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Eher braunhaarig als blond

Forscher ergründen anhand von Gen-Analysen die Wikinger-Zeit in Skandinavien. Die Studie widerlegt manche Klischees.

Ist das Bild, das wir uns von den Wikingern machen, ein falsches? Sahen sie vielleicht eher so aus wie auf dieser Darstellung?
Ist das Bild, das wir uns von den Wikingern machen, ein falsches? Sahen sie vielleicht eher so aus wie auf dieser Darstellung? © Jim Lyngvild/dpa

Von Walter Willems

Blonde Hünen, die im Mittelalter auf ihren Raubzügen entlang von Küsten und Flüssen Angst und Schrecken verbreiteten – das ist das Klischee von den Wikingern. Eine große Genstudie liefert nun ein wesentlich differenzierteres Bild der Bevölkerung Skandinaviens während jener Zeit zwischen den Jahren 750 und 1050. Sie zeigt, dass sich verschiedene Gruppen je nach skandinavischer Herkunftsregion stark voneinander unterschieden und auch außerhalb Skandinaviens völlig verschiedene Einflussbereiche hatten. Das internationale Team berichtet im Fachblatt Nature auch, wie viel Wikinger-Erbgut in heutigen Skandinaviern und Menschen benachbarter Länder steckt.

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„Die Ereignisse des Wikinger-Zeitalters haben die politische, kulturelle und demografische Landkarte Europas auf eine Weise verändert, die bis zum heutigen Tag sichtbar ist“, schreibt das Team um Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen. So hätten sie Technologien, Sprache und kulturelle Praktiken in Teilen Europas und bis nach Asien verbreitet. Daneben gilt Leif Eriksson als erster Europäer, der Amerika betrat – 500 Jahre vor Christoph Kolumbus. Und Knut der Große regierte im frühen 11. Jahrhundert ein Reich, dass von Südschweden über Norwegen und Dänemark bis nach England reichte.

Berüchtigt sind die Wikinger für ihre Raubzüge, bei denen sie etwa hierzulande Ende des 9. Jahrhunderts wiederholt über Rhein und Mosel bis weit ins Rheinland vorstießen. Auch andere Flüsse Ost- und Westeuropas boten Einfallsrouten für die versierten Seefahrer, die auch im Mittelmeer und im Schwarzen Meer unterwegs waren. Das Wort „Wikinger“ geht auf die skandinavische Bezeichnung für „Pirat“ zurück.

Von Süden nach Norden

Um die Identität der Wikinger zu klären, sequenzierten die Forscher nun Genome von 442 menschlichen Überresten mit Wikinger-Bezug, die nicht nur aus Skandinavien stammen, sondern aus einem Gebiet, das von Grönland bis nach Polen und Russland reicht. Die Resultate glichen sie mit bereits zugänglichen Erbgut-Daten von gut 1.100 Menschen aus der Vergangenheit und mehr als 3.800 aus der Gegenwart ab.

Die Resultate ergeben ein überraschend uneinheitliches Bild – sowohl für Gruppen in Skandinavien als auch für ihre jeweiligen Einflusssphären. Grundsätzlich unterscheidet das Team drei Gruppen bezüglich ihrer groben geografischen Herkunft: Schweden-ähnlich, Norweger-ähnlich und Dänen-ähnlich. Die Grenzen dazwischen verliefen jedoch entlang natürlicher Barrieren und nicht entlang der heutigen Staatsgrenzen. So ähnelten etwa die Menschen im Südwesten des heutigen Schweden eher den dänischen Wikingern.

Auch die DNA dieses weiblichen Skeletts, das die Forscher in einer Wikinger-Grabstätte im schwedischen Varnhem fanden und „Kata“ tauften, ging in die Studie mit ein.
Auch die DNA dieses weiblichen Skeletts, das die Forscher in einer Wikinger-Grabstätte im schwedischen Varnhem fanden und „Kata“ tauften, ging in die Studie mit ein. © Västergötlands Museum/dpa

Die Schweden-ähnliche Gruppe – insbesondere auf der ostschwedischen Insel Gotland – weist demnach starke verwandtschaftliche Beziehungen zu Osteuropäern auf. Dies spiegelt auch die Handelsbeziehungen seit der Bronzezeit im Ostseeraum wider. Der Einfluss der norwegischen Gruppe dagegen reicht nach Irland, Island und Grönland, während die dänische Gruppe sich eher nach England hin orientierte. Allerdings veränderte sich die genetische Landschaft Skandinaviens mit der Zeit: „Wir haben herausgefunden, dass der Gen-fluss innerhalb Skandinaviens grob von Süden nach Norden verläuft und von Bewegungen aus Dänemark nach Norwegen und Schweden dominiert wurde“, schreibt das Team. Zudem kamen schon mindestens seit der Eisenzeit, die um 500 vor Christus begann, Menschen aus dem südlichen Europa und Asien nach Skandinavien. Die Inseln Gotland und Öland waren schon zur Römerzeit wichtige Handelsorte.

„Bisher wussten wir nicht, wie die Wikinger genetisch aussahen“, erklärt Willerslev. „Wir fanden genetische Unterschiede zwischen verschiedenen Wikinger-Populationen in Skandinavien, was zeigt, dass die Gruppen der Region viel stärker voneinander isoliert waren als bisher bekannt.“ Viele Wikinger seien eher braunhaarig als blond gewesen, was auf Einflüsse von außerhalb Skandinaviens zurückgehe.

Nicht zwangsläufig skandinavischer Abstammung

Besonders interessant ist die Analyse der frühesten bekannten Wikinger-Expedition Mitte des 8. Jahrhunderts – fast ein halbes Jahrhundert vor dem ersten schriftlich überlieferten Zeugnis eines Wikinger-Raubzugs im Jahr 793 im englischen Lindisfarne. Vor der Küste des heutigen Estland wurden bei dem Ort Salme 41 Männer aus Schweden, die gewaltsam zu Tode kamen, mit Waffen in zwei Schiffen bestattet. Die genetische Analyse von 34 von ihnen zeigt, dass in einem Schiff vier Brüder bestattet wurden sowie ein Verwandter dritten Grades. Auch die anderen Männer kamen vermutlich aus der gleichen Gegend, glauben die Wissenschaftler aufgrund der genetischen Ähnlichkeiten. Solche Expeditionen hätten sich gewöhnlich aus Männern einer Lokalität zusammengesetzt, folgert das Team.

Die Analyse eines Grabes aus dem schottischen Orkney zeigt zudem, dass Wikinger nicht zwangsläufig skandinavischer Abstammung waren. Die beiden dort bestatteten toten Männer ähneln genetisch heutigen Iren und Schotten, wurden jedoch nach Wikinger-Art mit Schwertern und anderem Zubehör beigesetzt.

Die heutigen Menschen in Skandinavien ähneln der Studie zufolge noch immer stark den damaligen Bewohnern der Region. Ausnahme ist Schweden, wo nur noch etwa 15 bis 30 Prozent des Erbguts auf die damalige Bevölkerung zurückgehen. In Polen stellen skandinavische Einflüsse heutzutage bis zu fünf Prozent der Erbguts, in England maximal sechs Prozent. (dpa)

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