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Ein Dresdner mit Leidenschaft für den Film

Leopold Pape ist der Sohn des berühmten Sängers - und produziert Filme. Sein jüngstes Werk über Vietnamesen in Deutschland lässt jedes Klischee aus.

Der Filmproduzent Leopold Pape.
Der Filmproduzent Leopold Pape. © Tobias Pfefferle

Von Andreas Körner

Eine blecherne Stimme sagt auf Vietnamesisch, Bay solle doch die Brille abnehmen, damit Tam sie besser küssen kann. Sie kichert wie ein junges Mädchen, er drückt ihr einen verhuschten Schmatz auf die Wange und in 10 000 Kilometer Entfernung ist die Freude groß.

Thi Bay Nguyen und Trung Tam Mai sind ein Ehepaar und online. Wieder sitzen sie in ihrer engen Wohnung vorm Monitor und skypen mit der alten Heimat. Für sie ist es Parallelwelt und erfüllender Alltag nach harter Arbeit als Reinigungskräfte. Morgen wird Bay in einem Karaoke-Chat ein nächstes Volkslied singen, übermorgen gibt Tam Ratschläge zur Haussanierung nach einem schweren Taifun. Die Mais haben zwei Kinder, die 60 passiert und über drei Jahrzehnte dieser Lebenszeit in Deutschland verbracht. Nein, nicht im Osten, sondern im Westen. Auch kamen sie nicht als Gastarbeiter, sondern illegal als Boatpeople übers Meer. Und, noch mal nein, die Gründe dafür waren privat, nicht politisch. Mit vermeintlichen Klischees kommt man im Dokumentarfilm „Mein Vietnam“ nicht weit.

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Er erzählt keine Biografien, sondern beobachtet sich in sie hinein. Kein intellektuell aufbereiteter Erklärfilm sollte entstehen, sondern Nähe durch Emotion. 70 kurze Minuten lang ist das Publikum mit Bay und Tam zusammen. Die großen Themen laufen nebenbei oder danach: Identität, Sprache, Sehnsucht, Familie, Entfremdung.

Vietnamesen sind bei uns unsichtbar

Gedreht haben „Mein Vietnam“ Hien Mai und Tim Ellrich, produziert hat ihn mit Leopold Pape ein junger Dresdner, der seit 2017 an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg zum zweiten Mal studiert. „Ich kann jetzt erst sagen“, so Pape, „dass ich ungefähr eine Idee davon habe, wie Vietnamesen in Deutschland leben, egal, ob sie nun Blumenhändler, Imbissbetreiber oder Putzkräfte sind. Wir wollten herausfinden, was es mit Menschen macht, die privat über Tausende Kilometer hinweg als dauerhafte Lebensrealität nur auf Bildschirmen existieren.“

Hinzu komme, so der Produzent, dass wir so gut wie nichts von diesen Menschen wüssten. „Sie gehören zu unserer Gesellschaft, sind aber unsichtbar. Ich finde wichtig, dass wir ihnen durch den Film Sichtbarkeit geben können.“ Die Tatsache, dass es Mutter und Vater der Regisseurin sind, war ein Glücksfall. Leopold Pape sagt: „Hiens Mut, so unverstellt und ohne jede Scham über ihre Eltern zu erzählen, war erstaunlich. Und immer ist Hiens Bewunderung dafür zu spüren, was sie geleistet haben.“

„Mein Vietnam“ ist in dieser Woche beim Festival Max Ophüls Preis online zu sehen.
„Mein Vietnam“ ist in dieser Woche beim Festival Max Ophüls Preis online zu sehen. © Filmakademie B.-Württemberg

Die Weltpremiere feierte „Mein Vietnam“ 2020 auf dem Hot Docs Festival Toronto, die deutsche Premiere steigt in dieser Woche auf dem 42. Festival Max Ophüls Preis, dem wichtigsten Treffen für jungen deutschsprachigen Film, das in Saarbrücken stationiert ist und diesmal als reines Online-Event durchgeführt wird. Die Reichweite ist also größer. Glück im Unglück vielleicht für den ersten Dokfilm von Leopold Papes Produktionsgesellschaft Coronado Film.

Dass der Sohn von Opernsänger René Pape beim Film landen würde, war ein Prozess: „Schon während meines Studiums der Theater-, Film- und Medienwissenschaften in Wien habe ich gemerkt, dass ich mich besonders zum Film hingezogen fühle. Zunächst natürlich als eifriger Zuschauer, dann wollte ich einfach wissen, wie man Filme konzipiert, finanziert, ausstattet und dreht.“ In Wien traf Pape auf Tim Ellrich und gründete mit ihm Coronado. Beide realisierten 2016 den ersten Kurzfilm „Die Badewanne“, der auch beim Filmfest Dresden lief, und schrieben sich in Ludwigsburg ein. Nach weiteren Kurzen entsteht gerade ein erster gemeinsamer abendfüllender Spielfilm.

Lieber nicht selbst Regie führen

Im Gespräch zeigt sich Leopold Pape, Jahrgang 1992, sehr geerdet und beeindruckt mit seiner glühenden Leidenschaft für das Produktionsfach: „Ich habe bei einem Kurzfilm selbst Regie geführt und schnell gemerkt, dass ich nicht dieser kreative Kopf bin, der über eine lange Zeit allein zu Hause sitzt, schreibt und bei dem dann alle inhaltlichen Fäden zusammenlaufen. Das Produzieren aber hat mich glücklich gemacht, die Begegnungen und Gespräche, der Austausch von Ideen, dass so viele Menschen an einem Strang ziehen. Mein Wunsch als Produzent ist es, alle Beteiligten im gleichen Maße für einen Film zu begeistern.“ Peter Rommel, der langjährig und erfolgreich vor allem mit Regisseur Andreas Dresen arbeitet, soll da Orientierung sein. „Weil Filmen bedeutet, wirklich gemeinsam durch dick und dünn zu gehen und die schönsten und schlimmsten Momente zusammen zu erleben. Es entstehen echte Beziehungen, die, wenn es gut kommt, halten. Das ist der Reiz für mich.“

Produzenten werden immer wichtiger

Regisseure und Schauspieler stehen öffentlich viel stärker im Fokus als Produzenten. Der Beruf wird oft nur aufs Geldbeschaffen und Geldverdienen reduziert, von fragwürdigen Methoden im Umgang mit Menschen ganz zu schweigen. Das ist Klischee wie Vorurteil zugleich, wurde in letzter Zeit allerdings durch eher unrühmliche Personalien gestärkt. Leopold Pape weiß das, aber auch, dass der Produzent in Zukunft immer wichtiger wird, vor allem aufgrund aufstrebender Streamingformate.

Was die Wahrnehmung betrifft, ist er gelassen. „Mir geht es darum, dass der Film Öffentlichkeit bekommt. Allerdings fände ich es gut, wenn das Publikum mehr davon erfahren würde, was und wie ein Produzent arbeitet, wie komplex sein Job ist, dass er eben nicht nur mit Zahlen jongliert, sondern mit dem gleichen Herzblut bei einem Projekt dabei ist wie die anderen.“ Sicherlich geht es auch bei Pape zukünftig in Richtung der Idee von Filmkollektiven, in denen die einzelnen Gewerke eher auf spannende Weise verschmelzen.

Mit Coronado Film ist der Anfang gemacht und mit „Mein Vietnam“ liegt ein Werk vor, das, wenn die Kinos wieder öffnen, auch abseits von Festivals größere Resonanz beim tagesaktuellen Filmfreund verdient hätte. In dieser Woche könnten viele Klicks im Netz helfen. Und dort sind die Filmemacher dann nicht nur mit Zuschauerinnen und Zuschauern vereint, sondern irgendwie ja auch mit „ihren“ Vietnamesen Bay und Tam.


Alle 98 Filme des Festivals Max Ophüls Preis 2021 sind ab Montag online hier zu sehen. Bis Freitag gibt es eine Publikumsabstimmung.

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