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Ein ganz normales Weihnachten

Die Menschen haben das Fest der Feste immer schon gedreht und gewendet, wie sie es wollten. Wie wird es wohl zu Zeiten des Lockdowns?

Vielleicht wird es ja trotz Corona genauso wie „alle Jahre wieder“?
Vielleicht wird es ja trotz Corona genauso wie „alle Jahre wieder“? © plainpicture/Thordis Rüggeberg

Von Roland Löffler

Eigentlich ist der Advent eine Zeit der Buße, der inneren und äußeren Vorbereitung auf einen Höhepunkt des Jahres. „Adventus Domini“ – das bezeichnet im Lateinischen die „Ankunft des Herrn“, also das Warten auf die Menschwerdung Gottes in Jesus Christi, wie sie an Weihnachten gefeiert wird. Die liturgische Farbe dieser Wochen ist deshalb Lila – so wie in der Passionszeit vor Ostern. Auf die Ankunft Gottes bereitet man sich in allen religiösen Traditionen mit Fasten, mit innerer Reinigung, mit Konzentration auf das Wesentliche vor. In Zeiten des vorweihnachtlichen Konsumrausches, einer schier unausweichlichen Weihnachtsbeleuchtung, der Leckereien und der feucht-fröhlichen Weihnachtsfeiern scheint der Verweis auf den sowieso sperrigen Gedanken der Buße und der Einkehr wie aus der Zeit gefallen zu sein.

Zugleich gehört die Sehnsucht nach einer ruhigen, besinnlichen, familiär geprägten Weihnachtsstimmung ebenso zum Grundton jener fünf Wochen wie die Jagd nach den letzten Weihnachtsgeschenken im Privaten, dem hektischen Abschluss von Projekten, Rechnungen und Jahresberichten im Beruflichen. Vielleicht ist Weihnachten gerade wegen dieser Zerrissenheit das Familienfest der Moderne geworden.

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Historisch ist das Weihnachtsfest, wie wir es heute kennen, kaum älter als 200 bis 300 Jahre. Natürlich gab es immer Feste, die sich um Themen wie Licht und Finsternis, Ende und Anfang des Jahres, Erwartung und Erfüllung drehten. Zum Fest der bürgerlichen Moderne mit Baum, Adventskranz, einem Kanon an Liedern wurde Weihnachten jedoch erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, wie die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann gezeigt hat. Das privatistische Biedermeier entwickelt mit dem „Fest der Feste“ einen Ursprungsmythos der Familie und gab vor, dass die meisten Gebräuche „schon immer da gewesen waren“.

Aus der heiligen wird die bürgerliche Familie

Dem Fest der heiligen Privatfamilie setzte der aus Niesky stammende Friedrich Schleiermacher mit seiner 1806 erschienenen Schrift „Die Weihnachtsfeier“ ein Denkmal. Für den bedeutendsten evangelischen Theologen des 19. Jahrhunderts war Religion das „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“. Weihnachten erschien ihm deshalb als „Symbol für die göttlichen Wohltaten und Fügungen“ und der Kreis der häuslichen Gemeinschaft als die ideale Gemeinde. Im Idealfall erwachse aus diesem Feste ein kraftvolles „Gottesbewusstsein“. Ein bisschen des Offenbarungsgeschehens Gottes bleibt also bei Schleiermacher noch vorhanden, von Buße ist schon in der Romantik nicht mehr die Rede.

Und so ändern sich auch die Protagonisten der Weihnacht: Aus der heiligen Familie um Maria und Joseph wird die bürgerliche Kleinfamilie, neben das Jesuskind rückt der eigene Nachwuchs. Das Fest der Liebe Gottes verschiebt sich zum Fest der Liebe im Allgemeinen und der privaten Gemeinschaft im Speziellen. Aus dem Wohnzimmer wird die Privatkathedrale. So wird das Weihnachtsbrauchtum zur religiösen Gestaltung der bürgerlichen Welt, erläutert der Theologe und Journalist Matthias Morgenroth. Er verweist darauf, dass das Weihnachtsfest zunehmend die Rolle erhielt, "das Unverfügbare im Verfügbaren, das Unendliche im Endlichen" herzustellen.

Die christliche Religion kann, muss aber nicht zwangsläufig dabei eine Rolle spielen. Umfragen zufolge nimmt immerhin ein Drittel der Kirchenmitglieder an den Weihnachtsgottesdiensten teil, sie kommen mit einer Sinn- und Stimmungserwartung in die Kirchen, auch oder gerade weil sie in den anderen Monaten diesen Ort meiden. Sie praktizieren, so die Forschung, eine „distanzierte Kirchlichkeit“, also eine recht autonome Form christlicher Religiosität, die zwischen der Bejahung bestimmter Riten wie Taufe, Hochzeiten, Beerdigungen, Kirchenkonzerten und einer gewissen Fremdheit gegenüber der verfassten Kirche mit ihren Regeln und Dogmen schwankt. Weihnachten wird, so Morgenroth, genau an dieser Stelle zur „lebensweltlichen Andockstelle“, an der die Kirchenmitglieder aus ihrem normalen Leben heraus den Weg zur Kirche finden. Er spricht deshalb auch von einem "Weihnachts-Christentum".

Suche nach Sinn und Erklärungen

Wie aber wird sich das bürgerlichste der bürgerlichen Feste unter Lockdown-Bedingungen gestalten? Der Kreis der Familie wird durch die staatlichen Restriktionen stark begrenzt, in Sachsen muss der Einzelhandel in seiner stärksten Verkaufsphase die Türen schließen – und ob und in welchem Umfang Christvespern am Heiligen Abend stattfinden, ist heute kaum absehbar. Die Sinnstiftung wird noch stärker privatisiert, vielleicht führt der zweite Lockdown sogar zu einem weiteren Säkularisierungsschub. Dass Ruhe bereits ab dem 14. Dezember in Sachsen einkehrt, ist nicht zu erwarten. Die Corona-Schutzmaßnahmen werden eher für weitere Unruhe sorgen. Auch und gerade in einer säkularen Gesellschaft suchen Menschen nach einem Sinn ihres Lebens, nach Erklärungsmustern. Dass Verschwörungserzählungen im Moment Konjunktur haben, bestätigt diesen Trend. Auch sie sind ein Produkt der bürgerlichen Moderne, ein Versuch, komplizierte, vielleicht sogar unerklärliche, globale Zusammenhänge verständlich zu machen – mit einem Mix aus validen oder gefakten Statistiken, scheinbarer Plausibilität und kruden Thesenbildungen, Schuldzuweisungen, ja, sogar Bußaufforderungen gegenüber Politikern und Wissenschaftlern wegen scheinbar falscher Entscheidungen.

Auch die Feiertage werden in diesem Jahr von Corona bestimmt. Wahrscheinlich werden sich nach Weihnachtsgans und Bescherung viele Familien über Sinn und Unsinn der aktuellen Politik streiten. Vielleicht wird also alles dann doch wie „alle Jahre wieder“? Weihnachten 2020 wird vermutlich ein Fest mit einer hohen Fallhöhe werden: zwischen hohen Harmonie-Erwartungen rund um die ach so heilige, analog oder am digitalen Weihnachtsbaum versammelte Familie mit ihren ganz normalen Menschen, deren Hoffnungen und Probleme sich eben auch zwischen dem 24. und 26. Dezember nicht gänzlich abschalten lassen. Wahrscheinlich wird Weihnachten so, wie es der katholische Theologe Karl Rahner einmal beschrieb: „Es ist jedes Jahr dasselbe: etwas Stimmung, einige fromme und humanitäre Phrasen, ein paar aufwendige Geschenke (mit der Mühe, sich nachher dafür zu bedanken). Und dann geht alles weiter wie bisher.“ So ist sie, die bürgerliche Moderne – egal, ob mit oder ohne Pandemie.

Der Autor ist Theologe und Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung

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