bedeuten sollen, ist nicht ersichtlich. Selbstverständlich ist das generische Maskulinum Ergebnis gesellschaftlicher Konventionen, wenn es keine Bäckerinnen oder Fleischerinnen gibt. Es darf deshalb infrage gestellt werden – auch, wenn es fürs Erste bemüht klingt. Geduld gehört zur Kunst dazu. Vielleicht ist das Sternchen eine Übergangslösung, die etwas in Bewegung bringt. „Maget, wib und vrouwe, da lit aller selden goum, maget ist ein boum“ – wer diesen 700 Jahre alten deutschen Text auf Anhieb übersetzen kann, dem sei sein Einspruch gegen die Wandlung von Sprache verziehen.

2. Die Rechte, Einsprüche und die Kritik vieler, die sich gegen eine männliche, westliche, weiße Dominanz wehren, kommen nicht von ungefähr und sind überaus ernst zu nehmen.

Jahrhundertelang hat Europa geherrscht und damit viel Leid in die Welt gebracht. Dass Rassismus und Kolonialismus nun aufgearbeitet werden, ist höchste Zeit. Die Vorwürfe gegen die Kunst trifft aber meist die Falschen. Im späten 19. Jahrhundert, erst recht mit dem Expressionismus des 20., sind die Einflüsse fremder Kulturen groß und wurden von Musikern und Musikerinnen sowie Malern und Malerinnen vehement vorangetrieben. „Die Aufklärung hat die Kritik am Eurozentrismus ja erst erfunden. Sie empfahl den Europäern, von anderen Völkern zu lernen, und hat ihre Kritik europäischer Zustände oft gerade aus der Perspektive anderer Kulturen formuliert“, bemerkt Susan Neiman, die Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Und aus der Sicht einer global vernetzten Medienwelt ist es leicht, über Theorien, Fehler und Verstrickungen kritischer und kreativer Geister vergangener Jahrhunderte zu richten. Von Luther über Galilei, Bach, Kant, Mozart bis hin zu Wagner werden wir überall fündig. Wollen wir aufhören, Eisler, Dessau, Schostakowitsch, Strauss oder Orff zu musizieren? Gefangene der Zeit und ihrer Systeme sind wir alle. Wer weiß, wie über uns einst geurteilt wird.

3. Klassische Musik ist weder rassistisch noch kolonialistisch. Eine differenzierte Diskussion tut Not.

Die großen Geister der Musikgeschichte haben jederzeit Grenzen überwunden, die Volksmusik, den Jazz, neue Impulse und fremde Töne integriert. Natürlich geht solches nicht von jetzt auf gleich, ebenso wenig wie die Eroberung der Konzertsäle durch Komponistinnen. Die Errungenschaft des gemeinsamen Musizierens unter Leitung eines spiritus rector ist trotz aller gegenteiliger Behauptungen ein Akt gelingenden demokratischen Miteinanders, nicht per se diktatorischer Strukturen. Das bürgerliche Konzert war ein Akt der Öffnung und Demokratisierung von Musik!

Niemand außer beispielsweise Pamina in Mozarts „Zauberflöte“ kommt ungeschoren davon, weder Sarastro noch die Sternflammende Königin, deren Titel sich auf ein bekanntes Altarbild bezieht, während ihre drei Damen als Dominikanerinnen kostümiert waren und damit die katholische Kirche repräsentierten, von Joseph II. scharf angegriffen als Quatschverein, der nichts tut, nur Geld kostet.

Wenn der Priester in der „Zauberflöte“ zum Prinzen Tamino sagt; „Ein Weib tut wenig, plaudert viel…“, dann ist das deshalb nicht frauenfeindlich, sondern ein Hieb gegen die Kirche. Der Vogelfänger Papageno ist der Nachplapperer des Papstes, der einsame Mohr Monostatos ein Opfer der Verhältnisse und seiner Zeit, vielleicht sogar ein Kommentar zum versteckten Rassismus des Tempelherren Sarastro, der wiederum die junge Pamina selbst bedrängt.

Solche Dinge legt künstlerisch kaum jemand aufregender frei als Mozart, und er tut es vor allem über die Musik! Eine intelligente Inszenierung wird den Osmin aus der „Entführung“ in ihrer Ambivalenz zwischen Sehnsucht nach Liebe und Rachegelüsten europäischen Herrenmenschen gegenüber ebenso überzeugend darstellen können wie den edlen Menschen Othello, der dem Rassisten Jago erliegt – was für ein zeitgenössisches Drama!

Natürlich ist George Gershwin zu verstehen, wenn er seinen „Porgy“ nicht von weißen Sängern dargestellt wissen will. Die Aufführung am Opernhaus in Karl-Marx-Stadt in den 70ern mit Egon Schulz in der Titelrolle und Carl Riha als Regisseur wird mir dennoch unvergessen bleiben – ich habe sie als Kind erlebt und nicht über black facing reflektieren können. Das Problem des Rassismus aber habe ich an diesem Abend erstmals sinnlich erlebt und fürs Leben abgespeichert.

Unser Autor ist Dirigent, Ensembleleiter, vielfach kulturpolitisch engagiert und war Rektor der Dresdner Musikhochschule „Carl Maria von Weber“

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